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Laufen Frauen anders?

DIE KOLUMNE ZUM MITTWOCH

23.08.2000

Laufen hat kein Geschlecht, jeder Mensch kann laufen. Warum ist dann "Frauen und Laufen" überhaupt
ein Thema, über das man nachdenken sollte? Laufen Frauen denn anders als Männer?

Ein Blick in die Geschichte zeigt, daß es in vielen Epochen und Kulturen hervorragende Läuferinnen
gegeben hat. Trotzdem können Frauen erst seit 1984 im Marathonlauf olympische Lorbeeren erringen.
Seitdem setzte sich aber mehr und mehr die Ansicht durch, daß sich Frauen an Ausdauerdisziplinen
beteiligen können, ohne gesundheitliche Schäden befürchten zu müssen.

Zahlen und Fakten
Nachdem heute den Mädchen und Frauen die Welt des Laufens oder besser die Welt zum Laufen offen steht,
stellt sich die Frage, wollen Mädchen und Frauen auch diese Welt erobern?
Ganz sicher haben Frauen inzwischen alle Vorurteile über ihre Eignung für Langstreckenläufe durch
ihre Leistungen widerlegt. Den Weltrekord im Marathonlauf hält derzeit Tegla Loroupe mit etwas über
2 Stunden 20 Minuten. Mit dieser Zeit hätte sie noch nach dem zweiten Weltkrieg den Weltrekord der
Männer gehalten und 1956, bei den Spielen in Melbourne, die Goldmedaille im Wettbewerb der Männer erzielt.

Und wie Frauen eben so sind, Marathon ist nicht genug - die Strecken müssen noch länger, die
Leistungen noch spektakulärer werden. Die bis jetzt größte Ausdauerleistung erbrachte Astrid Benöhr,
die die Presse mit dem etwas seltsamen Titel «Eisenfrau» schmückte. Die 41jährige Athletin aus Bergisch-
Gladbach stellte einen Rekord beim zehnfachen Ultra-Triathlon (38 km Schwimmen, 1800 km Radfahren
und 422 km Laufen) auf. Sie absolvierte diesen Triathlon in 187:18:37 Stunden und verbesserte damit
sogar den Weltrekord des Franzosen Fabrice Lucas (192:08:26 Stunden) um fast fünf Stunden. Trotz der hohen Leistungen die Frauen heute erzielen, hat sich die "Frauenlaufbewegung" - zumindest
in Deutschland noch nicht völlig durchgesetzt. Frauen scheinen gegenüber dem Laufvirus weitgehend
immun zu sein. Einige Zahlen sollen dies verdeutlichen: 1999 betrug der Frauenanteil unter über 20 000 Teilnehmern
am BERLIN-MARATHON ca. 14 %; am Halbmarathon ca. 16 %. Der City-Night-Lauf über 10 km scheint für
Frauen etwas attraktiver zu ein: 1999 waren immerhin 24 % der Teilnehmer Läuferinnen (482 Frauen,
1563 Männer). Ein Rückblick in die Vergangenheit läßt einen deutlichen Aufschwung des Laufengagements
der Frauen erkennen: in den letzten 10 Jahren stieg beispielsweise der Prozentsatz der Teilnehmerinnen
am Berlin Marathon um etwa 10 %. Zum Joggen liegen leider keine repräsentativen Untersuchungen vor, aber oft sind der gesunde
Menschenverstand und der Augenschein genau so glaubhaft oder sogar glaubhafter als eine wissenschaft-
liche Befragung. Ich habe in den letzten vier Wochen eine "teilnehmende Beobachtung" beim Laufen um
den Schlachtensee durchgeführt. Ich bin 15 mal zwischen 17.00 und 20.00 die ca. 6 km lange Strecke
um den See gelaufen und bin dabei etwa 300 Begegnungen gezählt (manche Läufer/innen habe ich zweimal
getroffen und diejenigen, die in die gleiche Richtung und im gleichen Tempo gelaufen sind, habe ich
gar nicht gesehen). Ca. ein Drittel der Laufenden waren Frauen. Selbstverständlich ist diese Beob-
achtung nicht verallgemeinerbar, trotzdem glaube ich, daß sie den Trend recht gut wiedergibt.

Fazit: Trotz der schlechten Datenlage ist klar, daß Frauen in der Laufbewegung inzwischen laufend
an Boden gewinnen, daß sie aber immer noch auf allen Leistungsebenen, vom Leistungssport bis zum
Freizeitsport, zahlenmäßig unterrepräsentiert sind. Und: Je länger die Strecken sind, desto geringer
ist der Frauenanteil. Dabei stellt sich sofort die Frage nach dem warum. Was sind die Gründe für die immer noch relativ
geringe Laufbegeisterung der Frauen? Was hindert Frauen, zu laufen, was Motive, die zum Laufen
auffordern oder davon abhalten?

Motive - warum Läufer/innen laufen?

Zu den Motiven von Läufern, vor allem von Langstreckenläufern, liegen inzwischen Untersuchungs-
ergebnisse vor. Allerdings beschränkten sich einige der verläßlichsten und umfangreichsten Befragungen,
u.a. von Marathonläufern, auf Männer, den Wissenschaftlern war es offensichtlich zu mühselig, Ansprech-
partnerinnen aus der relativ kleinen Gruppe von Läuferinnen zu suchen. In den vorliegende Befragungen
konnten folgende Motive von Läufern und Läuferinnen identifiziert werden: 1. Gesundheitsmotive
(allgemeine Gesundheitsorientierung, Gewichtsregulierung), 2. Soziale Motive (Zusammensein mit Gleich-
gesinnten, Anerkennung), 3. Persönliche Motive (Wettkampf; Erreichen persönlicher Ziele),
4. Psychologische Motive (Streßbewältigung, Selbstbestätigung, Sinngebung). Die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchungen über die Motive von Läuferinnen und Läufern, die meis
aus dem anglo-amerikanischen Raum stammen, ergaben deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede, aber
auch Unterschiede in Abhängigkeit von der Länge der Laufstrecken und von der Lauferfahrung: Mit anderen
Worten: Im Verlaufe einer Langlaufkarriere verschieben sich die Motive vom Gesundheits- über das
Leistungs- bis hin zum Gemeinschaftsmotiv. Das "Gesundheitsmotiv" und der Wunsch, das Gewicht zu regulieren, stehen häufig am Anfang des Lauf-
engagements. Wenn dann der neue Lebensstil, der oft auch eine Veränderung der Ernährung einschließt,
verinnerlicht ist, verändern sich die Prioritäten; d.h. die Läufer/innen setzen sich dann bestimmte Ziele,
z.B. an einem Volkslauf teilzunehmen oder den Marathon durchzustehen, und wenn dies geschafft ist, wird
oft das Wohlbefinden beim Laufen oder auch das erhöhte Selbstwertgefühl zum dominierenden Motiv. Die
Genugtuung, etwas geleistet zu haben, kann zu einer positiven Selbsteinschätzung und zu einem positiven
Selbstkonzept, zur Stärkung der "Ich-Identität, und zur "Sinnfindung" beitragen. Diese Entwicklung zeigt
sich tendenziell bei Männern und Frauen. Allerdings gibt es durchaus Unterschiede zwischen beiden
Geschlechtern: Frauen tendieren eher zu freizeitorientiertem Laufengagement und sie nennen eher als
Männer Motive wie Gewichtsreduzierung, Erhöhung des Selbstwertes, Gesundheitsorientierung und "Sinn-
findung". Männer gehören dagegen eher zur Gruppe der extrem viel trainierenden Athleten und sie halten
Anerkennung und Erfolg für wichtig. Zusammen mit Gleichgesinnten Sport zu treiben, wurde von Frauen
häufiger als von Männern als wichtiger Beweggrund des Laufens genannt. Eine Befragung der Teilnehmerinnen
am Schweizer Frauenlauf 1998 in Bern ergab, daß die Frauen körperliches Wohlbefinden und die persönliche
Herausforderung als Hauptgründe fürs Mitmachen nannten. Konkurrenzorientierung spielte dagegen bei den
Läuferinnen keine oder nur eine geringe Rolle.

Dabei ist allerdings zu bedenken, daß dies Durchschnittswerte sind, die Tendenzen widerspiegeln. Selbst-
verständlich laufen auch viele Männer, um abzunehmen, und viele Frauen, um einen Wettkampf zu gewinnen.
Zudem ist zu beachten, daß meist zahlreiche und verschiedene Motive miteinander verflochten sind.
Trotzdem können diese Untersuchungsergebnisse dazu beitragen, das oben beschriebene Desinteresse vieler
Frauen an Langstreckenwettbewerben zu erklären. Damit stellt sich allerdings schon die nächste Frage:
Warum sind Frauen eher an Gesundheit oder an Gemeinschaft interessiert und Männer am Wettkampf? In diese
Diskussion möchte ich hier nicht einsteigen.

Ein großes Problem aller wissenschaftlichen Umfragen zum Thema Laufen ist die Stichprobe. Es werden
Läufer, manchmal auch Läuferinnen erfaßt, die über ihre Beweggründe, über ihre Freuden und Leiden
berichten - und offensichtlich überwiegen bei ihnen die Freuden, sonst würden sie ja nicht laufen. Über
die Gründe, warum Menschen nicht laufen, könnten uns nur die "Laufmuffel" Auskunft geben, und die hat
bisher noch kaum jemand gefragt. Leider habe ich weder Geld noch Zeit, eine große Umfrage zu starten, aber ich habe in den letzten Wochen
meine Freundinnen und Bekannten mit dem Spruch genervt: "Warum läufst Du nicht?" die meisten haben mich
anfangs falsch verstanden. "Ich lauf' doch jeden Tag mit meinem Hund", meinten die einen, und "Ich laufe
immer zur U-Bahn", meinten die anderen. Als ich dann nachfragte, ob sie "rennen" würden, schauten mich
die meisten doch etwas seltsam an. Beim Nachhaken kam dann heraus, daß die einen lieber eine andere
Sportart, vor allem Golf, Tennis oder Aerobic, betreiben, andere meinten, keine Zeit zu haben, andere
empfanden Laufen anstrengend, wieder andere als langweilig. Und viele vertraten auch die Ansicht, daß
Laufen nicht unbedingt gesund sei, man könne sich überanstrengen, es sei schädlich für die Gelenke oder
führe zu Rückenbeschwerden. Auffallend war, daß es den 20 Frauen, mit denen ich über Laufen gesprochen
habe, noch nie in den Sinn gekommen war, zu laufen, und daß ihnen schon der Gedanke, 5 oder 10 km zu
rennen, völlig fremd war. Und manchmal wurden die absurdesten "Entschuldigungen" vorgebracht -
störende Hunde im Park, Ozon, schlechtes Wetter oder daß man einfach noch nicht dazu gekommen sei,
sich Laufschuhe zu kaufen. Manche stellten mir aber auch die Gegenfrage: Warum läufst Du denn eigentlich?
Ist das nicht schrecklich anstrengend und langweilig? Und ich glaube nicht, daß meine Versicherung, daß
Laufen entspannt, gesund ist und spaß macht, diese Laufmuffel überzeugen konnte.

Gertrud Pfister


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