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Mit Vierzig hat frau noch Marathonziele

Die Grande Dame des Marathonlaufes Katrin Dörre-Heinig im Gespräch – 24 Marathonsiege und noch lange nicht müde – Comeback erst im Herbst 2002?

16.12.2001

Sie ist inzwischen Vierzig, gilt als die Grande Dame des Marathonlaufes - und ist noch lange nicht wettkampfmüde. Auch wenn es schwer fällt, sich immer wieder neu zu motivieren nach der langen, verletzungsbedingten Pause. Vor allem dann, wenn die Zwangspause immer länger wird und die Anzahl unspezifischer Trainingstage nicht wirklich abnimmt. „Es ist ein unregelmäßiges Laufen“ gesteht Katrin Dörre-Heinig dieser Tage ein, „und kein schmerzfreies zudem! Der Fettstoffwechsel ist kein Problem, solange ich aber nicht fünfzehn oder zwanzig Kilometer schnell laufen kann, brauche ich auch keinen Wettkampf zu machen!“ Und diese Auszeit dauert inzwischen schon über eineinhalb Jahre. Das vorläufige Aus kam beim Hamburg-Marathon 2000. Aussteigen wollte sie nicht, aber Rang zwei in 2:33:10 ist für die Weltklasseläuferin, wie es Katrin Dörre-Heinig praktisch seit ihrem ersten Sieg in Osaka 1984 in 2:31:41 darstellt, gleichzusetzen. Keine vierte Olympia-Teilnahme, keine Rückkehr im WM-Jahr 2001 – und 2002?

„Ich bin 1999 mit 37 Jahren meine Bestzeit mit 2:24:35 gelaufen. 2000 war ich sogar noch von den Werten her besser denn je. Wäre dieses Resultat 1999 nicht gewesen, dann hätte ich mir gesagt: Das war es halt gewesen! Ich habe bei dem missglückten Rennen in Hamburg 2000 alles auf den Fuß geschoben, aber inzwischen weiß ich: Es war Pfeiffersches Drüsenfieber. Schon nach fünfzehn Kilometer hatte ich Wolfgang (ihrem Mann und Bundestrainer, Anm. der Red.) zugerufen, es gehe nichts mehr. Hätte ich die Umstände vorher gewusst, wäre ich natürlich nicht gelaufen!“ Drei Mal war Katrin Dörre-Heinig seitdem unter dem Messer: Im Mai 2000 ließ sie sich einen Fersensporn entfernen, in diesem Frühjahr war die Achillessehne dran, im Oktober folgte noch ein weiterer Eingriff am Narbengewebe. „Massive Veränderungen am Fuß erfordern natürlich ihre Zeit. Mit leichten Schmerzen am Fuß lässt sich natürlich trainieren. Wenn diese aber zu stark werden, dann höre ich eben auf!“

Die gebürtige Leipzigerin, die als Neunjährige aus Zufall über eine Freundin zur Leichtathletik kam, sieht inzwischen vieles nicht mehr mit letzter Konsequenz, wie sie es fast zwei Jahrzehnte auf Weltklasseniveau betrieben hatte. Schließlich kamen die eindrucksvollen Siege nicht von ungefähr. Vier Mal Osaka, drei Mal London, Tokio und Frankfurt, zwei Mal Hamburg und, und, und – eine Erfolgskette ohne Parallelen. Auch wenn die olympische Medaille fehlt. „Wenn es zum Frühjahr noch nicht reicht, dann eben im Herbst“ macht sie sich für das kommende Jahr Mut, „auf jeden Fall versuche ich es nicht mit aller Gewalt!“ Doch selbst mit Vierzig hat frau noch Träume, und diese heißen Weltbestzeit für 40jährige. Priscilla Welsh lief 1987 in London die gültige Marke mit 2:26:51 Stunden.

Diese Zeit muss man freilich erst noch einmal genüsslich auf der Zunge zergehen lassen. Schließlich schafften dies heuer gerade einmal mit Luminita Zaituc und Sonja Oberem zwei Deutsche. „Ich muss mich eigentlich nicht mehr beweisen, aber diesen Rekord zu laufen, das wäre noch einmal eine super Sache!“ Dafür schindet sie sich wieder und immer wieder. Inzwischen haben ihr die Ärzte „grünes Licht“ gegeben. Es bedeutet aber weniger die langen Dauerläufe rund um das Odenwaldstädtchen Erbach, das Katrin mit Ehemann Wolfgang Heinig und der inzwischen 12jährigen Katharina längst eine neue Heimat geworden ist, sondern viel eher Radtraining, Lauftraining auf dem „Elypsengerät“, Krafttraining mit Hantelbank oder Sprossenwand im hauseigenen Trainingsraum. „Für mich ist diese Phase nicht zufrieden stellend. Das allgemeine Training mache ich nicht gerne, aber es muss eben sein. Es ist natürlich eine zwiespältige Hoffnung. Aber wenn ich nicht laufen kann, dann ist es schon ein beklemmendes Gefühl. Triebfeder ist natürlich die Hoffnung auf einen ordentlichen Marathon!“

Die Maßstäbe, die sie als „alter Hase“ an sich persönlich anlegt, die gelten natürlich auch für ihre (nationalen) Konkurrentinnen. „Wer heute nicht konsequent arbeitet, der wird scheitern. Ich kann nicht akzeptieren, dass manche behaupten, diese Zeit hätten sie nicht. Es gehört unendlich viel Disziplin dazu. Viele wissen einfach nicht, was es heißt, Berufssportlerin zu sein!“ Katrin Dörre-Heinig sieht der Entwicklung im Frauen-Marathon derzeit gelassen entgegen, schließlich weiss sie mit Sonja Oberem („Leider ist sie dieses Jahr nicht weiter gekommen“), Luminita Zaituc („Ich glaube, sie wird noch weit kommen!“), Kathrin Weßel („Hochachtung, denn aus eigener Anschauung weiss ich, wie schwer es ist, mit Kind die Kurve zu kriegen!“), Melanie Kraus oder Claudia Dreher gestandene Marathonläuferinnen an der Spitze. „Im Nachwuchsbereich ist leider nichts da! Aber darüber müssen sich eigentlich andere Gedanken zu machen!“ Dafür macht sich Katrin Dörre-Heinig Gedanken um Tochter Katharina, die behutsam im Schülertraining beim FSV Erbach der Leichtathletik zugeführt wird. „Sie hat ein Faible für Hochsprung. 1,31 m konnte ich früher nicht springen. Beim Darmstadt-Cross haben wir erstmals festgestellt, dass sie wirklich Lauftalent hat. Natürlich ist das für die Mutter ein stolzes Gefühl. Aber wir wollen sie nicht zu zeitig zum Laufen bringen, denn es ist schon verlockend, wenn auf Anhieb der Erfolg da ist!“

Wilfried Raatz
(aus LA 51-52/01)


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