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Abel Antón wird zum Volkshelden

ehemaliger BERLIN-MARATHON-Sieger verteidigt nach taktischer Glanzleistung den WM-Titel in Sevilla

02.09.1999

Der Spiridon Louis Spaniens heißt Abel Antón. Der Grieche hatte sich mit seinem Marathon-Sieg bei den ersten Olympischen Spielen von Athen 1896 ein Denkmal gesetzt, Abel Antón wurde bei seinem Triumph über die klassischen 42,195 Kilometer wie ein Volksheld gefeiert. Bei den Leichtahtletik-Weltmeisterschaften verteidigte der 36-jährige Spanier am Samstagabend seinen Titel und gewann in 2:13:36 Stunden vor dem Italiener Vincenzzo Modica (2:14:03) und dem Japaner Nobuyuki Sato (2:14:07). Antón war genau 20 Sekunden langsamer als vor zwei Jahren in Athen. Dafür allerdings herrschten in Sevilla noch etwas höhere Temperaturen als 1997. Offiziell wurden beim Start im Stadion 29 Grad angegeben. Doch dabei handelt es sich offenbar um Schattentemperaturen. Auf den Straßen Sevillas dürfte es wie an den Tagen zuvor in der Sonne zeitweise über 40 Grad heiß gewesen sein. Der Asphalt war eine Kochplatte, das Rennen wurde eine Hitzeschlacht. Trotzdem säumten rund 100.000 Zuschauer den Rundkurs im Zentrum Sevillas.

"Es war eines der größten emotionalen Erlebnisse in meinem Leben. Alle kamen hierher, um eine spanische Medaille zu bejubeln - ich konnte ihnen diesen Traum erfüllen. Es war etwas ganz besonderes, als erster Marathonläufer zum zweiten Mal Weltmeister zu werden - und das dann auch noch in Sevilla", sagte Abel Antón, der sich später für die Unterstützung durch die Zuschauermassen auf den Straßen bedankte. Die Spanier schrien ihren Helden förmlich zum Sieg.

In dem angesichts der Hitze erwartungsgemäß lange Zeit langsamen Rennen sorgte während der ersten Hälfte der marokkanische Außenseiter El Mostafa Damaoui für Unterhaltung. Er löste sich aus der großen Gruppe, erlief einen Vorsprung von rund einer Minute, winkte den Zuschauern zu und klatschte sogar einige von ihnen beim Vorbeilaufen ab. Der Marokkaner wußte noch nicht, was kommen mußte. Nach Zwischenzeiten von 17:03 Minuten (5 km), 32:30 (10 km), 48:01 (15 km), 1:03:55 Stunden (20 km) und 1:07:24 (Hälfte) wurde er müde, während sich in der Verfolgergruppe etwas tat. 27 Läufer hatten Kilometer 20 nach 1:04:55 Stunden erreicht, darunter alle sechs Spanier und die anderen Favoriten. Danach wurde das Tempo dieser Gruppe schneller. Der Südafrikaner Gert Thys, mit seiner Bestzeit von 2:06:33 Stunden der schnellste Läufer im Feld, unternahm den ersten Vorstoß, doch Kenias Simon Biwott schloß die Lücke wieder und führte die Gruppe heran. Doch der Abstand zum führenden Marokkaner verringerte sich. Bei Kilometer 25 führte Damaoui noch, kurz danach wurde er eingeholt. Einen neuen Vorstoß startete dann bei Kilometer 26 der Japaner Nobuyuki Sato.

Bei 30 km (1:35:30) hatte Sato, der 1998 Zweiter in Fukuoka in 2:08:48 gewesen war, 18 Sekunden Vorsprung auf seine Verfolger. Diese Gruppe bestand aber nur noch aus neun Läufern. Nicht mehr dabei waren zum Beispiel die beiden spanischen Mitfavoriten Martín Fiz und Fabian Roncero. Während der Weltmeister von 1995, Fiz, etwas zurückgefallen lief und schließlich in 2:16:17 Stunden noch Achter wurde, stieg der Rotterdam-Marathon-Sieger von 1998 und spanische Rekordhalter (2:07:23 Stunden) aus.

Nur noch fünf Läufer verfolgten Sato bei 35 km (1:51:10): Thys, Biwott, Antón, Modica und der Portugiese Luis Novo. Kurz darauf legten Modica und Antón zu und machten sich gemeinsam an die Verfolgung des Japaners. Die Vorentscheidung erzielte der Spanier dann bei Kilometer 37. "Als der Italiener etwas langsamer wurde, um nach Wasser zu greifen, veränderte ich das Tempo. Das war der entscheidende Moment", erklärte Abel Antón, der kurz darauf den Japaner erreichte und an ihm vorbeizog.

Als die Zuschauer auf der Videotafel sahen, dass Abel Antón an einem Verpflegungsstand beschleunigte, den später zweitplatzierten Italiener Vincenzo Modica hinter sich ließ und den führenden Japaner Nobuyuki Sato angriff, tobte das Stadion. "Als ich Antón sah, wußte ich, dass er zu stark ist für mich", sagte Sato. Der Sieger war ein taktisch glänzendes Rennen gelaufen. Während sich zunächst der marokkanische Außenseiter El Mostafa Damaoui und dann auch die zum Favoritenkreis zählenden Gert Thys (Südafrika), Simon Biwott (Kenia) und der Vize-Europameister Danilo Goffi (Italiener) durch ihre Tempoarbeit zermürbten, hielt sich Abel Antón lange Zeit zurück und sparte Kraft.

Wie viele andere Weltklasse-Marathonläufer lebt Abel Antón in einer leistungsfördernden Höhenlage in der spanischen Provinz Soria. Früher ein exzellenter Bahn-Langstreckler, der 1994 über 10.000 m Europameister war und über 5000 m Platz drei belegte, wechselte Antón nach den Olympischen Spielen 1996 zum Marathon, weil er über 10.000 m angesichts der starken afrikanischen Konkurrenz wenig Perspektiven sah. Auf Anhieb gewann er dann 1996 den Berlin-Marathon in 2:09:15 Stunden. Der Spanier siegte auch bei seinen nächsten beiden Rennen in Gyongju (Japan) und in Athen 1997. In der Weltklassezeit von 2:07:57 Stunden triumphierte er im Jahr darauf in London.

"Wir sind die Weltmeister, und wir werden wieder Weltmeister, denn wir haben das stärkste Team der Welt", hatte Martín Fiz angekündigt, der sich allerdings am Ende mit Platz acht in 2:16:17 Stunden zufrieden geben musste. In der Tat: die Spanier stellten nun während der letzten sechs großen Meisterschaftsrennen vier Mal den Sieger, gewannen insgesamt sieben Medaillen und hatten zusammen 13 Platzierungen unter den ersten Sechs. Lediglich bei den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta und bei den Europameisterschaften im vergangenen Jahr in Budapest waren sie leer ausgegangen.


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