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„Das Olympiastadion hält jeder Konkurrenz stand“

Der Vizepräsident des Internationalen Leichtahtletik-Verbandes, Helmut Digel, über Berlins Chancen für die Weltmeisterschaften 2005

19.03.2002

Helmut Digel (58) ist als Vizepräsident des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF) unter anderem zuständig für Marketing. Digel war acht Jahre lang Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) und ist Vizepräsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK). Am 14. April entscheidet das Council der IAAF über den Austragungsort der Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2005.

Was sagen Sie als Stuttgarter zur Entscheidung des DLV, sich nicht mit Stuttgart oder München für die WM zu bewerben?

Helmut Digel: Ich hätte mich auch über Stuttgart gefreut, aber der DLV hat eine gute und eine politisch verantwortungsvolle Entscheidung getroffen. Man muss ja auch berücksichtigen, dass sich die Bundesregierung mit Bundeskanzler Schröder und Innenminister Schily für den Erhalt der Leichtathletikbahn im Berliner Olympiastadion eingesetzt hat. Der Bund beteiligt sich an den Umbaukosten, und deswegen musste gegenüber der Politik auch die Frage beantwortet werden, was denn in diesem Stadion überhaupt stattfinden soll.

Welcher Punkt ist aus Sicht der IAAF bei der Auswahl der Stadt besonders interessant?

Helmut Digel: Für uns ist eine entscheidende Frage, an welchem Ort wir die Leichtathletik erfolgreich präsentieren können. Wo wird das Stadion ausverkauft sein, wo entsteht eine begeisternde Atmosphäre, und wo können wir die besten TV-Einschaltquoten erreichen? Da hat Berlin noch einige Herausforderungen zu bestehen, denn es ist schwierig, in einer Weltstadt ein Stadion zu füllen. In den letzten Jahren ist das bei den Weltmeisterschaften leider nicht gelungen, wenn die Arenen mehr als 60.000 Zuschauer fassten. So gesehen waren die Titelkämpfe 1993 in Stuttgart und 1995 in Göteborg die erfolgreichsten.

Die IAAF hat die Bewerbungen aller sechs Städte – neben Berlin noch Rom, Budapest, Brüssel, Moskau und Helsinki – erhalten. Wie wird jetzt weiter vorgegangen bis zur Abstimmung am 14. April?

Helmut Digel: Wir sind in der glücklichen Situation, auswählen zu können. Denn alle Städte haben interessante und gute Bewerbungen vorgelegt. Wir haben jetzt eine Kommission gebildet, die ab Mitte März vor Ort die Bedingungen überprüfen wird. Wichtig ist zum Beispiel, die Garantien der Städte zu überprüfen und festzustellen, wie sicher die Haushalte sind. Eine andere Frage ist, wie die Promotion-Strategie und der Etat dafür aussehen. Denn ohne eine gute Promotion wird man keine gute WM veranstalten können.

Lamine Diack, der Präsident der IAAF, hat einmal in einem Interview erklärt, er sehe keine Probleme für Berlin bezüglich einer WM. Damals war allerdings noch das Jahr 2009 im Gespräch.

Helmut Digel: Also derartige Aussagen würde ich jetzt nicht auf die Goldwaage legen ...

Können Sie als deutscher IAAF-Vizepräsident die Berliner Bewerbung unterstützen?

Helmut Digel: Wir haben extra darauf geachtet, dass kein Mitglied der Bewertungskommission aus einem Bewerberland kommt. Am Ende werden fachliche Kriterien entscheiden, die IAAF wird in die Stadt gehen, in der wir die besten Möglichkeiten sehen. In meiner Rolle als Vizepräsident muss ich mich neutral verhalten. Sicher werde ich Ratschläge geben, wenn ich gefragt werden – das gilt aber auch für Helsinki oder Rom.

Helsinki und Rom sind Städte, die schon jeweils einmal eine WM veranstaltet haben. Es heißt, die IAAF möchte nicht ein zweites Mal in eine solche Stadt gehen.

Helmut Digel: Das stimmt so nicht. Es gibt Argumente für beide Möglichkeiten. Man könnte sagen, man will nicht noch einmal in die gleiche Stadt, andererseits könnte man auch sagen, wir wissen, was uns in dieser Stadt erwartet. Die IAAF wird sicher nie sagen, wir kommen nie wieder zurück. Im Gegenteil, denn sonst würde manche Leichtathletikanlage aus den Stadien verschwinden.

Welche Punkte sprechen für Berlin?

Helmut Digel: Für Berlin wird auf jeden Fall das Stadion sprechen, das eines der modernsten der Welt werden wird. Dieses Stadion hält jeder Konkurrenz stand, das kann zurzeit keine andere Bewerberstadt bieten. Das Stadion ist ein sehr starkes Argument für Berlin. Berlin bietet auch ein sehr professionelles Organisations-Komitee, aber das haben andere Städte auch.

Hat Berlin als Metropole im wiedervereinigten Deutschland Vorteile?

Helmut Digel: Das glaube ich nicht. Die Mitglieder des IAAF-Councils entscheiden in geheimer Wahl am 14. April. Und für jemanden aus Brasilien oder Indien ist Moskau genauso eine europäische Metropole wie Berlin. Eher mitentscheidend ist sicherlich, wie lebendig die Leichtathletik in dem Land der Bewerberstadt ist. Nationale Stars ermöglichen, dass sich die Zuschauer mit der Veranstaltung identifizieren, das ist für uns sehr wichtig.

Wie entscheidend kann die Präsentation der einzelnen Städte am 14. April in Nairobi sein?

Helmut Digel: Jede Stadt hat insgesamt etwa eine dreiviertel Stunde dafür Zeit. Da kann man einiges machen. Es gibt in allen Bewerberländern ein hohes politisches Interesse, diese WM auszurichten. Deswegen wird die Präsentation in Nairobi sicherlich hochkarätig besetzt sein, angefangen bei Ministerpräsidenten und bis zu Sportstars. Hochrangige Vertreter der Bundesregierung und Athleten wie Heike Drechsler und Lars Riedel, der ja schon fünfmal Weltmeister war, könnten der Berliner Präsentation sicherlich helfen.


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