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Im Grand Canyon statt in Sydney

Nico Motchebon gewinnt bei den Deutschen Hallenmeisterschaften der Leichtathleten den 800-m-Titel trotz gesundheitlicher Probleme

27.02.2001

Dortmund. Nico Motchebon hat aufgehört, Cola zu trinken. Früher hatte er damit seine Konkurrenten zumindest irritiert. Während etablierte deutsche 800-m-Läufer wie beispielsweise Mark Eplinius mit viel Training und einem hochleistungssportgerechten Lebensstil versuchten, zum Erfolg zu kommen, erklärte ein gefragter Nico Motchebon in Interviews, wie locker das doch alles gehen kann. Zehnmal in Folge wurde der Berliner, der seit gut fünf Jahren für den LAC Quelle Fürth startet, zwischen 1993 und ?97 in ununterbrochener Reihenfolge Deutscher Meister über 800 m. Auf Anhieb hatte er nach seinem Wechsel vom Modernen Fünfkampf zur Leichtathletik vor acht Jahren den Titel gewonnen und war in der Halle damals bei den Weltmeisterschaften sogar Dritter geworden.

Doch obwohl Nico Motchebon das 800-m-Finale der Deutschen Hallenmeisterschaften in Dortmund nach einem taktischen Rennen in 1:51,28 Minuten gewann, die Hallen-WM, die Ende nächster Woche in Lissabon beginnt, ist für Nico Motchebon kein Thema. Denn es ist wie so oft in den letzten drei Jahren: Gesundheitliche Probleme verhindern, dass der 31-Jährige ein gutes Wintertraining erfolgreich umsetzen kann. Fast ein Jahr lang hatte ihn das Pfeiffersche Drüsenfieber aus der Bahn geworfen, erst in dieser Hallensaison kehrte er zurück. Von seiner Bestform ist Nico Motchebon aber weit entfernt. Seine bisherige Saisonbestzeit von 1:47,41 Minuten rannte er früher quasi mit der Cola-Flasche unter dem Arm. Der Virus ist noch immer nicht ganz überwunden, und hinzu kam ein weiteres Problem. Der Berliner leidet an einer Darmerkrankung, die mit Tabletten und einer kompletten Umstellung der Ernährung behandelt wird. ?Ich weiß, dass ich aufgrund meines Trainings eigentlich etwas kann. Aber irgendwann zwischen 600 und 700 Meter übersäuert meine Muskulatur. Und dann ist innerhalb von zwei Schritten Schluss.? So passierte es zuletzt vor einer Woche bei den Deutschen Staffelmeisterschaften, bei denen den Fürthern mit Motchebon als Schlussläufer zehn Meter Vorsprung nicht zum Sieg reichten. ?Nicht anzutreten, um meine Bilanz sauber zu halten, war für mich nie ein Thema. Ich bin immer gelaufen, auch wenn es nicht so gut lief, denn ich habe Spaß an meinem Sport. Und bei Deutschen Meisterschaften gibt es immer eine Chance.?

Der Winter vor zwei Jahren, das war Nico Motchebons letzte gute Saison. Damals wurde er zum zweiten Mal Dritter bei der Hallen-WM und lief eine Weltbestzeit über 600 m. Langfristig hatte der Olympiavierte von 1996 dann auf die Spiele in Sydney hingearbeitet. Doch das Drüsenfieber stoppte ihn. Mit dem Virus im Körper und der Campingausrüstung auf dem Rücken, wanderte in Amerika statt in Sydney zu laufen. ?Als das 800-m-Finale stattfand, war ich gerade im Grand Canyon. Ich wollte mir das nicht antun, die Spiele im Fernsehen zu sehen.? So erfuhr er erst später vom Triumph des Nils Schumann. Ebenfalls erst mit Verspätung wurde ihm bekannt, dass sein Manager Klaus Kärcher die Betreuung von Nils Schumann übernommen hat. Das ist der Grund für Motchebon, sich nun auch selbst um Sponsoren zu bemühen. Doch auf diesem Feld läuft zurzeit nichts. ?Bei Anfragen bekomme ich den Eindruck, dass es in Deutschland nur noch einen einzigen 800-m-Läufer gibt.? Jahrelang hieß der Nico Motchebon, jetzt ist es Nils Schumann. Das merkt der 31-Jährige mitunter sogar bei den Organisatoren der Sportfeste, bei denen er starten möchte. ?Der Ton hat sich geändert. Manchmal habe ich das Gefühl, als Mensch weniger wert zu sein. Und das finde ich dann schon bedenklich. Ich habe den Eindruck, selbst wenn ich bei den Weltmeisterschaften Dritter werden würde, was ja ein großer Erfolg wäre, würde sich daran nichts ändern.?

Trotz der Konkurrenzsituation hat Nico Motchebon kein Problem mit Nils Schumann, er könnte sich sogar eine gewisse Zusammenarbeit vorstellen. Die erscheint mittelfristig gar nicht einmal unrealistisch, denn Motchebons Trainer Idriss Gonschinska betreut auch Mark Eplinius. Beide trainieren regelmäßig zusammen, und Eplinius ist wiederum gut befreundet mit Schumann. ?Zurzeit gibt es wenig Berührungspunkte mit Nils. Aber wenn sich die Möglichkeit ergibt, sich gegenseitig zu helfen, dann ist das für alle gut. Das Training ist schon hart genug, da braucht man sich nicht auch noch gegenseitig zu blockieren?, sagt Nico Motchebon und fügt hinzu: ?Meist ist das eher ein Problem zwischen den Trainern.? Nachdem sich Schumann jedoch von Dieter Hermann getrennt hatte und nun zunächst von seinem Vater betreut wird, könnte sich hier durchaus etwas ergeben.

Den Sommer mit den Weltmeisterschaften in Edmonton sieht Nico Motchebon allerdings als seine wohl letzte Chance. ?Wenn ich die Qualifikation nicht schaffe, dann kann ich es mir nicht mehr leisten, weiter zu machen. Denn Spitzensport zu betreiben, das ist teuer?, sagt Nico Motchebon, der mit dem Ende der Olympiasaison 2000 rund 90 Prozent seiner Einkünfte verlor, weil die Verträge ausliefen. Sogar sein Sportsponsor Adidas, mit dem Motchebon schon als Jugendlicher im Modernen Fünfkampf verbunden war, machte einen Rückzieher.

Der Schritt vom Sport- ins Berufsleben wird jedoch kein einfacher für Nico Motchebon, der Informatik studiert hat. ?20 Jahre lang habe ich eigentlich das gemacht, was mir Spaß macht.? Doch die Suche nach einem Pendant im Beruf ist schwer. ?Eigentlich will ich ja auch noch zwei, drei Jahre laufen. Denn ich fühle mich so, dass ich noch große Leistungen vollbringen kann.? So steht zurzeit die Gesundheit im Vordergrund, und der Verzicht auf frühere Essgewohnheiten. ?Es gibt nichts mehr mit Zucker.? Nicht einmal mehr Cola.


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