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Deutsche Marathon-Bilanz Männer

Schlimmer geht’s nimmer! So schwach waren deutsche Marathonläufer in den letzten zwanzig Jahren nicht mehr – Freigang mit 2:14:27 Jahresbester

08.12.2001

„Ich glaube, so schlecht waren die deutschen Marathonläufer schon seit Jahrzehnten nicht mehr“, zeigt sich Stephan Freigang zumindest statistisch sattelfest in einer nüchterner Saisonanalyse. Nicht nur, dass der frühere Olympiadritte mit seiner gerade vor Wochenfrist in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon erzielten Siegerzeit von 2:14:27 Stunden sogar noch eine deutsche Jahresbestzeit gelaufen war, sondern auch der Schnitt der zehn Besten ist mit 2:18:03 seit vielen Jahren unerreicht – im negativen Sinne. „Natürlich muss ich mich mit einschließen, es ist einfach nur peinlich!“ Für Freigang war die persönliche Statistik des nacholympischen Jahres zumindest in der Platzierungsbilanz mit den beiden Siegen in Leipzig (2:15:57) und nun Lissabon nicht das allerschlechteste, obgleich er in Frankfurt nach 25 km wegen Wadenbeschwerden ausgestiegen war. „Natürlich hängt bei uns viel von den äußeren Bedingungen ab“, versucht Stephan Freigang für seine Disziplin eine zumindest kleine Lanze zu brechen. „In Lissabon lagen Julio Rey und ich bis km 30 noch auf einem 2:11:30-Kurs, aber mit Gegenwind nach der letzten Wende verlierst du schnell vier, fünf Sekunden pro Kilometer. Mir war letztlich der Sieg wichtiger als eine Endzeit, die bei aller Anstrengung dann doch über der EM-Norm gelegen hätte!“

In den Analen des deutschen Marathons Ost wie West gibt es keine Parallele ob des leistungsmäßigen Tiefststandes, dazu standen die Eich, Dobler, Peter, Steffny, Salzmann oder selbst Freigang als Jahresbester 1996, 1995 und 1993 auch international platziert in den Ranglisten, wenngleich Tendenz absteigend. Nicht nur die Spitze war abgebrochen, sondern auch die Breite. Im Durchschnittswert der zehn besten Deutschen liegt das gerade zurückliegende Jahr mit 2:18:03 um Längen zurück hinter dem besten Wert von 2:12:43 aus dem Jahr 1990. Im Klartext heißt dies zumindest aber auch, dass der Zehnerschnitt oftmals noch besser war als Freigangs Jahresbestmarke von 2:14:27 Stunden.

„Ich muss für mich persönlich einen Schnitt machen. Und dieser kann nur heißen, entweder schneller trainieren oder richtig Umfänge machen!“ zieht Freigang die Konsequenzen für das EM-Jahr. Im Verbund mit Heim- und Bundestrainer Wolfgang Heinig möchte er es zumindest im kommenden Jahr noch einmal wissen. „Ich bin ehedem ein Typ mit viel Umfangskilometer. In den früheren Vorbereitungen mit Trainer Bittermann bin ich schon das eine oder andere Mal 300 Wochenkilometer gelaufen. Aber eben nicht konsequent. Vielleicht muss man es ähnlich wie Naoki Takahashi machen!“ Die in Berlin Weltbestzeit gelaufene Japanerin hatte mit der Veröffentlichung ihrer Trainingspläne die Fachwelt mit kontinuierlichen Wochenumfängen von 350 geschockt und ihre Erfolge mit Olympiasieg und Weltbestzeit daraus abgeleitet. Von derartigen Umfängen kann Carsten Eich, der Spitzenreiter der Jahre 1999 und 1998 mit einer persönlichen Bestmarke von 2:10:22 Stunden, nur träumen. Er ist ehedem nicht der Typ zu großer Umfänge. Im Verbund mit Trainer Axel Krippschock ist der 31jährige Fürther, der künftig das Trikot der LG Braunschweig tragen, aber seinen Lebensmittelpunkt nach wie vor im Fränkischen haben wird, derzeit mit Bedacht dabei, den Trainingsrückstand nach der Schleimbeuteloperation wieder aufzuholen. Neben täglichen Dauerlauf-Einheiten packt Carsten Eich derzeit noch einige Aquajogging- und Radeinheiten drauf, um sich letztlich mit einer guten Frühjahrsleistung für einen EM-Start in München zu empfehlen.

Neben dem verletzungsbedingten Ausfall von Carsten Eich schwächelte aber auch mit Michael Fietz der andere vermeindliche Leistungsträger. In Köln ebenso auf 2:11er Kurs wie drei Wochen später in Frankfurt, die Resultate für den Wattenscheider sind letztlich kümmerlich ausgefallen. Wadenprobleme brachten den nach seinem Frankfurter Marathonsieg 1997 in 2:10:59 schon als neue Marathonhoffnung apostrophierten Fietz stets von der Rolle. Ende Oktober lief er zumindest durch – und wurde in undiskutablen 2:16:28 in Ermangelung leistungsstarker Konkurrenten sogar noch deutscher Meister. „Das ist das positive an diesem Jahr“, blickt Trainer Tono Kirschbaum zurück, „er war zwar oftmals platziert, aber noch nie deutscher Meister!“ Michael Fietz ist mit nunmehr 34 Jahren längst im richtigen Marathonalter, wären da nicht die stetigen Rückenprobleme, die letztlich die Laufmuskulatur gerade in der Schlussphase stark beeinträchtigen. „Ich hoffe, dass wir dies im Laufe des Winters in den Griff bekommen!“ Denn im Frühjahr möchte Michael Fietz noch einmal angreifen – in Rotterdam. Dort, wo der Wattenscheider im Olympiajahr als Zwölfter in 2:11:28 den Weg nach Sydney ebnen konnte. „Auch wenn es immer ein superschnelles Rennen wird, hat Michael diesen Marathon in bester Erinnerung, weil dort einfach alles stimmt!“

TVW-Coach Tono Kirschbaum wird voraussichtlich nicht alleine mit Michael Fietz nach Rotterdam reisen, denn mit Sebastian Bürklein steht ein weiterer leistungsstarker Läufer in seiner Gruppe, der allerdings nach seinem klasse Marathondebüt 1999 in Frankfurt noch Novize auf dieser Distanz ist und bei seinem zweiten Start am Main schmerzlich Lehrgeld zahlen musste. „Bedingt durch einen Infekt konnte Sebastian erst spät in die Marathon-Vorbereitung einsteigen, sodass ihm einfach die entsprechenden Umfänge fehlten. Vier bis sechs Wochen haben letztlich einfach gefehlt, sonst hätte er am Schluss nicht einen derartigen Einbruch gehabt und den Meistertitel gegen Michael noch verloren!“ glaubt Tono Kirschbaum.

Deutschlands Marathon-Männer auf einen Blick:
Ein katastrophales Jahr für die marathonlaufenden deutschen Männer. Der frühere Olympiadritte Stephan Freigang ist mit seinen Siegen in Leipzig (2:15:57) und Lissabon (2:14:27) die beiden (!) schnellsten Resultate hier zu Lande gelaufen. Carsten Eich verabschiedete sich vorzeitig in Hamburg und steht nach einer Schleimbeuteloperation im Sommer heuer sogar ohne jegliche Leistung dar. Aus den gewiss nicht schwach besetzten Titelkämpfen im Rahmen des Euro Marathon in Frankfurt ging Michael Fietz mit international unbedeutenden 2:16:23 noch als Bester hervor, nachdem er drei Wochen zuvor in Köln seine auf eine 2:10er Endzeit angelegte Fahrt nach 33 km vorzeitig abbrechen musste – und durfte sich immerhin mit der ersten nationalen Meisterschaft trösten. Novize Sebastian Bürklein büßte am Main in seinem zweiten Marathon nach unzureichender Vorbereitung auf den vier letzten Kilometern. Von den jüngeren Läufern konnte sich weder Maximilian Bahn (2:20:21) noch Volker Fritzsch (2:27:43) für die nahe Zukunft empfehlen, beide gingen in der Frankfurter Regenfront keineswegs gestärkt heraus. Die ersten Versuche von Marc Ostendarp (2:18:15) und Jörn Wagner (2:19:03) dürften gewiss nicht die letzten gewesen sein, aber hieraus schon Perspektiven abzuleiten, das wäre verfehlt. 2:13-Läufer Uli Steidl setzte auf Berlin, blieb aber dort mit 2:19:01 unter Wert.

-Wilfried Raatz (wira)
(aus LA 50/01)


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