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WER IST MARATHONLÄUFER?

DIE KOLUMNE ZUM MITTWOCH

04.07.2001

Dr. David Martin ist Sportwissenschaftler an der Georgia State University in Atlanta. Er hat immenses Wissen im medizinischen Bereich und über den Marathonlauf überhaupt und ist Autor des Marathon-Klassikers "The Marathon Footrace". Außerdem ist er Chefstatistiker von AIMS.

Marathonläufe gibt es heute in einer Zahl wie nie zuvor. Es scheint, als müsse jede große - und wohl auch bald jede kleine - Stadt "ihren" Marathon haben. Dabei ist es nicht gerade ein Kinderspiel, einen Marathon zu schaffen. Bei weitem nicht jeder ist in der Lage und bereit, reichlich 42 Kilometer zu laufen und als Belohnung nicht mehr als eine kleine Medaille zu erwarten. Wochen und Monate des Trainings werden nicht nur den Eliteläufern, sondern genauso allen, die dahinter kommen, abverlangt. In einem langen Prozess müssen die Muskeln "lernen", mehr Energie zu speichern, und müssen Sehnen wie Bänder auf die stundenlange Belastung mit 185 bis 200 Schritten pro Minute vorbereitet werden. Marathon zu laufen, ist und bleibt eine Demonstration einzigartiger Fitness.

Oder etwa doch nicht? Beim Honolulu-Marathon 1999 benötigte der Letzte eine Zeit von 14:35:05, um das Ziel zu erreichen. Angesichts eines "Tempos" von 20:44 Minuten auf den Kilometer muss man sich fragen: Kann man so etwas als Marathon l a u f e n bezeichnen? Ganz sicher nicht, denn selbst langsames Spazierengehen ist schneller. Doch für diese und andere "Dauerläufer" müssen endlos lang Straßen gesperrt werden, freiwillige Helfer auf ihren Positionen ausharren, Polizei und Sicherheitskräfte im Einsatz bleiben. Es hat den Anschein, als werde der Marathon zunehmend als gesellschaftliches Ereignis gesehen, während der sportliche Wettstreit in den Hintergrund rückt. Die Frage ist nun: Ist es für die Zukunft unseres Sports gut, diesem Trend zu folgen? Sollte sich wirklich so gut wie jeder einer solch harten physischen Herausforderung unterziehen dürfen, auch wenn er/sie gar nicht die entsprechende Vorbereitung absolviert hat oder Gefahr läuft, gesundheitliche Schäden davonzutragen? Immer mehr Untrainierte, die unter normalen Umständen kaum ein solches "Abenteuer" in Angriff nehmen würden, lassen sich von bestimmten Interessengruppen (Motto: Laufen für eine gute Sache) dennoch dazu verleiten. So gibt es zum Beispiel in Amerika ein "Team in Training", das Geld für die Leukämie- und Lymphoma-Gesellschaft sammelt, oder ein Programm "Joints in Motion" für die Arthritis-Stiftung. In Großbritannien treten bei Marathonläufen Caritas-Verbände wie den "National Meningitis Trust" und "Sargent Cancer Care for Children" in Erscheinung.

Leider schließen sich diesen sehr wohl guten Zwecken häufig Menschen an, die alles andere als fit sind oder mit Behinderungen laufen. Und was noch bedenklicher ist: Sie fühlen sich selbst bei Verletzung oder Krankheit verpflichtet, u n b e d i n g t anzukommen - zum Beispiel einer bestimmten Person zu Ehren, die von der Krankheit betroffen ist, gegen die die jeweilige Stiftung zu Felde zieht. So nobel die Teilnahme mit dem Ziel eine gute Sache zu unterstützen auch sein mag, so bürdet sie doch am Wettkampftag den städtischen Angestellten wie auch den Anwohnern, die immer längere Straßensperrungen erdulden müssen, eine erhebliche Last auf. Von möglichen Folgen für die eigene Gesundheit ganz zu schweigen!

In jüngster Zeit greift vornehmlich unter den langsameren Teilnehmern ein zunehmend Besorgnis erregendes medizinisches Problem um sich: die Hyponaträmie. Die Läufer werden besonders bei wärmeren Temperaturen ermutigt, viel zu trinken, um gut hydriert zu bleiben. Nun ist ihr Lauftempo jedoch oft so niedrig, dass sie über die lange Zeit auf der Strecke zu viel Wasser trinken und insbesondere viel Natrium über den Schweiß verlieren, ohne diese Mineralverluste durch geeignete Elektrolytgetränke auszugleichen. Die Folge sind gehäufte Fälle von Kollaps in Zielnähe, meist im Bereich um die 5 Stunden, die das medizinische Personal und die zur Verfügung stehenden Einrichtungen schlicht überfordern.

Was ist nun die Lösung? Sollten Marathonläufe all denen vorbehalten bleiben, die im Marathon einen sportlichen Wettbewerb sehen und tatsächlich bestrebt sind, die vollen 42 195 Meter im Laufschritt zurückzulegen? Oder sollte man versuchen, immer größere Teilnehmerfelder zu gewinnen - ob fit oder nicht, trainiert oder untrainiert - und sich dabei zunehmend der Gefahr von Verletzungen, gesundheitlichen Schäden oder gar Todesfällen aussetzen? Gerade die so wichtigen Sponsoren sind eher dann zur Unterstützung bereit, wenn es sich um Formen "bekömmlicher Unterhaltung" handelt und dürften sich zunehmend zurückziehen, sollten sich medizinische Problemfälle häufen. Vielleicht ist es an der Zeit, dass die Organisatoren von Marathons die Frage, wer eigentlich ein Marathonläufer ist, gründlich überdenken.


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