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Tochter des Taifuns

NaokoTakahashis Weg zum Sieg beim 28. real,- BERLIN-MARATHON

02.10.2001

Als Uta Pippig in der Nähe des Wilden Ebers stand, um als Schlussläuferin der UNICEF-Staffel die letzten sieben Kilometer des real,- BERLIN-MARATHON zu laufen, war Naoko Takahashi schon an ihr vorbei gerannt. Noch stand nicht fest, ob die Japanerin tatsächlich die erste Zeit unter 2:20 Stunden würde laufen können. „Ich drücke ihr die Daumen, dass sie es schafft“, sagte Uta Pippig, die dreimal den BERLIN-MARATHON gewonnen hatte. Auf der Tauentzienstraße wartete währenddessen Takahashis Landsmann Hiroaki Chosa, der gemeinsam mit Innenminister Otto Schily das Zielband hielt, auf seine Landsfrau. Chosa ist der Präsident der internationalen Straßenlaufvereinigung AIMS. Und jener Chosa hatte schon vor zwei Jahren zu Berliner Marathonchef Horst Milde gesagt: „In zwei Jahren werde ich in Berlin sein, und Naoko Takahashi wird kommen, um den Weltrekord zu brechen.“ Er sollte recht behalten.

Lediglich auf den ersten fünf Kilometern hatte Naoko Takahashi aufgrund eines leichten Gegenwindes außerhalb ihrer Marschtabelle, die sie auf ein Ergebnis von unter 2:20 Stunden führte, gelegen. „Da war ich aufgrund des Windes etwas besorgt, aber danach hatte ich keine Probleme mehr und war mir sicher, dass ich die Zeit erreiche“, sagte Naoko Takahashi, die während des Rennens auch von sogenannten „Guard Runners“ profitierte. Diese sie seitlich begeleitenden Läufer hatte der Veranstalter als Schutz in dem Massenrennen zur Verfügung gestellt. Das war durchaus sinnvoll. Denn zumindest einmal musste einer der Begleiter einen Läufer wegschubsen. Dieser hatte, vielleicht um in das TV-Bild zu gelangen, versucht, neben Naoko Takahashi zu gelangen. Viel gleichmäßiger als Tegla Loroupe bei ihrer Weltbestzeit vor zwei Jahren lief Naoko Takahashi in Berlin. Und zeitweilig schien sogar eine Zeit von unter 2:19 Stunden möglich. „Ich bin enttäuscht, dass sie nicht 2:16 Stunden gelaufen ist“, sagte ihr Trainer Yoshio Koide. Doch einen echten Grund enttäuscht zu sein, gab es natürlich nicht. Erst auf den letzten Kilometern war Naoko Takahashi langsamer geworden. „Da fehlte mir dann die Kraft, aber ich sah die Zwischenzeit und wusste, dass ich es schaffen würde.“

Im Sog des enormen Erfolges erreichte der live nach Japan übertragene Fernsehsender Fuji-TV Einschaltquoten von über 50 Prozent. Derart populär ist Naoko Takahashi in ihrer Heimat, dass sie nach ihrem Olympiasieg auch als Comicfigur Karriere machte. Das Magazin „Young Sunday“ dürfte nun neue Auflagenrekorde erzielen. Das mit drei Redakteuren beim real,- BERLIN-MARATHON vertretene Magazin rechnet mit deutlich mehr als dem normalen Wochenverkauf von 700.000 Stück. Als „Kazekko“ (Tochter des Windes) wird Naoko Takahashi in „Young Sunday“ dargestellt. Doch nachdem sie gestern das Ziel in Berlin erreicht hatte, wurde bei der Pressekonferenz ein neuer Name vorgeschlagen: Tochter des Taifuns.

Befragt nach weiteren Zielen und möglichen Steigerungen, sagte die 29-jährige Naoko Takahashi. „Ich denke, ich könnte vielleicht noch ein bis zwei Minuten schneller laufen. Ich bin jetzt Olympiasiegerin und Weltrekordlerin – jetzt werde ich mir neue Ziele setzen, aber ich weiß noch nicht welche.“ Vier Monate lang trainierte sie zuletzt in der Höhenluft von Boulder (Colorado). „Über wöchentliche Trainingsumfänge kann ich nichts sagen, denn wir zählen nicht die wöchentlichen Kilometer zusammen. Die höchsten Umfänge eines einzelnen Tages beliefen sich auf 70 bis 80 Kilometer. Besonders hart war das Training in 3500 Metern Höhe.“

Schon am Montag folgte für Naoko Takahashi die nächste Ehrung in Berlin: Die Vertreter von AIMS wählten sie zur Läuferin des Jahres 2000. Dafür bekam Naoko Takahashi den Goldenen Schuh. Diese Trophäe hatte zuletzt Tegla Loroupe gewonnen. Es spricht alles dafür, dass Naoko Takahashi auch für das Jahr 2001 den Goldenen Schuh bekommt.

Die 29-Jährige hatte einst auf der Oberschule mit dem Laufsport begonnen und sich dann auch einem Verein angeschlossen. Den ersten ihrer bisher erst sechs Marathonläufe rannte Naoko Takahashi 1997 in Osaka, wo sie als Siebente in 2:31:32 Stunden ins Ziel kam. Knapp zwei Jahre später feierte sie einen ersten großen Sieg, der weltweit in der Leichtathletikszene für Aufsehen sorgte. So erstaunlich war ihre Leistung, dass es einige anfangs gar nicht glauben wollten. Experten sprachen jedoch vom wohl besten Marathonlauf einer Frau überhaupt. In 2:21:47 Stunden hatte Naoko Takahashi damals bei den Asienspielen den Titel gewonnen. Das ist die siebtbeste Zeit aller Zeiten. Doch es waren die Umstände, die das Ergebnis noch höherwertiger machten. Denn die 1,63 m große und 47 Kilogramm wiegende Japanerin hatte diese Zeit in einem Solorennen in Bangkok erzielt, bei hohen Temperaturen und einer hohen Luftfeuchtigkeit.

In Sydney 2000 war Naoko Takahashi wieder die Nummer eins. Und dieser Triumph hob sie im marathon-verrückten Japan auf einen Thron. Seit ihrem Olympiasieg gehört Naoko Takahashi zu den populärsten Persönlichkeiten in Japan. „Die Japaner lieben die Olympischen Spiele. Und nachdem ich gewonnen hatte, gab es viele Auftritte, Autogrammstunden und Foto-Sessions. Mein Leben hat sich verändert, aber ich als Person habe mich nicht verändert“, sagt Naoko Takahashi, die als freundliche und humorvolle Athletin gilt. „Ich weiß auch nicht, warum Marathon in Japan so populär ist. Aber die TV-Einschaltquoten sind immer gut – irgendetwas macht uns marathon-verrückt.“

Trotz ihrer enormen Popularität kann Naoko Takahashi ohne Probleme auf die Straße gehen oder zum einkaufen. „Manchmal setze ich allerdings eine Sonnenbrille auf, verstecke mich dahinter und denke, das ist perfekt. Aber mein Manager hat mir gesagt: Jeder Japaner würde mich leicht erkennen.“


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