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Laufen, mein lebenslanger Traum

DIE KOLUMNE ZUM MITTWOCH

04.04.2001

Sharlene Wills, ist seit ihrer Geburt blind und wird erstmalig am 30. September 2001 in Berlin Marathon laufen.

Als ich in der Mitte tausender Läufer und Walkern des City of Los Angeles Marathons im März 1988 stand, wirbelten viele Gedanken und Gefühle durch mich. Ich wartete ängstlich auf den Schuß, welcher uns auf den Weg schicken würde und wunderte mich: "Was habe ich getan, daß ich versuche fast ohne Training einen 42KM Lauf mitzumachen? Kann ich die Strecke beenden? Wird meine Führhündin uns über den Kurs bringen, wie die Offiziellen bezweifeln? Bin ich einfach verrückt, daß ich etwas versuche, nur weil man meint, es ist für eine Blinde mit Führerhund nicht möglich?" Ich hatte Angst! Die Feiermusik war so laut, daß ich dachte, ich würde davon taub, und der Lärm von den Hubschraubern vibrierte durch meinen Körper. Ich konnte nur ein kleines Gebet murmeln, Sheba einmal streicheln und -- BOOM! Es ging los!

Dann fing eines von den aufregendsten und wunderbarsten Ereignissen meines Lebens an, und etwas, daß mein Leben für immer ändern würde. Wir sind nicht falsch gelaufen, und wir haben anderen geholfen, auf dem Kurs zu bleiben. Wir haben nicht nur alle 26.2 Meilen geschafft,und, obwohl wir langsam gewesen sind, waren wir nicht die Letzten, wie ich gefürchtet hatte. Der Applaus der Zuschauer, die Unterstützung so vieler umgebender Läufer-innen, und gerade das Mitmachen in etwas, was physisch sehr schwierig ist, machten alle 7.5 Stunden, die wir brauchten, wertvoll. Als wir über die Ziellinie kamen und ich die Medallie um meinen Hals gehängt wurde, wußte ich, daß der Marathon immer ein Teil meines Wesens sein würde. Von frühester Kindheit an habe ich Sport und physische Aktivität gern gehabt. Ja, ich wurde blind geboren und habe nur etwas Lichtschimmer und ab und zu mal ein Paar Farben gesehen, (im rechten Auge). Aber ich denke erstens, weil ich es nie anders gekannt habe, und zweitens und wichtiger, vielleicht, weil weder meine Eltern noch meine Lehrer mich viel eingegrenzt oder zu mir gesagt haben, "Du kannst nicht. Du bist blind" habe ich wenig Angst gehabt. Wenn die Nachbarkinder Rollschuh fahren gegangen sind, da bin ich auch mitgegangen. Ich konnte schneller rennen, höher auf die Bäume klettern und war stärker, als alle Mädchen in meiner Schule und in der Nachbarschaft, und konnte auch genau so gut solche Dinge machen wie viele Jungen. Ich wußte im Kopf, daß ich nicht sehen konnte. Aber erst später habe ich verstanden, daß es für viele Menschen eine sehr große Behinderung ist, blind zu sein. Ich war ich und ich tat fast alles,was ich wollte, obwohl manche Sachen, da bin ich sicher, Erwachsene sehr erschreckt haben. Ich glaubte, daß ich alles machen könnte, besonders das Laufen. Da ich klein und kurze Beine habe, lernte ich ganz früh, sehr schnell zu laufen, um so mit großen Leuten mitzuhalten und auch um zu zeigen, daß eine Blinde nicht immer voller Angst ist und langsam gehen muß. Ich glaube, dieser Wunsch die immer gegenwärtigen Mythen über Blindheit zu zerbrechen, spielt -besonders als ich älter wurde- eine immer größere Rolle bei meinen Lebenszielen.

Sport ist in Amerika in den Klassen 2 -12 ein Teil des Unterrichts und ich liebte diese Stunden, denn dann durfte ich ballspielen, seilspringen und natürlich laufen. Leider, damals (1952-1969) war Sport für Mädchen fast unmöglich. Also, als ich und andere Mädchen eine Laufgruppe (track team)gründen wollten, war es sehr schwierig unsere Lehrer und dieSchulverwaltung davon zu überzeugen. Schließlich gelang es uns jedoch und während meines letzten Jahres in der High School (12. Klasse) habe ich an meinem ersten Laufwettbewerb teilgenommen. Ich lief ein 400 m Rennen. Ich habe nicht gewonnen, war aber auch nicht die Letzte. Ich durfte die innere Bahn benutzen, damit ich den Rand mit einem Fuß spüren konnte, und ich hatte Leute, die mich in den Kurven angesprochen haben und mein Coach rief mir von der Ziellinie nach Hause: Was für ein Spaß!
In der Universität war ich allerdings nicht erfolgreich, ein Frauen-Leichtathletik-Team zu bilden. So begann eine lange Zeit für mich ohne viel zu Laufen. Aber ich machte viele lange Spaziergänge mit Blindenstock, mit sehendrn Freundinnen und bekam mit 32 Jahren meine erste Blindenhündin. Ich kaufte auch ein Tandem und benutzte es sehr oft. Ich machte sogar damit eine wunderschöne Reise mit meinem Mann und meinem 2-jährigen Sohn durch Teile von Deutschland und Holland, wobei mir jede am Wegesrand stehende Kuh bis ins kleinste Detail beschrieben wurde.

Ich habe in der Uni Deutsch studiert und wollte das, was ich gelernt habe, benutzen. Also ging ich, nachdem ich mein B.A. Degree in einer kleinen Universität in Kalifornien gemacht habe, nach Deutschland; zuerst nach Stuttgart und Umgebung und später nach Berlin. Dort habe ich einen 3-jährigen Kurs in Musiktherapie gemacht und danach mit behinderten Kindern gearbeitet. In Berlin habe ich auch mein Mann kennengelernt und geheiratet und mein Sohn Michael wurde dort geboren. Während dieser Zeit blieb ich physisch aktiv, indem ich in den Berliner Blindensportverein eintrat. Ich lernte Handball und ging jede Woche schwimmen.

Als Michael 4 Jahre alt war, kehrten wir in die U.S.A. zurück. Ich suchte über ein Jahr Arbeit als Musiktherapeutin, konnte aber nichts finden. Daher nahm ich eine Arbeitsstelle als Sekretärin im Bezirksamt in Los Angeles an. 1987 bekam ich eine höhere Stellung im District Attorneys Office, wo ich, bis heute, Polizeiinterviews protokolliere. Damals begann ich, von der Teilnahme am Los Angelos Marathon zu träumen. Mein Büro hatte damals ein Team und ich habe meinen Namen auf die Liste geschrieben. Zuerst waren alle sehr froh darüber, bis sie feststellten, daß ich mit meiner Blindenhündin laufen wollte (keiner meiner sehenden Freunde oder mein Mann konnten mit mir starten - sie konnten alle nicht laufen). Nur wenige Menschen glaubten, daß eine Blinde mit Hund solch eine Entfernung laufen konnte (sie haben wohl nie von dem Ididarod Schlittenhunderennen gehört, so schien es mir). Also mußte ich kämpfen, um akzeptiert zu werden. Aber je mehr sie die Sache ablehnten, desto stärker wurde meine Wille, trotz allem mitzumachen. Schließlich wurde es mir erlaubt, wir haben mitgemacht, mit Erfolg, und, wie ich vorher sagte, war es für mich ein "fait dcomplit". Ich würde immer wieder Marathons laufen. 1992 lief ich meinen 4. L. A. Marathon mit der Radioredakteurin Sharon Kaetchen. Wir berichteten während des ganzen Rennens über unsere Eindrücke. Ich erzählte alles, was ich durch hören, riechen und abtasten wahrnahm, und sie erklärte, alles was sie erlebte. Für unseren Bericht haben wir den "Golden Mike Award" bekommen, einen sehr wertvollen Preis, und ich habe immer noch eine Tonbandkopie unserer Erlebnisse.

1993 lief ich zum ersten Mal in San Francisco und habe dort mein persönliche Bestzeit erreicht (4.5 Stunden). 1998 und 1999 lief ich in Boston, auch habe ich in New York und den Marine Corps Marathon (Washington, DC) mitgemacht. Aber mein 32. Marathon in Berlin wird der erste internationale Lauf für mich sein. Ich kann es kaum erwarten, viele von mir geliebte Bezirke dieser schönen Stadt zu besuchen.

Man fragt einen Läufer "Warum tust Du das?" Ich kann nur für mich selbst antworten. Für mich bedeutet Laufen Freiheit. Es ist, als ob man fast fliegen kann. Meinen Körper zu spüren, wie er fliegt (oder manchmal krabbelt), die verschiedenen Umgebungen zu riechen, zu hören und zu tasten, die freundlichen Grüße und Glückwünsche der Zuschauer zu hören, obwohl Du nicht weißt (lange Zeit war es bei mir so), daß sie für Dich besonders rufen, die Wärme, die man bekommt, wenn ein andere Läufer einem auf die Schulter klopft oder unterstützende Worte im Vorbeilaufen zuruft -- diese Sachen vertreiben allen Schmerz und alle Müdigkeit. Sie zeigen, daß wir wirklich in einer wunderbaren Welt leben. Manchmal habe ich gewünscht, daß ich ohne Verbindungsband und ohne Gefahr laufen könnte, aber, wer weiß? Wahrscheinlich hätte ich dann nie so viel gute Menschen kennengelernt und beste Freundschaften geschlossen.

Manche Leute sagen zu mir: "Sie sind eine Inspiration." Ich kann nur antworten: "Das freut mich." Sehen Sie, wenn ich durch das Laufen jemandem Mut machen kann, etwas neues oder schwieriges zu probieren, gibt es kein besseres Geschenk, vielen Menschen zurückzugeben, was sie für mich getan haben.

Es ist schwierig, einen Marathon zu laufen. Manchmal kann ich nicht trainieren, wie ich möchte. Ich muß meistens auf dem Laufband laufen. Da ich nicht immer Führpersonen finden kann und nicht alle Führhunde so etwas mitmachen, kann ich nicht immer auf Leichtathletikbahnen, auf Straße oder im Wald trainieren. Glücklicherweise bin ich Mitglied in einem Running Club und dadurch kann ich weiter laufen. Ich werde älter und also vielleicht auch langsamer. Trotzdem, solange ich einen Fuß vor den anderen setzen kann und so lange ich immer weiter irgendwie gehen kann, werde ich noch weitere Marathonläufe machen.

Ich wünsche jedem Läufer-in alles, alles Gute und - wie ein lieber Freund von mir sagt: "Laßt die Schuhsohlen qualmen."

Sharlene Wills


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