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Langsamer geht immer

von der Heldentat des Power Walking

12.10.2001

Walking ist eine sportliche Bankrotterklärung. Das wusste ich vorher. Ich, 36, hatte mich aus freien Stücken zu dieser Bankrotterklärung entschlossen. Wieso? Es war halt mal was Neues. Vielleicht aus Masochismus - als Power Walker braucht man für den Spott nicht zu sorgen; das hatte ich auf meinen Runden durch piekfeine Hamburger Gegenden bereits erfahren. Vielleicht aus dem verwegenen Wunsch, einer kleinen Avantgarde anzugehören - morgen ist Walking hip, und wir waren dabei. Egal.

Weil dem Walking der Ruf des Loser-Sports anhing, beschloss ich, mein Training etwas spärlicher ausfallen zu lassen. Wie erschrak ich, als mir kurz vorher ein putzfideler Privatier von seinen langen 30-km-Walks in der Gruppe erzählte. Egal. Es war ohnehin zu spät. Denn es war Sonntag morgen, und ich spät dran.

Ich war sogar so spät dran, dass ich die Aufwärm-Gymnastik verpasste. Das lag halb an mir. Und halb an denen. Weil die nicht wussten, wo so ein Mensch mit W-Schild seine Tüte abgibt. Hinten bei den Lkw? Vorne beim Start? Hinten? Doch vorne! Nach 30 Minuten Suche war ich aufgewärmt und mein Puls im Zielbereich.

"Noch fünf Minuten bis zum Start der Power-Walker." Bei diesen Worten machte sich meine psychosomatisierende Blase bemerkbar, und ich raste auf ein blaues Häuschen zu. "Noch drei Minuten." Geschafft! Ich stand hinter der Absperrung. Komisch nur: um mich herum gut trainierte Männer mit Adrenalin im Blick. Das, so stutzte ich, passte gar nicht zu meiner Vorstellung von den anderen Power-Walkern. Sch-e-i-b-e-n-k-l-e-i-s-t-e-r. Das war die Spitzengruppe der Läufer. Ich sprintete nach vorn. Übertrat hektisch die Start-Linie und ein vielkehliges "Achttttung" aus sonoren Walker-Kehlen rief mich zurück. Ein Schuss. Ich erschrak. Und dampfte los.

Nun sollte eigentlich ein Gefühl der inneren Erhebung eintreten. Es erhob sich nichts. Ich war gestresst, und mir war kalt. Weil ich in der Hektik nicht mehr dieses Karstadt-Gel an die Beine geschmiert hatte. Außerdem musste ich mal. Schön ist das nicht, aber was wollte ich machen.

Die Walker wackelten, die Zuschauer frotzelten. "Kiek mal, die da jehn spaziern." "Dit kann ick ooch." "He, dit is keen Geh-Marathon." Ich fand, als kommende Avantgarde brauchte man echte Nehmer-Qualitäten.

Hinterm Brandenburger Tor fuhr mir ein Radler in die Hacken. Das war das Zeichen. Hier wurde Platz geschaffen für die Spitzengruppe. Die sahen cool aus, ich sags nur ungern, aber Leute, das war Sport!

Es kam noch viel mehr Sport. Läufer ohne Ende. Alle von hinten. Ein Viertelstündchen, dachte ich mir, dann sind sie vorbei. Aus dem Viertelstündchen wurden zweieinhalb Stunden. Zweieinhalb Stunden, in denen ich latschte und die anderen vorankamen. Ich sehnte mich still weinend nach alten Läufertagen mit Knieschmerzen und Heroismus. Ich dachte: Es ist hart, seiner Zeit voraus zu sein, indem man ihr hinterherhinkt.

Dann weiß ich von nichts mehr. Ich sah nur Waden. Schräg unten vor mir Myriaden von wechselnden Waden. Muskulöse Waden, dünne Waden, weiße Waden, bestrumpfte Waden. Nasse Waden, getrocknete Waden. Siegerwaden und Verliererwaden. Sexy Waden, blöde Waden. Lachende Waden, deprimierte Waden. Es war phänomenal. Ich hatte mein Walkers High.

So vergingen die Straßen, Plätze, Stationen. Ich hatte gute Laune, und mir war warm. Allerdings hatte ich auch sehr viel angezogen. In regelmäßigen Abständen nahm ich Powergel aus meiner Weste zu mir - der Ballast musste ja mal leichter werden - und schob mir auf diese Weise ca. 10.000 Kalorien rein. Nach fünf Stunden hatte ich 1.800 davon wieder verbrannt. Dann war nur noch Kudamm. Walkers Paradise.

Die Leute jubelten. Sie jubelten, weil sie freundliche Berliner waren. Nicht, weil wir so gut aussahen. Oder cool. Nein, es war einfach ihre hauptstädtische Art. Das musste damit gemeint sein, dass der Berliner an sich "dufte" ist. Dufte. Ein blödes Wort für einen netten Charakterzug.

Auf dem Nollendorfplatz traf ich meine Freundin. Sie hatte schon alles im Fernsehen gesehen und dabei ausgiebig gefrühstückt. "Boah, Du warst ja lange unterwegs", sagte sie in ihrer duften Berliner Ehrlichkeit. Über meinem Pulli baumelte die Medaille. Auf meiner vorläufigen Urkunde las ich "Bruttozeit 3:59:00. Geschwindigkeit: 3 km/h". Ein Fehler im System. Ein Augenzwinkern des Schicksals.

geschrieben von Power-Walking Teilnehmerin Regina,
"Das Laufhuhn"


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