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Die Läufe bei den Hallen-EM von Wien (3)

„Silber-Steffi“ unterbietet den alten Weltrekord und ist trotzdem wieder nur Zweite bei der Hallen-EM

05.03.2002

Die größte Hoffnung endete mit der größten Enttäuschung für die Gastgeber: Als Steffi Graf als Verliererin auf die Ehrenrunde ging, passierte ein kleines Malheur. Bei der Fahne die sie schwenkte löste sich das Tuch. Für kurze Zeit wedelte Österreichs Leichtathletik-Idol nur noch mit einem Stock. Das war bezeichnend für die Situation. Mit Fahnen und Fanfaren und allen nur möglichen Anfeuerungsmethoden hatten die Zuschauer beim Höhepunkt der Europameisterschaften die Wiener Halle in ein Tollhaus verwandelt. Dieses Mal musste Steffi Graf über 800 Meter gewinnen. Zweite war sie schon bei den Olympischen Spielen in Sydney 2000, bei der Hallen-WM in Lissabon vor einem Jahr und bei der WM in Edmonton im vergangenen August. Das brachte ihr in Österreich den Spitznamen „Silber-Steffi“ und trotzdem derartige Sympathien, dass sie vor allen Skistars zur Sportlerin des Jahres gewählt wurde.

An den Sympathien, die ihr entgegen gebracht werden, hat sich nichts verändert, und auch sonst ist in Wien alles geblieben wie es war: Graf bleibt „Silber-Steffi“. Die Lokalmatadorin hat wieder nicht gewonnen, obwohl sie in 1:55,85 Minuten unter dem 14 Jahre alten Weltrekord der Neubrandenburgerin Christine Wachtel geblieben war. Doch wieder war eine schneller, obwohl ihre Dauer-Bezwingerin auf globaler Ebene, Maria Mutola (Mosambique), dieses Mal nicht am Start sein konnte. Statt dessen übernahm ausgerechnet Jolanda Ceplak die Rolle der Graf-Bezwingerin. In einem beherzten Lauf hatte die Slowenin Tempo gemacht, sah dann wie die sichere Verliererin aus, überholte aber zum Entsetzen des Publikums Steffi Graf auf den letzten Metern und war in 1:55,82 Minuten als Erste im Ziel – Weltrekord.

„Das Rennen war perfekt, wir blieben beide unter dem Weltrekord. Es ist ein glücklicher Tag für mich“, erklärte Steffi Graf in einer ersten Reaktion. Glücklich sah die 28-Jährige nicht aus. Und dazu sagte sie später während der Pressekonferenz: „Vom Rennen her bin ich nicht enttäuscht, es ist das erste Mal, dass mir ein zweiter Platz nicht weh tut. Ansonsten bin ich natürlich sehr enttäuscht. Und deswegen trenne ich mich mit sofortiger Wirkung von meinem Manager Robert Wagner. Ich fühle mich hintergangen.“ Graf schien in Rätseln zu sprechen, nur Insider wussten, was sie meinte. Denn ausgerechnet jener Robert Wagner - Österreicher, Manager von Graf und auch Mitglied im Orgnisationskomitee der Hallen-EM – hat einen gravierenden Anteil am wundersamen Aufstieg der Jolanda Ceplak, die nun am Sonntag die große rot-weiße Party verdarb. Seit einem Jahr betreut er auch die Slowenin. Und gut informierte österreichische Journalisten erzählen, diese Betreuung sei eine sehr persönliche und individuelle. Steffi Graf müsse sich vorkommen wie das fünfte Rad am Wagen.

Die Initiativen des Managers alleine reichen aber wohl auch nicht aus, um zu erklären, warum Jolanda Ceplak fast exakt vier Sekunden schneller ist als noch vor einem Jahr und plötzlich Weltrekord rennt. Die 25-jährige Slowenin, die vor zwei Jahren schon einmal Vierte war bei der Hallen-EM, ansonsten aber noch nie bei großen Meisterschaften in Erscheinung trat, erklärte: „1999 habe ich den Trainer gewechselt. Seitdem trainiere ich ganz anders als früher. Ich mache jetzt Sprints und Krafttraining.“ Als elfjährige habe sie angefangen mit der Leichtathletik, mit 12 rannte sie die 800 Meter bereits in 2:10,15 Minuten. „Dies ist heute noch ein Altersrekord für Slowenien.“

Ob sie denn nun im Sommer auch den Freiluft-Weltrekord brechen könnten, wurden beide Läuferinnen gefragt. „Ich will mich zukünftig stärker auf die 1500 Meter konzentrieren und dann über diese Strecke vielleicht einmal den Weltrekord angreifen“, kündigte Jolanda Ceplak an. Steffi Graf kam diese Frage durchaus gelegen. Denn sie antwortete nicht ohne einen versteckten Seitenhieb auf die Slowenin: „Der Freiluft-Weltrekord ist für mich wohl nicht möglich. Denn dann müsste ich mich in einem Jahr um drei bis vier Sekunden steigern – und das geht nicht.“ Damit war Teil eins der Pressekonferenz beendet, Jolanda Ceplak verließ die Räumlichkeiten. Steffi Graf und die meisten Journalisten blieben. Und wie erklärt sie sich die Steigerung der Slowenin? Die Ironie ist nicht zu überhören: „Sie muss ein wirklich sehr gutes Training machen“, sagt Steffi Graf und fügt noch hinzu: „Irgendwie ist mein Trainer wohl nicht drauf gekommen. Und alle, die sich über Jahre hinweg immer um ein paar Zehntelsekunden steigern, müssen auch etwas falsch machen.“


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