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Marathonerlebnis im Land der aufgehenden Sonne

Ohme-Marathon bewegt die Massen vor den Toren Tokios

07.03.2002

Tokio, Osaka, Beppu, Otsu, Fukuoka - allesamt Garanten für Marathon-Weltklasseresultate. Die schnellen Marathonläufe, ausschließlich für wenige hundert Eliteläufer konzipiert, sorgen für internationale Schlagzeilen, gehen in die Weltbestenlisten mit Glanz und Gloria ein. Fachjournalist Wilfried Raatz stellt jedoch mit dem Ohme-Marathon vor den Toren Tokios einen "Marathon" vor, der zwar nur dreißig Kilometer misst, aber als das Sprungbrett für die künftigen japanischen Marathon-Asse gilt. In der japanischen Laufszene gilt der traditionsreiche Ohme-Marathon als das Breitensportereignis, das heuer seine 36. Auflage erfuhr. Dank der Partnerschaft mit dem Boston Marathon und dem Frankfurt-Marathon rückt der als "Fun race" 1967 ins Leben gerufene Ohme-Marathon auch außerhalb Japans ins Visier, zumal es die Ohme-Organisatoren immer wieder verstanden, auch Weltklasseläufer wie Ingrid Kristiansen, Rosa Mota, Bill Rodgers, Gerald Nijboer oder Waldemar Cierpinski in die 130 000 Einwohner große Vorstadt Tokios einzuladen.

Die große japanische Sportzeitung "Sports Hochi" der Mediengesellschaft Hochi Shinbun Newspapers fasste 1964 nach dem Bronzemedaillengewinn von Kokichi Suburaya bei den Olympischen Spielen in Tokio den Entschluss, eine Art Volkslauf ins Leben zu rufen - der Erfolg war vorprogrammiert. Der Ohme-Marathon boomte nach bescheidenen Anfängen mit 337 Läufern derart, dass die Polizeibehörde die längst auf 25 000 Teilnehmer angewachsene Läuferschar auf 15 000 begrenzen mußte - und dabei ist es trotz moderner Technik bis heute geblieben. Der vorgeschaltete 10 km-Lauf für Jugendliche und Mastersläufer bringt zudem 3000 Läufer auf die Beine, sodass stets Mitte Februar eine Stadt regelrecht im (Läufer-)Ausnahmezustand lebt.

Viele Läufer kommen bereits am Vortage nach Ohme, einer beschaulichen Wohnstadt am Eingang eines idyllisch gelegenen Tales. Das Sportzentrum wandelt sich in der Nacht vor dem großen Laufereignis zu einem riesigen Heerlager, andere lagern auf Matten am Straßenrand und Hofeinfahrten oder campieren in der Nähe des Starts. Obligatorisch die feierliche Eröffnungszeremonie mit einer eindrucksvollen Trommlergruppe, die am Lauftag auf der stark profilierten Pendelstrecke im Ohme-Tal lautstarke Unterstützung für die Läufer anbietet, oder international übliche Pastaparty oder Marathonmesse, die letztlich auf das große Laufereignis einstimmen.

Sorgte im Vorjahr die japanische Olympiasiegerin Naoko Takahashi bei ihrem ersten Start nach dem Goldmedaillen-Gewinn von Sydney mit der Weltbestzeit von 1:41:57 Stunden für eine regelrechte Massenhysterie, war es heuer der Baseballstar Shigeo Nagashima, der besondere Sicherheitsvorkehrungen erforderlich machte. Dieser lief freilich nicht die 30 km-Distanz, sondern bekam als Ehrenstarter mehr Beifall als die späteren Sieger Yuki Mori (1:31:16) und Yukari Komatsu (1:45:16). Die 28jährige brachte dabei das Kunststück fertig, die kenianische Olympiavierte Esther Wanjiro um mehr als eine Minute zu distanzieren. Mit Routine und Charme genoss der inzwischen sechzigjährige "Beckenbauer Japans" nicht nur das Bad in der Menge, sondern zeigte sich auch von den Leistungen der Läuferschar beeindruckt. Die breite Straße ins Ohmetal mit den ersten Pflaumenblüten wird zur Laufbahn, auf der Hunderte von Polizisten und Helfern im Abstand von zwanzig Metern penibel darauf achten, dass kein Läufer auch nur einen Meter von der Ideallinie abweicht oder ein Zuschauer die Straße betritt. Köchelnde Gastwirte bieten am Straßenrand allerlei Leckereien oder Deftiges an, während die vielen Zuschauer am Streckenrand, klischeegleich mit Fähnchen ausgerüstet den Läufern eher schweigend zuwinken.

Für die deutschen Starter, auf Initiative des früheren München-Marathon-Chefs Ali Schneider einst ins Spiel gebracht, ist der Ohme-Marathon längst ein Erlebnis der besonderen Art. Während Olympiastarterin Petra Wassiluk und Mastersläufer Günter Mielke auf der 10 km-Strecke bereits zu Siegen kamen, hängen die Trauben auf der 30 km-Distanz ungleich höher. Alleine Steffen Dittmann und heuer Romy Spitzmüller schafften den Sprung unter die top ten eines außergewöhnlichen Laufereignisses.

Übrigens: Großflächig wurden auf großen Plakaten des real.-Berlin-Marathon die insgesamt 18 000 japanischen Starter im Bereich der großen Sporthalle begrüßt. Schließlich zeigte das Poster ihre jubelnde Landsfrau Naoko Takahashi bei ihrem Zieleinlauf auf dem Kurfürstendamm, just als in dem Moment, als sie die neue Weltbestzeit realisierte. Dank der weltumspannenden Kontakte der Berlin-Marathon-Organisatoren lagen bei der Startnummern-Ausgabe natürlich auch druckfrische (englischsprachige) Ausschreibungen des real,- BERLIN-MARATHON 2002 aus. Einen besseren Werbepartner als die auf den Straßen der deutschen Hauptstadt Weltbestzeit laufende Marathon-Olympiasiegerin konnten die Berliner für das Land der aufgehenden Sonne mit ihrer großen Begeisterung für den Marathonlauf freilich nicht gewinnen.

36. Ohme-Marathon (30 km): Ergebnisse: Männer: 1. Mori 1:31:16, 2. Isomatsu 1:31:19, 3. Hayata 1:31:38, 4. Nara 1:32:06, 5. Kiniwa 1:32:22, 6. Kimura 1:32:43, 7. Sugaya (alle JPN) 1:33:34, 8. Tegenu (ETH) 1:33:40 ... 16. Wagner (De/ LG Braunschweig) 1:36:00. Frauen: 1. Komatsu 1:45:16, 2. Wanjiro (KEN) 1:46:58, 3. Kumagai 1:48:16, 4. Hoshino 1:49:48, 5. Tabashi (alle JPN) 1:49:53, 6. Beck (USA) 1:50:01, 7. Nomura (JPN) 1:51:06, 8. Spitzmüller (De/ LAZ Leipzig) 1:52:24.

Die besten Resultate deutscher Starter
30 km
1:32:27 Steffen Dittmann (1993/ 10.)
1:32:59 Steffen Dittmann (1991/ 8.)
1:35:24 Michael Scheytt (1994/ 10.)
1:35:38 Christian Fischer (1999/ 11.)
1:36:00 Jörn Wagner (2002/ 16.)
1:37:33 Franz Hornberger (1988/ 20.)
1:38:24 Eike Loch (1993/ 47.)
1:38:52 Robert Langfeld (1998/ 28.)
1:39:06 Helmut Stenzel (1987/ 21.)
1:39:23 Heinz-Bernd Bürger (2000/ 35.)
1:41:52 Udo Reeh (1990/ 36.)

10 km
33:19 Michaela Möller (2000/ 2.)
33:20 Petra Wassiluk (1999/ 1.)
34:29 Maren Östringer (1998/ 4.)


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