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Aufbruch in eine bessere Zukunft?

5000 m-/10 000 m-Bilanz: Deutsche Langstreckler so schwach wie selten zuvor – Ausfälle von Jirka Arndt, Sebastian Hallmann und – von Dieter Baumann nicht kompensierbar!

14.11.2001

Ein Schritt vor, ein Schritt zurück – der Leidensweg der deutschen Mittel- und Langstrecker auf den Mehr-Runden-Distanzen geht weiter. Konnte Isabelle Baumann vor Jahresfrist noch auf eine leichte Trendwende mit Rang acht beim olympischen 5000 m-Finale und zwanzig Deutschen unter der national bedeutsamen 14-Minuten-Barierre bauen, sieht dies am Ende der Saison 2001 schon wieder merklich düsterer aus. Genosse Trend hat sich abgewendet. Der Spitzenreiter lief an Stelle 13:21,47 (Arndt) lediglich 13:33,86 (Fitschen), die Zahl der Unter-14-Minuten-Läufer ist auf bedenkliche zwölf geschrumpft. Und über 10 000 m sieht es keinen Deut besser aus, eher ist der Absturz noch dramatischer. Im Vorjahr schloss Jirka Arndt mit 28:22,17 noch einigermaßen die Lücke, die sich durch das Fehlen von Dieter Baumann aufgetan hatte, heuer führt Thomas Greger mit seinen im Meisterschaftsrennen von Kandel erzielten 28:41,16 die Rangliste an. Die Decke der unter 29:00 Minuten-Läufer ist mit fünf bzw. drei Läufern (unvermindert) katastrophal schwach.

„Das war ein ausgesprochenes Seuchenjahr“ gestand Arndt-Trainer Axel Pohlmann mit Blick auf eine nicht vorhandene Wettkampfsaison 2001. „Ausgangspunkt waren Achillessehnenbeschwerden, die sich schon im Olympiajahr eingestellt hatten – und nicht auskuriert wurden. Zu wenig Geduld, intensives Training und Fehlbelastungen, es war einfach ein Teufelskreis!“ Auf dem Weg zum Marathondebüt beim Berlin-Marathon kam letztlich noch eine Oberschenkelhalsfraktur hinzu, die den Potsdamer schon nach fünf Kilometern zum Aussteigen zwangen. „Wir werden dies konservativ behandeln und ausschließlich mit Wasserjogging die EM-Saison vorbereiten!“ blickt Pohlmann jedoch weiter optimistisch in die unmittelbare Zukunft. „Und diese heißt Marathon ohne Kompromisse!“

Mit 13:26,43 stand Sebastian Hallmann am Ende der Olympiasaison mit glänzenden Perspektiven da, ein Jahr später nunmehr mit leeren Händen und lediglich 13:48,53 aus dem DM-Finale. Was ist passiert? „Es ist eine lange Geschichte“, verrät Bernhard Hallmann, Vater und Betreuer von Sebastian Hallmann, „muskuläre Dysbalancen haben den gesamten Saisonaufbau durcheinander gebracht!“ Wirbelsäulenblockade, Weisheitszähne, Hallmanns Krankengeschichte ist eine lange, letztlich doch endliche Geschichte. „Seit den Behandlungen bei einem Kinesiologen geht wieder aufwärts“, verriet Trainer Hallmann und schickte seinen Sohn zum Grundlagen-Ausdauertraining im Oktober nach Mallorca. Noch im Dezember möchte sich Sebastian Hallmann wieder zurückmelden in das Wettgeschehen. Schließlich ist ein EM-Start im nahen Münchener Olympiastadion das erklärte Ziel des 24jährigen Quelle-Läufers.

Dahin möchte auch der ein Jahr jüngere Mario Kröckert, der sich heuer beim IAAF-Permit-Meeting in Mailand auf 13:37,56 steigern konnte. Sein Trainer Paul-Heinz Wellmann ist nach einem vorzüglichen Auftritt Anfang November beim Deutschen Cross-Cup auf der Merheimer Heide nicht einmal so unglücklich über den vierwöchigen Unteroffizierslehrgang in Frankenberg bis Mitte Dezember, der den jungen Bayer-Läufer etwas in seinem (läuferischen) Tatendrang bremsen wird. Denn Mario Kröckert wähnte sich gerade zu Beginn der Winter-Trainingsphase „noch nie so schnell wie heute“, schließlich wird ein erster Kassensturz im kommenden Sommer gemacht, wenn es um die EM-Nominierung geht.

Mit Jan Fitschen und Carsten Schütz weiss Wattenscheids Erfolgscoach Tono Kirschbaum gleich zwei EM-Kandidaten in seinen Reihen. Vor allem dem 5000 m-Meister Fitschen sind noch weitere Leistungssprünge zuzutrauen, wenn er sich künftig hauptsächlich der Zwölfeinhalb-Runden-Distanz zuwendet. Die in Mailand erreichten 13:33,86 dürften für den 1500 m-Umsteiger noch längst nicht das letzte Wort bedeuten. „Fünf Rennen innerhalb von nur vier Wochen haben doch kräftig geschlaucht“, gestand Jan Fitschen nach dem Titelgewinn in Stuttgart. Dennoch ist seine Zielsetzung klar: „Ich setze künftig auf 5000 m. Die 1500 m werden allenfalls eine Zubringerstrecke sein, denn meine 3:41er Bestzeit kann nicht alles gewesen sein!“ Ein Rätsel ist nicht nur für Carsten Schütz der Leistungsabsturz, denn der Wattenscheider Frontläufer brachte heuer lediglich 13:55,42 zu Stande, nachdem er im Vorjahr die Olympianorm mit 13:26,81 nur hauchdünn verpasst hatte. „Es war einfach ein Flautejahr“, blickt Carsten Schütz ratlos zurück. „Die Trainingsergebnisse waren super, aber im Wettkampf lief nicht viel zusammen. Vielleicht bin ich auch zu spät eingestiegen oder habe im Training etwas überzogen. Ich habe jedenfalls keine rechte Erklärung. Eines weiss ich aber: Im kommenden Jahr werde ich schneller als 13:26 laufen!“ Hallmann, Kröckert, Fritschen und Schütz, ein starkes Quartett. Zumal Carsten Schütz noch eine weitere Option hat – die 10 000 m-Strecke. „Ich werde bei der European Challenge versuchen, die EM-Norm zu laufen. Warum nicht, ich habe doch nichts zu verlieren!“

Bundestrainer Wolfgang Heinig, seit diesem Jahr neben der Marathonstrecke auch für die 10 000 m zuständig, wird’s freuen. „Mit Schütz, Lubina, Hedrit und vielleicht auch mittelfristig Kröckert oder May lässt sich schon eher in Richtung 28:00 blicken. Nach der zurückliegenden Saison muss man in einer Bilanz ganz nüchtern fragen: Wer hat sich überhaupt mit dieser Strecke beschäftigt? Es waren entweder zumeist Neueinsteiger oder, vorsichtig formuliert, Halbtalente der Straße, die sich auf der Bahn versuchten! Das relativiert nämlich die Bestenlistenergebnisse!“ Bei einer Wochenendtagung in Darmstadt sollen noch Mitte November die Weichen für diese Disziplin gestellt werden. „Ich denke, für jüngere Leute ist die 28:30 Minuten-Barriere durchaus machbar. Jetzt gilt es, die Interessen im Sinne der Disziplin zu bündeln!“ Aus der Sparte Hoffnungsträger setzt Nachwuchs-Bundestrainer Henning von Papen vor allem auf Arne Gabius (81), Andre Pollmächer (83), Martin Uhlich (83) und Toni Mohr (83), allesamt junge Burschen, die „ein hohes Langstrecken-Potenzial“ haben. Vor allem aber auf den kürzeren Distanzen 1500 m und 3000 m eine „gute Entwicklung“ genommen haben, obgleich diese keineswegs mit achtzehn bzw. zwanzig Jahren abgeschlossen ist.

Wilfried Raatz (aus LA 46/01)


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