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Marathon-Fotograph und Feuerwehrmann in New York

Bei der Katastrophe in Manhattan hat Victah Sailer großes Glück gehabt, so dass er in Berlin wieder den Marathon fotografieren kann

22.09.2001

Beim New-York-Marathon am 4. November werden Vertreter des real,- BERLIN-MARATHON voraussichtlich die für die Opfer der Terroranschläge gesammelten Spenden an die New Yorker Feuerwehr übergeben. Dass für die Hinterbliebenen der ums Leben gekommenen Feuerwehrleute gesammelt wird, hängt auch mit einer persönlichen Verbindung zusammen: So wird Victah Sailer am nächsten Sonntag beim real,- BERLIN-MARATHON auf einem Motorrad sitzen. Hinter dem Fahrer und verkehrt herum, also Rücken an Rücken. Auf dem Motorrad wechselt er Filme und Fotoapparate während der Fahrt. Victah Sailer ist Sportfotograph. Der Amerikaner hat sich auf die großen Marathonrennen spezialisiert, und er zählt zu den besten seines Faches weltweit. Sailer kennt die meisten Veranstalter, Manager und viele Weltklasseläufer persönlich. Oft ist er besser informiert als die meisten Journalisten.

Seit sechs Jahren kommt der New Yorker nun schon zum real,- BERLIN-MARATHON und macht eindrucksvolle Bilder aus allen denkbaren Perspektiven. Er braust als Beifahrer auf dem Motorrad zwischen den führenden Männern und den einige Minuten dahinter laufenden Frauen hin und her, klettert auf das Zielgerüst, lässt sich am Brandenburger Tor auf einer Leiter bis auf die Höhe der Quadriga heben, um das Läuferfeld von oben zu fotografieren und hätte nichts dagegen, aus einem offenen Hubschrauber Bilder vom Marathon zu machen. Höhenangst kennt er nicht. Denn Victah Sailer ist Feuerwehrmann in New York.

Obwohl er seine Bilder inzwischen weltweit an Magazine und Zeitungen verkauft, hat er seinen ursprünglichen Job nicht aufgegeben. An jenem 11. September hatte Victah Sailer Dienst in seiner Wache in Queens. Der East River trennt den Bezirk von Manhattan. Doch der New Yorker hatte großes Glück. Seine Schicht endetet um 8.50 Uhr. Kurz zuvor war das erste Flugzeug in das World Trade Center geknallt, doch Victah Sailer wurde abgelöst. Vielleicht haben ihm diese Minuten das Leben gerettet. Vielleicht hätte er trotzdem Glück gehabt, denn nur ein relativ kleiner Teil der getöteten Feuerwehrleute kam aus Queens.

„Als ich die Wache verließ, hörte ich den Notruf und wusste, dass etwas am World Trade Center passiert war“, erzählt Victah Sailer. Doch die Katastrophe konnte er nicht ahnen, deshalb fuhr er zu einem Freund, um ihm Fotos zu bringen. Im Auto hörte er im Radio, dass ein Flugzeug in das World Trade Center geflogen. „Ich dachte, es handelte sich um ein kleines Flugzeug.“ Erst bei seinem Freund sah er im Fernsehen den brennenden Turm. „Mein Freund fragte mich, was die Feuerwehrleute machen werden. Und ich erklärte ihm, dass es ungefähr eine halbe Stunde dauern würde, bis meine Kollegen überhaupt dort oben ankommen würden. Es ist für uns in New York der schlimmste Fall, ein Feuer von innen bekämpfen zu müssen.“ Auf dem Weg nach Hause hörte Victah Sailer die weiteren Meldungen im Radio. „Es war der reine Horror. Als ich hörte, dass ein zweites Flugzeug in das WTC gerast war, war klar, dass es sich um eine Terrorattacke handelte. Dann hörte ich mit Schaudern, dass alle Flughäfen geschlossen wurden und praktisch die ganze Nation. Dann kam die Attacke auf das Pentagon. Und als in New York der erste Turm zusammenbrach, wusste ich, dass ich in diesem Augenblick mindestens 100 Kollegen verloren hatte. Ich konnte es nicht glauben. Ich dachte nur noch daran, dass dieser riesige Turm zusammengebrochen war und unter sich tausende unschuldiger Menschen und die Rettungskräfte begraben hatte.“

Als Victah Sailer zu Hause angekommen war, traf er auf seine höchst beunruhigte Frau Lisa. Ihre Schwester arbeitet am World Trade Center. Wie sich später herausstellte, war sie mit ihrem Freund nur einen Block vom World Trade Center entfernt, als das erste Flugzeug den Turm traf. Sie kehrte sofort wieder um und fuhr mit dem Auto zurück nach Hause.

„Ich machte zu Hause den Fernseher an und sah, wie der erste Turm zusammengebrochen war – es war unglaublich.“. Dann sah Victor Sailer auf dem Fernsehschirm einen Aufruf, dass alle Feuerwehrleute zurück zur Arbeit kommen sollten. Auf dem Weg zurück, sah er von weitem noch den zweiten Turm, als er in der Feuerwache ankam, war auch dieser zusammengebrochen. „Mir wurde schwindelig bei dem Gedanken, dass die Tragödie nun mindestens doppelt so groß sein würde und ich vielleicht über 300 Kollegen verloren hatte.“

Äußerst bedrückt war die Stimmung, als Sailer und hunderte anderer Feuerwehrleute sich versammelten, um für den Einsatz koordiniert zu werden. In etlichen 24-Stunden-Schichten hat Victah Sailer seitdem gearbeitet. „Wir müssen unsere normale Arbeit machen, wir sind am World Trade Center, und wir versuchen, zu möglichst vielen Beerdigungen zu gehen, um die Angehörigen zu unterstützen.“ Dennoch rechnet er fest damit, am nächsten Sonntag den real,- BERLIN-MARATHON fotografieren zu können.

„Bitte“, schrieb Victah Sailer noch in der Nacht nach der Katastrophe per E-Mail zu Freunden nach Berlin, die auf ein Lebenszeichen warteten, „betet für meine Kollegen, die morgen nicht mehr aufwachen und für ihre Familien.“

Der real,- BERLIN-MARATHON hat ein Spendenkonto zu Gunsten der Hinterbliebenen der getöteten Feuerwehrleute bei der Berliner Bank eingerichtet: real,- BERLIN-MARATHON, Stichwort: Feuerwehr/Polizei New York, Bankleitzahl: 100 200 00, Konto: 0845 339 000.


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