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Wo bleibt der Nachwuchs...?

DIE KOLUMNE ZUM MITTWOCH

19.07.2000

Bei den Olympischen Spielen in Sydney wird vorraussichtlich nur ein Mini-Kontingent an
Deutschen Mittel-und Langstreckenläufern an den Start gehen. Wenn nicht noch ein Wunder
passiert in den nächsten 10 Tagen bis zu den Deutschen Meisterschaften werden von 18
möglichen Startplätzen (800m bis Marathon) nur 5-6 besetzt. Über 800m Nils Schumann, 23
Jahre alt; über 1.500m kein Athlet; 3.000m Hindernis: Damian Kallabis, 27 Jahre alt; über
5.000m Jirka Arndt, 26 Jahre, und evtl. Dieter Baumann, 35 Jahre; über 10.000m kein Athlet
und im Marathonlauf Carsten Eich, 30 Jahre, sowie Michael Fietz, 33 Jahre. Vor vier Jahren
in Atlanta hatten sich noch 11 Athleten qualifiziert, eine dramatische Reduzierung also um
fast 50%. Da fragt man sich natürlich: "Woran kann das liegen?"

Ich sehe ganz erhebliche Mängel in der Qualität des Trainings und in der Bereitschaft, das
Leben dem Sport unterzuordnen. Was ersteres anbelangt, zeigt ein Blick zu den afrikanischen
Läufern, daß zeitweise "brutal" trainiert wird. Durch den Selektionsprozess und die Gruppen-
dynamik sind immens hohe Trainingsintensitäten möglich, die zu den vielen Topleistungen dieser
Läufer führen. Nicht nur die Afrikaner führen das vor, sondern auch die Portugiesen und Spanier.
Diese Trainingsumfänge/-intensitäten sind aber nur möglich, wenn das Leben dem Sport untergeordnet
wird, das heißt das Laufen wird als Job angesehen. Nebenher arbeiten oder zügig studieren ist
nicht möglich, weil die vielen Trainingslager und vor allem die Ruhephasen es nicht zulassen.
Wer dennoch zweigleisig fährt, muß sich nicht wundern, wenn Verletzungen oder Krankheiten die
Karriere ver- oder behindern. Ich habe den Eindruck, daß sehr viele deutsche Athleten in der
oberen Leistungsklasse Laufen als Hobby ansehen und sich wundern, warum sie sich nicht weiter-
entwickeln nach der Jugend- und Juniorenzeit. Ich kenne das von mir selbst, eigentlich will man
auf nichts verzichten oder limitieren, Ausbildung, Freundin/Freunde, Parties, Konzerte, Urlaub,
usw., aber darunter leidet die Konzentration auf das Wesentliche, nämlich Sport ohne Kompromisse.
Natürlich bedeutet das nicht, daß wir mit Topleistungen überflutet werden ,wenn sich jeder nur
auf's Laufen konzentriert. Aber es würde einigen Athleten einen großen Schub nach vorne geben.

Die besten Beispiele dafür sind Nils Schumann(23), Damian Kallabis(27), Jirka Arndt(26) und der
junge Shootingstar Wolfram Müller(19), die sich ganz auf ihren Sport konzentrieren und damit Erfolg
haben. Selbst ein Nils Schumann bekennt, daß er nie der Disziplinierste war, aber daß es besondere
Maßnahmen erfordert, um in die Weltklasse zu kommen und auch dieses Niveau zu halten. Das bedeutet
für Nils konkret; kaum mit Freunden auszugehen abends, diszipliniert zu essen und extrem hartes
Training. Das fällt nicht leicht, aber nachher braucht man sich nicht vorzuwerfen man hätte es nicht
mit jeglicher Konsequenz versucht.

Ich hatte vor einem Jahr ein interessantes Gespräch mit einem Taxifahrer in England. Wir unterhielten
uns über unsere jeweilige Arbeit und er erzählte mir von seinem 70 Std./Wochen Job. Er hatte früher
auch Sport gemacht, aber nicht mit der nötigen Konsequenz und jetzt war es für ein Umdenken viel zu
spät. Jeder "Profi"-Athlet sollte sein Sportlerleben würdigen, sagte er, indem er konsequent arbeitet
auch wenn es manchmal weh tut im Training und wenn der mentale Druck, sprich Angst, vor einem
wichtigen Wettkampf enorm ist. Die vielen Reisen, Freundschaften und Erfolge würden alles mehr als
wettmachen, war die Meinung des Taxifahrers, der hartes Arbeiten gewohnt ist.

Doch zurück zum fehlenden Nachwuchs. Es gibt leichte Hoffnungsschimmer im Langstreckenbereich,
vor allem über 5.000m. Sebastian Hallmann(23), sowie Carsten Schütz(25) verbesserten sich dieses Jahr
auf 13:26 min. und Jan Fitschen(23) auf 13:34 min. . Nicht zu vergessen natürlich Wolfram Müller, der
als großes Talent gehandelt wird, der aber auch sehr verletzungsanfällig ist. Auch im Berliner Bereich
gibt es mit dem 18-jaehrigen Jan Förster (SG EBT Berlin) einen talentierten Nachwuchsläufer, er wurde
am vergangenen Wochenende Deutscher Jugendmeister über 2.000m Hindernis und ist ein ernsthafter Kandidat
für die Junioren-EM im kommenden Jahr.

An einen wichtigen Punkt sollten aber alle Athleten denken, eine der Grundvorraussetzungen für inter-
nationale Topleistungen ist die Grundschnelligkeit. Das heißt, die Athleten sollten den Mut haben,
schneller auf eine Überdistanzstrecke zu wechseln, wenn sie stagnieren und nicht erst mit 30 auf die
Marathonstrecke wechseln.

Zu allerletzt möchte ich betonen, daß meiner Meinung nach die finanzielle Förderung nicht der Schlüssel
zur Behebung der Nachwuchsprobleme ist. Wie oben dargestellt muß erst die konsequente Einstellung zum
Sport, die Motivation und die Bereitschaft zu intensivem Training vorhanden sein. Erst dann, wenn eine
entsprechende Leistungsentwicklung vorhanden ist und der/die Athlet/en leistungsstabil sind, auf einem
hohen Niveau, machen langwöchige Trainingslager im Ausland, sowie Höhentrainingslager Sinn. Blinder
Aktionismus ist, glaube ich, in diesem Fall nicht angebracht.

Stéphane Franke


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