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Leben fürs Laufen - Bemerkungen eines Realisten

DIE KOLUMNE ZUM MITTWOCH

11.04.2001

Heinz Florian Oertel (73), über 40 Jahre Sportreporter fürs DDR-Fernsehen und Radio, Berichterstatter von 17 Olympischen Spielen, 8 Fußballweltmeisterschaften und weiteren sporlichen Höhepunkten, schreibt über seine Beziehung zum Laufen.

Leben fürs Laufen? Ja! Denn: Laufen ist Leben. Und eigentlich hilft Laufen beim Über-Leben! Wem das zu viel an Freundlichkeit fürs lange Laufen ist, der denke nach. Oder suche Rat bei den Großen unserer Geschichte. Dies sind nur zwei Hinweise: Goethe fabuliert im 11. Gesang seines "Reineke Fuchs", dass "Laufen besser als Faulen sei", und Herder bestimmt in seinen "Palmenblättern", die auch schon über 200 Jahre alt sind, "Wer nicht läuft, gelangt nie ans Ziel".

An derlei Zusammenhänge und Lebensgrundsätzliches zu erinnern, fällt mir als lebenslanger Verehrer langen Laufens nicht schwer. Damit erkläre ich mich nicht zum Befangenen, sondern sehe mich als Aufgeklärten, der seinen Weg vom glühenden Bewunderer, aber bloßem Platoniker, zum Realisten fand. Kolehmainen, Nurmi, Zatopek und viele andere halfen mir. Und solche Zeilen bedeuten immer wieder Danken.

1952 saß ich auf der Olympia-Tribüne in Helsinki. Mich betäubte alles, was ich sah. Doch am meisten rüttelten mich die Langläufe durcheinander. Emil Zatopeks Dreifach-Siege bleiben mir unvergesslich. Als Reporter-Benjamin versuchte ich, seine Rundenrennen über 5 000 und 10 000 Meter zu beschreiben, und dann den krönenden Marathonsieg. Wenn ich später die Aufzeichnungsreste hörte, schämte ich mich. Gegen das Kämpfen und Können der Zatopek, Mimoun, Chataway, Schade, Anufriew ... erschienen mir meine Wortversuche jämmerlich. Später hörte ich, dass auch ein Reporter wie Rolf Warnicke, der schon 1936 von den Olympischen Spielen übertrug, seine Schilderungsprobleme hatte. Na ja.

Ich trage das Helsinkierlebnis durch mein Leben. Dazu zählen auch die Gespräche, die ich noch mit Hannes Kolehmainen und Paovo Nurmi, den finnischen Herren, führen konnte. Beide entzündeten das Olympische Feuer im Stadion und alles animierte mich, noch einmal deren Läuferlebensläufe zu rekapitulieren. Kolehmainen rannte und siegte schon bei den Spielen von Stockholm, 1912, und er war noch und wieder 1920 in Antwerpen dabei, als Nurmi seine Riesenkarriere begann. Genug - alleine mit deren Geschichte ließe sich eine ganz Langlaufgeschichte füllen.

Emil Zatopek sah ich noch in Melbourne, 1956, wieder. Dort dominierte allerdings ein neuer Stern den Langlaufhimmel, Wladimir Kuz. Der hatte von Emils Trainingstorturen und Siegeswillen gelernt, und er ließ den gleichfalls Großen von Pirie bis Kovacs keine Chance. Emils 6. Platz im Marathon besiegelte das Ende seiner glanzvollen zehn Wettkampfjahre. Auch danach sah ich ihn oft wieder. In Prag, wo er wohnte, in Berlin, bei Läufen da und dort, wo er bis zu seinem Tod, 2000, immer wieder als Starter und Ehrengast erschien und viele Menschen mit seiner Lebensfreundlichkeit und schwejkischem Humor faszinierte. Ihm, vorrangig ihm, verdanke ich den Schritt vom Bewunderer zum Mitmacher.

Als Pennäler hasste ich alles Rennen, was über eine Stadionrunde hinaus ging. 1000 Meter, Zensuren-Pflicht, rannte ich in ca. 3.20 min, was weiß Gott für einen 16jährigen keine Spitzenzeit war. Und später, in verhasster Kriegszeit, musste ich einmal 3 000 m laufen. Dabei geriet ich auf dem Kaserengelände zum Betrüger. Immer, wenn sich der halbe Kompaniepulk durch eine Kurve quälte, ließen sich vier, fünf hinter schützenden Büschen fallen, blieben bis zur nächsten Runde dort schnaufend liegen, um dann wieder mit zu rennen. So schaffte ich, alles in allem, vielleicht knappe 2 000 Meter, aber am Ende eine verblüffend gute Zeit ... Schnee von gestern.

Emils Keuchen, Schades ziemliche Eleganz, Piries Asketenstil, und, und ... halfen mir, es viel später endlich auch mit eigenem langen Laufen zu versuchen. Vom Beschreiber zum Mitleider. Das führte zu neuem Reporterempfinden und schließlich auch zu neuer, besserer Lebensqualität. Mithin, ich danke den Matadoren, die ich kennen lernen durfte, mindestens doppeltes Glück.

Glücklichmacher wurde auch Hans Grodotzki. Jetzt, am 4.4.2001, feiert der gebürtige Thüringer, der aber seit 45 Jahren in Potsdam lebt, seinen 65. Geburtstag. Anlass genug, ihn zu grüßen und zu danken. Seine Silbersiege von Rom 1960, als Zweiter hinter Halberg über 5 000 m und Bolotnikow über 10 000 m, trieben mich in Reporter-Euphorie. Nach Schades drittem Platz in Helsinki schaffte Hans das bisher Größte, was einem deutschen Langstreckler gelang. Und er lief als vorbildlicher Stilist und blieb bis auf den Tag ein stets bescheidener Mann.

Zig Geschichten, dutzende Namen, ließen sich anschließen. Von Bikila Abebe, Lasse Viren bis Waldemar Cierpinski, Katrin Dörre, Jörg Peter. Alle besitzen meine ungebrochene Verehrung. Dies gerade jetzt und hier zu erzählen, gilt dem bevorstehenden nächsten BERLIN-MARATHON. Weil es tausendfach bewiesene Tatsache ist, gehört es sich, auch hier zu erklären: Dies ist eine der schönsten Laufveranstaltungen der Welt geworden. Wenn sich auch, und tausendmal leider, in den zurückliegenden Jahrzehnten, seit Helsinki, Melbourne, Rom, die Läuferwelt veränderte, Geld zum obersten Doping und anderes Dopen zur selbstmörderischen Krankheit wucherte, der Sport an sich und langes Laufen sind nicht totzukriegen. Solche Läuferfeste, wie das von Berlin, beweisen es.

Auch, wie alle Läufertreffs - hoffentlich ewiglich - Menschen friedlich und freundlich zusammenführen. 1990, nach endlichem Mauerfall, lief ein Läuferrekordfeld durch ganz Berlin. Dies miterlebt zu haben zudem in einer damals gemeinsamen Radioübertragung von SFB und Berliner Rundfunk, dem ich über 40 Jahre zugehörte, zählt mit zum Unvergesslichen meiner Lebens- und Laufgeschichte.

Dr. Heinz Florian Oertel


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