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Grete Waitz - ein Laufidol verändert eine Stadt

DIE KOLUMNE ZUM MITTWOCH

24.05.2000

Grete Waitz macht Oslo jedes Jahr - zumindest für einen Tag - zur Stadt der Frauen:
Zwischen 30 000 und 40 0000 Frauen machen in jedem Frühjahr die Stadt unsicher.

Seit 1984 findet in Oslo der Grete-Waitz-Lauf statt, der Frauenlauf, der weltweit
die meisten Teilnehmerinnen aufweisen kann. Ins Leben gerufen hat ihn die norwegische
Lauflegende Grete Waitz, die neun Mal den New York Marathon gewonnen hat, und die sich
bis heute für Frauen im Freizeit- und Breitensport einsetzt. Der Lauf geht über 5 km
und er führt vom Frogner-Skulpturen-Park im Herzen Oslos in das berühmte Bislett
Stadium (vor dem ihr eigenes Denkmal steht).

Am ersten Lauf 1984 nahmen 3300 Frauen teil, bis Mitte der 90er Jahre war die Zahl
der Läuferinnen auf ca. 50 000 angewachsen, und das, obwohl Oslo nur 500 000 und
ganz Norwegen nur 4,4 Millionen Einwohner/innen hat. Ein relativ geringer
Prozentsatz der Teilnehmerinnen läuft in der "Eliteklasse" oder der "Wettkampf-
klasse" um Meter und Sekunden. Der überwiegenden Mehrheit reicht es, am Ziel
anzukommen und eine Teilnehmerinnenmedaille zu erhalten. Die meisten joggen
langsam, viele walken, manche haben einen Kinderwagen dabei, andere singen oder
führen zwischendurch eine kleine Tanzeinlage vor. An diesem Tag steht jedenfalls
Oslo ganz im Zeichen der Frauen und des Frauenlaufs.

Ziel ist es nach Grete Waitz, Frauen jeden Alters zu motivieren, Laufen als
freudvollen Sport zu erleben.

Eine Befragung von Läuferinnen, die meine Kollegin Kari Fasting von der Norwe-
gischen Sportuniversität, durchgeführt hat, ergab, daß die überwiegende Mehrzahl
der Teilnehmerinnen vom Lauf begeistert war, und das trotz mancher Organisations-
probleme, mit denen die Läuferinnen wegen der riesigen Teilnehmerinnenzahlen beim
Start und beim Ziel zu kämpfen hatten. Auch die Laufstrecke von 5 km wurde von
fast allen für richtig gehalten. Die Fragen nach Alter, Beruf, Familienstand
zeigten, daß die Läuferinnen im großen und ganzen ein Abbild der weiblichen
Bevölkerung Norwegens sind - mit einer Ausnahme, Frauen mit höherer Bildung waren
etwas überrepräsentiert. 1999 war die älteste Läuferin übrigens 100 Jahre alt,
das Durchschnittsalter Betrug 41, 5 Jahre. Und es sind jedes Jahr viele
"Einsteigerinnen" dabei, von denen aber fast alle überzeugt waren, daß sie im
nächsten Jahr wieder teilnehmen wollten Es ist nicht verwunderlich, daß die
befragten Läuferinnen in ihrer Freizeit sportlich aktiv sind. Etwa die Hälfte
von ihnen gab an, regelmäßig ein oder zweimal wöchentlich intensiv Sport zu
treiben, allerdings hielten sich die meisten nicht mit Laufen, sondern mit
Wandern fit. 22 % der befragten Teilnehmerinnen trainierten extra für den Grete-
Waitz-Lauf, für diese Gruppe war der Lauf Anlaß und Anreiz zu sportlicher
Betätigung. Nur 45 % der Läuferinnen waren in einem Sportverein aktiv.,
65 % gehörten keinem Sportverein an. Diese Befragungsergebnisse machen deutlich,
daß der Grete-Waitz-Lauf gerade auch Frauen anspricht, die nicht ohnehin zur
"Laufszene" gehören und die nicht organisiert Sport treiben.

Typisch für den Frauenlauf in Oslo ist, daß Frauen in Gruppen laufen. Nur 5 %
der von meiner Kollegin befragten Teilnehmerinnen liefen alleine, die anderen
mit Freundinnen, Kolleginnen oder Familienmitgliedern, oft Mütter mit ihren
Töchtern. Typisch ist auch, daß der Lauf Partyatmosphäre hat. Manche Gruppen
treffen sich schon vorher, um gemeinsam im Park zu picknicken und zu feiern,
und daß hinterher ein großes Fest steigt, ist klar.

Und es ist üblich, sich zu verkleiden, Dabei wenden die Frauen viel Phantasie
auf: So tragen Betriebskolleginnen oft ihre Berufskleidung: Dann laufen da
Krankenschwestern, Kellnerinnen, Soldatinnen oder Polizistinnen, manche
verkleiden sich auch als Hexen oder Clowns.

Was motiviert so viele Frauen, an diesem Lauf teilzunehmen?

In der erwähnten Befragung meinten fast alle: Es macht Spaß - oder die
Atmosphäre ist toll, oder es ist wie eine große Party. Bei weiteren Nachfragen,
was es denn sei, was so viel Spaß mache - kamen Antworten wie: Es ist die
Gemeinschaft, die Gruppe, und die gemeinsame Aufgabe: "Wir treffen uns schon
Wochen vorher, wir laufen zusammen und wir denken uns Kostüme aus und fertigen
sie an", meinte eine der Läuferinnen. Eine andere betonte: "Das ist doch eine
tolle Show, da sieht man was Frauen alles auf die Beine stellen können." Und
eine 85jährige die mit ihren beiden 74 und 68jährigen Freundinnen unterwegs war,
meinte: "Ich finde das toll, daß jede der anderen hilft - jede ist Siegerin,
es gibt gar keine Verlierer ... und man kann teilnehmen, auch wenn man nicht
gut in Form ist."

Auf die abschließende Frage, warum so viele Frauen am Osloer Frauenlauf teilnehmen,
nannten die Frauen fünf Gründe: Alle können mitlaufen; man fühlt sich gut
aufgehoben in der Gemeinschaft, die Atmosphäre ist locker, es macht einfach Spaß
und es machen nur Frauen mit. Meine norwegische Kollegin, für die der Grete-
Waitz-Lauf einer der wichtigsten Termine in ihrem Terminkalender ist, meinte,
als ich sie bat, mir ihren Eindruck vom Grete-Waitz-Lauf zu schildern: "Der
Frauenlauf in Oslo ist alles zugleich, Sportereignis, Spektakel, Karneval,
Frauentreffen ... kurz ein riesiges Happening. Die Frauen haben ihren Spaß,
während des Laufes und danach, wenn sie - oft mit ihren Familien - ihren Erfolg
feiern, und Erfolg heißt hier: angekommen zu sein."

Manche Männer sehen das allerdings anders. In einer Zuschrift an die norwegische
Zeitschrift "Verdens Gang" empörte sich ein Leser: "Der Grete-Waitz-Lauf sei
für Frauen aus ländlichen Gebieten doch nur ein Anlaß, von ihren Männern
wegzukommen, sich zu besaufen und die Osloer Busfahrer anzumachen." Wer wissen
will, ob dies stimmt, der sollte im nächsten Mai nach Oslo fahren und es nachprüfen.

Prof. Dr. Dr. Gertrud Pfister (FU Berlin)

PS: In Skandinavien haben die Frauen mit Sicherheit eine andere Einstellung zum
Laufen und zum Sport. Aufgrund ihrer Erziehung, der sportlichen Einstellung von
Kindesbeinen an, ihrer Emanzipation, der stärkeren Einbindung zur Natur lassen
Frauenläufe aus den Nähten platzen. Der "Tjemilen" in Stockholm hat über 30.000
Teilnehmerinnen. Über ganz Schweden verteilt existiert eine Frauenlaufserie, die
über 10.000 Frauen in den jeweils mittelgroßen Städten an den Start bringt. Auch
in Helsinki findet ein Frauenlauf mit annähernd 30.000 Teilnehmerinnen statt und
ist ein weiteres Musterbeispiel für die Attraktivität des Frauensports.
Was hindert eigentlich die deutschen Frauen sich ebenso dem Laufsport zu verschreiben?

SCC Running


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