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Marathonland Deutschland?

DIE KOLUMNE ZUM MITTWOCH

07.03.2001

Leistungsträger schwächeln im Olympiajahr, Fachverband zeigt dem Laufbereich die kalte Schulter - und die Veranstaltungen boomen (weiter).

Wohin geht es mit dem deutschen Marathonlauf? Die Saisonbilanz für die deutsche Marathonspitze fällt jedenfalls für das Jahr 2000 bescheiden aus. Bei seinem Job ist Bundestrainer Wolfgang Heinig nicht zu beneiden. Er, der seit einem halben Jahr sowohl für den Frauen- als auch nun für den Männerbereich verantwortlich zeichnet, sieht dies als eine Herausforderung der besonderen Art. Weniger bei den Frauen, auch wenn hier die Ergebnisse der olympischen Saison keineswegs zufriedenstellen dürfen. "Ich fange bei Null an", vernichtende Einschätzung über die Situation bei den Männern. Die Zeiten, als in der Abteilung Ost die Cierpinski, Peter, Heilmann und Co. weltweit Vorläufer waren und durch Freigang in Barcelona noch einmal olympisches Bronze holten, diese sind ebenso vorbei wie die, als in der Abteilung West die Herle, Salzmann, Steffny und Dobler auf hohem Niveau der Weltklasse Paroli bieten konnten. Offenbarungseid nun an der Schwelle zum 21. Jahrhundert. In Sydney liefen unsere Besten Carsten Eich als Vierundfünfzigster und Michael Fietz als Siebenunddreißigster um Längen dem internationalen Standard hinterher.

Keinen Deut besser waren die bislang stets auf Erfolgskurs laufenden Frauen in down under. Erfolgsgarant Katrin Dörre-Heinig blieb nach einer Fersensporn-Operation schon im Vorfeld nur die Absage, Claudia Dreher musste sich vor Ort erkältungsbedingt anschließen. Bliebe alleine die WM-Sechste Sonja Oberem, die zu allem Überfluss wegen muskulärer Probleme einen rabenschwarzen Tag erlebte. "Ein sehr unglückliches Jahr" blickt Heinig zurück. Wäre da nicht Debütantin Melanie Kraus wenige Tage zuvor auf dem schnellen Berliner Hauptstadtkurs mit 2:27:58 ein Einstand nach Maß gelungen, der allerdings im vorolympischen Trubel regelrecht untergegangen war. Leider honoriert unsere erfolgsorientierte Gesellschaft kaum einen fünften Rang, vor allem wenn schon ein zweiter Rang einer Niederlage gleichkommt. Deshalb musste Heinigs Frauenanalyse ähnlich hart ausfallen, schließlich war die Marathonabteilung weiblich im Gegensatz zu Atlanta, Athen, Budapest und Sevilla erstmals ohne Spitzenergebnis geblieben. "Wir haben an Boden verloren".

Und die Perspektiven? Heinig blickt zwar hoffnungsvoll in Richtung Europameisterschaften 2002, die zudem im eigenen Land alle Kräfte bündeln sollten. Doch wer sollen die Hoffnungsträger sein? Ehefrau Katrin Dörre ist dann 41, die hoch gehandelte Um- bzw. Wiedereinsteigerin Kathrin Weßel 35 Jahre alt. Hingegen sollten Sonja Oberem mit 29, Claudia Dreher mit 31 sowie möglicherweise die dann zur Diskussion stehende zweifache Olympiastarterin Petra Wassiluk mit 32 Jahren dem hohen Erwartungsdruck standhalten und zumindest in der Mannschaftswertung auf Medaillenkurs laufen können. Anders hingegen die Männer, wo alleine Eich und Fietz nach ihren enttäuschenden Vorstellungen von Sydney auf Wiedergutmachungstour sein sollten. Dahinter klafft eine weite Lücke, zumal andere wie Sebastian Bürklein ein schwarzes Jahr 2000 hatten, sodass es bei den Männern nur noch aufwärts gehen kann.

"Wir haben ein Nachwuchsproblem", bekennt der als Nachwuchstrainer gekündigte Jürgen Stephan, "wenn der Verband nicht rasch gegenlenkt, dann ist in einem Jahr bereits völlige Funkstille". So lange aber dem Verband Multitalente wie Wolfram Müller in den Schoß fallen, so lange wird wenig passieren, weil die Medaillenzählerei vermeintlichen Erfolg dokumentiert. Die Bahnleichtathletik scheint beim Deutschen Leichtathletik-Verband alleine erfolgsversprechend zu sein. Nur so lässt sich die Streichung der Straßenlaufkader männlich wie weiblich verstehen, nachdem 1999 schon der traditionelle Straßen-Länderkampf aus Etatgründen dem Rotstift zum Opfer gefallen war. In der Konkurrenz zu den Disziplinblöcken Würf/Stoß, Sprung und vielleicht auch Sprint haben Cross und Straße verbandsintern längst den Kürzeren gezogen, zumindest was die Fördermaßnahmen betrifft. Nur sollte sich der DLV als Sachwalter der Vereine einmal daran erinnern, welchem Disziplinblock die Masse der Beitragszahler angehört. Wenn Leichtathletik lebt, dann vornehmlich durch die vielfältigen Aktivitäten der ehrenamtlichen Organisatoren auf der Bahn, im Gelände und primär auf der Straße. Wohlverstandener Breitensport eben. Es ist falsch, die zahlenmässg starken Laufwettbewerbe alleine als Einnahmequelle zur Aufstockung des Verbandshaushaltes zu sehen. Leistung und Gegenleistung sollten in einem vernünftigen Verhältnis stehen.

Ganz im Gegensatz zur dürftigen Leistungsbilanz können sich nämlich die deutschen Veranstalter mit einer exzellenten Organisation ohne weiteres sehen lassen. Allen voran der real,- BERLIN-MARATHON, der zusammen mit Boston, Chicago, London und New York die Golden League des Marathons darstellt. In vieler Hinsicht sind die Mildes, Richters und Co. ausgesprochen kreativ und innovativ, sodass ein Ende des Teilnehmerbooms in der deutschen Hauptstadt trotz der bereits erreichten 35 000 Startern noch nicht abzusehen ist. Mit 15 000 Startern und einem Schuss internationalem Flair ist Hamburg auf dem Sprung zur weltweiten Akzeptanz, während die gleichstarken Kölner eher den verfrühten Auftakt des Karnevals feiern wollen. Die Bankenmetropole Frankfurt rüstet unter neuer Organisation und dem Euro-Zeichen kräftig auf, um zumindest mit international anerkannten Ergebnissen glänzen zu können. München, Mainz, Regensburg...., die Reihe gutklassiger Veranstaltungen lässt sich hierzulande beliebig lange fortsetzen. Und immer neue Läufe verdichten die deutsche Marathon-Landkarte. Beleg aber auch für eine Marathonbewegung in Deutschland, die weniger das Unter-drei-Stunden-Resultat, sondern eher den Fun-Faktor und das Erlebnis Marathon schätzt.

Wilfried Raatz


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