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"Mein Ziel war ein fließender Übergang in zwei Jahren"

Helmut Digel wird nach acht Jahren als Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes nicht mehr für das Amt kandidieren

15.11.2000

Helmut Digel (56) wird nach acht Jahren Amtszeit im März 2001 auf eine neue Kandidatur für das Amt des Präsidenten des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) verzichten. Der Leiter des Institutes für Sportwissenschaften der Universität Tübingen behält jedoch vorerst seinen Sitz im Council des Welt-Leichtathletik-Verbandes IAAF und bleibt Vizepräsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) sowie Präsident des Organisationskomitees der Leichtathletik-Europameisterschaften in München 2002.Hat sich Ihre Frau gefreut über Ihren Verzicht? Sie hatten ja vor einigen Monaten erklärt, Ihre Frau wünsche sich mehr Zeit mit Ihnen. Helmut Digel: Ja, denn meine Entscheidung hatten wir gemeinsam sehr ausführlich beraten. Gleichzeitig ist sie jedoch besorgt, da sie Entzugserscheinungen vermutet ... ... aber es bleiben ja noch ein paar Ämter übrig, und Sie sprachen auch nur von einer Auszeit. Helmut Digel: Also, es ist schon so gewesen, dass mich das DLV-Amt jeden Tag beschäftigt hat. Ich habe rund 200 Tage im Jahr für diesen Verband gearbeitet. Das kann man mit der Arbeit für das NOK gar nicht vergleichen. Aber ich bin mir sicher: Sollte mir etwas fehlen, werde ich neben meinem Beruf noch eine interessante ehrenamtliche Tätigkeit finden. Sie hatten unter dem Fall Baumann auch privat zu leiden - es gab Drohbriefe und anonyme Anrufe. Hat das Ihre jetzige Entscheidung beeinflusst? Helmut Digel: Indirekt ja. Feiglinge und Dummköpfe sind mir zuwider. Wenn man über anonyme Briefe mit solchen Menschen konfrontiert ist, so wird auf diese Weise das Privatleben auf eine ärgerliche Weise beeinträchtigt. Auf Dauer möchte man so etwas nicht hinnehmen. Es ist von Flügelkämpfen im DLV die Rede - entwickelt sich eine Gegenpartei zu Ihnen? Helmut Digel: Ein Führungswechsel in einem Spitzensportverband ist in der Regel keine einfache Sache. Flügelkämpfe kann ich allerdings nicht erkennen. Ich habe im März nächsten Jahres ausgedient, Clemens Prokop wird vermutlich als neuer Präsident gewählt werden. Für die Entwicklung von Sportorganisationen kann solch ein Wechsel in vieler Hinsicht positiv sein. Sie hatten zwar gesagt, nach zwei Amtsperioden sei ein Wechsel sinnvoll - aber die Entwicklung zu dieser Übergabe dürften Sie sich anders vorgestellt haben. Helmut Digel: Mit dem letzten Amtsjahr des DLV-Präsidiums kann kein Mitglied dieses Präsidiums zufrieden sein. Der Fall Baumann hat die Entwicklung der deutschen Leichtathletik ohne Zweifel beeinträchtigt, und in wirtschaftlicher Hinsicht ist der Verband mit Problemen konfrontiert, die nicht ganz einfach zu lösen sind. Deshalb hätte ich mir gewünscht, dass ich den Verband in einer anderen Verfassung an einen Nachfolger hätte übergeben können. Einer der Landesverbands-Präsidenten sagte, man solle einen Kandidaten zum Wohle der Sache und nicht zum Wohle der jeweiligen Person auswählen und daher vor allem extern suchen - also eine über den leichtathletik-internen Bereich hinaus anerkannte Persönlichkeit. Helmut Digel: Inhaltlich und theoretisch kann ich dieser Aussage voll und ganz zustimmen. In der Praxis hat sie sich jedoch selbst überholt, denn die Landesverbands-Präsidenten haben meines Wissens einstimmig Clemens Prokop als Kandidat für meine Nachfolge vorgeschlagen. Es wurde über Gründe Ihres Verzichtes spekuliert. Einer ist der Fall Baumann, ein anderer, dass eine von Ihnen gewünschte Strukturreform bei der letzten Präsidiumssitzung keine Mehrheit fand. Es soll auch ein Modell gewesen sein, dass es zwischen Ihnen und Herrn Prokop eine Art fließenden Übergang gibt. Helmut Digel: Der Fall Baumann hat für meinen Verzicht keine Rolle gespielt. Eher, das sei noch einmal betont, war das Gegenteil der Fall. Gerade wegen dieses Falles war es mein Wunsch, nicht zu einem Zeitpunkt aufzuhören, zu dem viele Dinge unverrichtet sind. Und gerade deshalb wollte ich einen fließenden Übergang nach zwei Jahren erreichen. Dem wurde, aus welchen Gründen auch immer, nicht entsprochen, und so war mein Entschluss naheliegend. Was die Strukturreform betrifft, so habe ich in den Präsidiumssitzungen in diesem Jahr immer wieder darauf hingewiesen, dass die Reform der Strukturen keine Veränderungen herbeiführt, wenn man nicht gleichzeitig eine personale Reform durchsetzt. Im übrigen ist der Vorschlag, der nunmehr zur Diskussion steht - Verkleinerung des Präsidiums, Mitbestimmung der Athleten -, ein Vorschlag, der ganz wesentlich auf mich selbst zurückzuführen ist. Haben Sie keine Chance mehr gesehen, Ihre Ziele umzusetzen? Helmut Digel: Das Präsidium hat gemeinsam mit mir eine ganze Reihe von wichtigen Zielen umgesetzt und damit auch Veränderungen herbeigeführt, die für die deutsche Leichtathletik zwingend erforderlich gewesen sind. Einige Ziele konnten jedoch nicht erreicht werden. Dies gilt vor allem für die Reform der Gehaltsstrukturen in der Hauptamtlichkeit, und eine ausreichende personelle Erneuerung innerhalb der Haupt- und Ehrenamtlichkeit ist ebenfalls nur bedingt erreicht worden. Ich hoffe, dass mein Nachfolger dieses Ziel nicht aus den Augen lässt, es wird für die Zukunft der Leichtathletik von grundlegender Bedeutung sein. Sie haben davon gesprochen, Erfahrungen gemacht zu haben, die Ihnen eine Auszeit nahe legen - der Fall Baumann dürfte dazu gehören? Helmut Digel: Dies ist zutreffend. Das Verfahren, das das IAAF-Schiedsgericht gegen den DLV in Sydney durchgeführt hat, empört mich nach wie vor. Ich kann mich dabei auf das gutachterliche Urteil einer ganzen Reihe von juristischen Experten stützen, und ich gehe auch weiterhin davon aus, dass die Rechtsauffassung der IAAF auf Dauer nicht haltbar sein wird. Wichtiger jedoch waren andere Erfahrungen. Dazu gehören vor allem die unüberschaubaren Tendenzen zum Medikamentenmissbrauch im Hochleistungssport, die weltweit anzutreffen sind, und die nur höchst unzureichend bekämpft werden. Gibt es eine Art Resignation, weil das Dopingproblem nicht in den Griff zu bekommen ist und ein konsequenter Kampf dagegen möglicherweise in ein für den Athleten juristisch unfaires Verfahren münden kann? Und gibt es zudem eine Resignation, weil es immer schwerer wird, professionelle Leichtathletik zu gestalten und dabei die Verbindung zur ehrenamtlichen und breitensportlichen Basis zu erhalten? Helmut Digel: Nein, ich habe nicht resigniert, und es gibt auch keine Alternative, als konsequent gegen Doping zu kämpfen. Dies kann man als Sportwissenschaftler ebenso tun wie auch in meiner Funktion, die ich darüber hinaus in den verschiedensten Organisationen des Sportes auch weiterhin ausüben werde. Eine gute zukünftige Entwicklung der Leichtathletik wird gewiss kein Selbstläufer sein. Hier bedarf es bereits heute entscheidender Interventionen. Vor allem bei der Nachwuchsfrage und für die schulische Leichtathletik. Es geht aber auch um die zukünftigen ökonomischen Möglichkeiten eines Spitzenfachverbandes. Für mich ist es in der Tat sehr besorgniserregend, wenn man sieht, dass nur wenige sich um diese Interventionen bemühen.


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