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Bundesgerichtshof-Urteil - Ende des sportlichen Inline Skatens?

Stellungnahme von Hanspeter Detmer

21.03.2002

Inline Skater sind - als Verkehrsteilnehmer - eher Fußgänger denn Radfahrer. Zu dieser Bewertung kam der Bundesgerichtshof in Karlsruhe in seinem höchstrichterlichen Urteil vom 19. März 2002.

Das bedeutet in der Praxis: Inline Skater müssen z.B. in geschlossenen Ortschaften Gehwege benutzen. Dort sei >>Disziplin gefordert<, was bedeutet, dass sich Inline Skater der Geschwindigkeit der Fußgänger anzupassen haben.

Die Nutzung von Fahrbahnen, von zahlreichen Initiativen gefordert, ist innerorts Skatern untersagt. Außerhalb geschlossener Ortschaften müssen sich Skater wie Fußgänger auf Straßen ohne Bürgersteige links fortbewegen.

Eine Anerkennung als Fahrzeuge bleibt Inline Skates verwehrt.

Dazu die Meinung des Speedskating Clubs Kölner Roll-Möpse 98 e.V.:
Der SSC Kölner Roll-Möpse 98 e.V. hat sich schon vor eineinhalb Jahren mit aller Deutlichkeit dagegen ausgesprochen, Inline Skates im Sinne der Straßenverkehrsordnung als Fahrzeuge zu definieren. Wir waren und sind weiterhin der Auffassung, dass zu vielen Inline Skater ohne ausreichende Beherrschung ihrer Skates eine fatale Rechtssicherheit suggeriert worden wäre, hätte man ihnen das Skaten auf Fahrbahnen erlaubt. Schließlich hat der Inline Skater keine Knautschzonenreserve. Noch so viele Rechte können sein Leben nicht schützen. Unter diesem Aspekt teilen wir die Auffassung des BGH, Inline Skater auf Fahrbahnen vom Grundsatz her nicht zuzulassen.

Die Verbannung der Inline Skater auf Gehwege ist jedoch auch keine Lösung. Ohne sonderliche Anstrengung bewegt sich jeder Inline Skater doppelt so schnell voran wie jeder normale Fußgänger. Ein Inline Skater, von dem laut BGH-Urteilsverkündung >>Disziplin gefordert< wird, wird im Falle eines Rechtskonflikts mit einem Fußgänger wahrscheinlich immer der Unterlegene sein.

Für den Alltagsgebrauch wäre es ein soeben noch vertretbarer Kompromiß gewesen, der BGH hätte den Inline Skatern die Nutzung von Fahrradwegen während der hellen Tagesstunden erlaubt. Allerdings hätte ausdrücklich darauf hingewiesen werden müssen, dass sich Skater auf Fahrradwegen ebenso an die Verkehrsregeln zu halten hätten wie Fahrradfahrer (die selten die Regeln respektieren).

Auch wenn das BGH-Urteil höchstrichterlich ist, so kann es nicht der Weisheit letzter Schluß sein. Denn es basiert auf dem Entwicklungsstand der Inline-Skater-Szene von vor sechs, günstigstenfalls fünf Jahren. Seitdem aber vollzieht sich ein Szenewandel.

Aus dem massenhaften Fit-for-Fun-Freizeitgerät wird seit gut fünf Jahren in immer größerem Umfang ein solides Sportgerät. Für die breite Öffentlichkeit wird der Wandel deutlich anhand der immer rasanter ansteigenden Teilnehmerzahlen bei den bundesweit verbreiteten City-Inline-Marathons - von Köln über Bonn, Hamburg und Berlin - mit Tausenden von Teilnehmern. Hinzu kommt das immer größere Angebot an lokalen und regionalen Skater-Renn-Veranstaltungen - darunter auch seit dem Jahre 2000 die Veranstaltung INLINE IN COLONIA des SSC Kölner Roll-Möpse 98 e.V.

Inline-Speedskaten gehört mit zu den Sportarten mit den höchsten Zuwachsraten in Deutschland. Übrigens wächst der Speedskater-Sport nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ. Und das besondere Phänomen: Rasant steigt die Zahl der Wettbewerbsteilnehmer an, die über 40 Jahre alt sind und damit eigentlich das jugendliche Höchstleistungssportleralter längst überschritten haben.

Wer seine Inline Skates als Sportgerät nutzt - sei es als Fitness- oder wettkampforientierter Skater - muß auch ein ordentliches Training durchführen. Ohne Training kann kein Spitzenskater die 42,195 Marathonkilomter in einer Stunde zurücklegen. Und ein 50jährige würde es auch niemals auf ein Stundenmittel von mehr als 30 Stundenkilometer bringen, wenn er nur auf Bürgersteigen trainieren dürfte.

Das BGH-Urteil ist lobenswert, so fern es nicht ausreichend geübte Nutzer von Inline Skates vor der fatalen Selbstüberschätzung schützt. Und ebenso lobenswert ist es, wenn durch das BGH-Urteil undisziplinierten Skatern Regeln auferlegt werden, die durch ihren falschverstandenen Freiheitsdrang die Rechte anderer Verkehrsteilnehmer einengen.

Aber es nimmt auch jene in die Pflicht - Politik und Verwaltung der Kommunen, der Länder und des Bundes - die allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungen Folge zu leisten haben. Es ist einfach unredlich, wenn sich Metropolen wie z.B. Köln, Berlin oder Hamburg mit Skater-Veranstaltungen als sportfreundliche Städte brüsten, dann aber letztlich einer immer größer werdenden Sportlerschar keine Bewegungs- und Trainingsräume ausweisen, in denen die Skater nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Night-Skating-Veranstaltungen sind falsche Alibis.

Das Urteil von Karlsruhe drängt viele Skater, die mit einem relativ jungen Sport ein neues Lebensgefühl entwickelt haben, in eine schwierige Situation.

Politik und Verwaltung aber setzt es unter Druck, endlich adäquate Räume zu schaffen bzw. auszuweisen, in denen sich auch neuzeitliche Formen des Sports konfliktfrei entwickeln können.

Hanspeter Detmer
Vorsitzender des SSC Kölner Roll-Möpse 98 e.V.

Die Veröffentlichung dieses Kommentars ist nur nach Rücksprache und mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors sowie im Falle einer Veröffentlichung unter Nennung des Autorennamens erlaubt. Jedwede weitere Form der Veröffentlichung - vor allem im Internet - ist honorarpflichtig. Honorarforderungen werden nach den Grundsätzen des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV) erhoben. Kontaktaufnahme mit dem Autor: über e-mail oder per Fax: 0221-766406


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