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Kenenisa Bekele – der neue Haile?

19jähriger Äthiopier holt in Dublin das Double

25.03.2002

Der Bursche ist gerade neunzehn – und der erste Läufer, dem bei Cross-Weltmeisterschaften ein klassisches Double gelang. Nach einem überzeugenden Sieg am ersten Tag auf der über 4 228 m langen Mittelstrecke gelang Kenenisa Bekele auf der durch die Regenfälle der Nacht weiter aufgeweichten 12 000 m-Langstrecke das Husarenstück, in dem er nach einem begeisternden Duell den Tansanier John Yuda und die favorisierten Kenianer um 5000 m-Weltmeister Richard Limo und 10 000 m-Weltmeister Charles Kamathi in die Schranken weisen konnte. Wächst mit dem jungen Äthiopier ein neuer Haile Gebrselassie heran? Diese Frage drängt sich zwangsläufig auf, schließlich ist der „Altmeister“ sein Vorbild und Berater. „Ich traf Haile vor zwei Jahren in Europa. Er verriet mir einiges über Renntaktik. Zuhause lebe ich nur fünfzig Kilometer von ihm entfernt nahe Addis und sehe ihn sehr oft“, gestand der neue Champion, der wie sein großes Vorbild Gebrselassie vom Management des Holländers Jos Hermens betreut wird.

Nach seinem beeindruckenden Erfolg gegen den Kenianer Luke Kipkosgei wollte sich Kenenisa Bekele nicht lange mit Feiern und Lobgesängen aufhalten, sondern bestätigte ohne Umschweife seinen zweiten Start am Sonntagmittag im morastigen Grasgelände von Leopardstown. Und dieser sollte zum Highlight seiner bisherigen Karriere werden, wenngleich diese schon bei den vorjährigen Cross-Weltmeisterschaften furios begann. Denn der damals 18jährige holte Silber auf der Männer-Kurzstrecke hinter Enock Koech, der heuer wegen eines Epilepsie-Anfalls absagen musste – und standesgemäß für seine Altersklasse die Juniorenwertung mit dreiunddreißig (!) Sekunden Vorsprung, dem bislang größten Vorsprung eines Cross-Weltmeisters.

Die Selbstsicherheit Bekeles überrascht. Doch sie ist begründet, schließlich gewann das große Talent vor drei Wochen das berühmte Crossrennen „Cinque Mulini“ nahe Mailand vor dem letztjährigen Cross-WM-Dritten Kamathi und seinem Landsmann, dem 10 000 m-WM-Zweiten Assefa Mezgebu. Und wurde nur einmal in der Cross-Saison bislang bezwungen – und dies schaffte im Dezember alleine sein Vorbild Gebrselassie. Als auf der Sechs-Runden-Distanz in Leopoldstown alleine noch Yuda und Bekele die Spitze bildeten, lief der junge Äthiopier mit einer frappierenden Lockerheit hinterher wie im flotten Trainingslauf. „Ich wusste, dass Yuda sehr stark ist. Ich bin schon öfters auf ihn getroffen. Deshalb war mir klar, dass er ein hohes Tempo gehen wird. Deshalb habe ich mich an ihn gehalten und dann versucht, ihm im Spurt zu schlagen!“ Ein einfaches, aber treffsicheres Erfolgskonzept.

Als es in die Schlussrunde ging, waren sie alle bereits geschlagen wie die vermeindlichen Favoriten aus Kenia, Richard Limo oder Charles Kamathi. Oder bereits aus dem Rennen wie der zweifache Cross-Weltmeister Mohammed Mourhit oder der Cross-WM-Zweite und Europameister Sergiy Lebid. Mit dem Einläuten der Schlussrunde startete der neue Langstreckenstar durch – und um den beherzt laufenden Halbmarathon-WM-Dritten John Yuda war es geschehen. Und mit diesen beiden Husarenstreichen um 68.000 US-Dollar reicher. Auf die Frage, was er denn mit dem Vermögen anfangen wolle, antwortete er zunächst reserviert: „Erst werde ich einmal warten, bis ich dieses Geld habe und dann werde ich sehen“, dann aber lachend weiter, „aber ich werde mir wohl ein Auto kaufen....“

Wilfried Raatz


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