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European 10 000 m-Challenge in Camaiore/ Italien

Dieter Baumann läuft Weltbestzeit

08.04.2002

Auch Mihaela Botezan mit Saison-Bestmarke - Europas Langstreckler rüsten für die Saison – Starker Auftritt der deutschen Mannschaft: Neben Baumann schaffen auch Mario Kröckert und Alexander Lubina die EM-Norm

Gewiss haben die in der frühen Saison erzielten Weltbestleistungen nicht den gleichen Stellenwert wie die bei den Höhepunkten des Wettkampfkalenders erzielten, doch für Mihaela Botezan und weitaus mehr noch für Dieter Baumann stellen die im kleinen toskanischen Städtchen erzielten Weltbestmarken einen wichtigen Meilenstein in der Europameisterschafts-Saison dar. Während sich die Rumänin sogar minutenlang über einen vermeindlichen rumänischen Landesrekord freuen durfte, blieb nach Verkündung der offiziellen Siegerzeit von (um zwei Sekunden nach oben korrigierten) 31:19,74 Minuten „nur“ die Weltbestzeit und die Genugtuung, einen weiteren Schritt zur Weltspitze vollzogen zu haben. Dagegen ist Dieter Baumann mit einer eindrucksvollen Vorstellung vor gerade einmal zweihundert zumeist frierenden Zuschauern mit 27:38,51 Minuten und seiner drittschnellsten 10 000 m-Zeit die Rückkehr zur Weltspitze geglückt. „Das hat mir heute viel Spaß gemacht“, freute sich der 37jährige Tübinger nach dem furiosen Finale gegen den wie entfesselt laufenden spanischen WM-Sechsten von Edmonton José Rios, der im Schlepp des 5000 m-Olympiasiegers seine Klasse einmal mehr unter Beweis stellen konnte. Nach dem klasse Comeback sind für Dieter Baumann die Weichen für einen EM-Start in München über die 25-Runden-Distanz gestellt, wenngleich er auch noch ein Hintertürchen für die 5000 m-Strecke öffnen möchte. „Wenn das so klappen sollte, dann werde ich mich für beide Strecken melden lassen“, schießt er sogar einen Doppelstart bei den Europameisterschaften nicht aus.

Geringes Medieninteresse Düstere Regenwolken über Camaiore, dem malerischen Städtchen in der vorderen Gebirgskette der Apuanischen Alpen der Toskana. Doch nach den ausgiebigen Regenfällen in den Morgenstunden und dem entsprechenden Temperatursturz blieben die Bedingungen bei der sechsten Auflage der European 10 000 m-Challenge erträglich – die angereisten einhundert Athleten aus insgesamt zwanzig Nationen stellten trotz der organisatorischen Mängel in der dörflichen Idylle des „Centro Sportivo Tori“ mit einer Reihe von Leistungen auf ansprechendem (internationalem) Niveau den Stellenwert der Challenge nicht in frage, die erstmals nach fünf Austragungen in Spanien und Portugal nicht auf der iberischen Halbinsel ausgetragen wurde. „Ich dachte noch am Morgen, die Challenge hat die Seuche gepachtet“, drückte Isabelle Baumann ihre Sorgen über den Fortbestand der stets Anfang April etablierten European 10 000 m-Challenge aus, nachdem noch am Morgen starke Regenfälle den Trend der widrigen Witterungsbedingungen der Vorjahre mit Nachdruck fortzusetzen schien. Als letztlich Dieter Baumann umrahmt von Jose Rios und Marco Mazza nach einer Weltklassevorstellung zur Siegerehrung gebeten wurde, schien sogar für wenige Minuten nur wenige Kilometer von den Badestränden der Riviera entfernt die Abendsonne. Selbst im sportverrückten Italien ist der Stellenwert der European 10 000 m-Challenge freilich gering, denn an Stelle einer Übertragung aus Camaiore wurde im Staatssender RAI das attraktive Straßenrennen „Scarpa d’Oro“ in Vigerano unweit von Mailand mit dem Cross-WM-Zweiten Yuda als Leichtathletik-Leckerbissen angeboten. Auch die italienischen Pressekollegen zeigten Camaiore die „kalte Schulter“, so dass die ausländischen Pressevertreter sogar den ansonsten stark präsenten Journalisten zahlenmäßig überlegen waren.

Baumann freut sich auf das Marathon-Debüt „Rios hat das toll gemacht und mich zur Führungsarbeit zwei Runden vor Schluss gezwungen“, anerkannte Dieter Baumann die taktische Variante des Spaniers, „da ich aber derzeit keine zwei Runden marschieren kann, kam er natürlich wieder heran. Aber auf die letzten einhundert Meter war ich vorbereitet“. Sein verschmitztes Lächeln verriet Bände und die Gewissheit, wieder auf dem Weg zur alten Stärke zu sein. „Ja, es ist erstaunlich gut gelaufen. Weniger mit der Zeit, sondern vielmehr, wie ich gelaufen bin. Schließlich fehlt mir noch etwas die Erfahrung!“ Mit seinem unnachahmlichem Blick über die linke Schulter hinweg zu den Verfolgern hatte Baumann nach der bis zur Streckenhälfte gehenden Führungsarbeit des Kenianers Benson Barus sofort das Kommando übernommen mit zunächst noch acht Läufern im Schlepp. Neben den starken Spaniern Rios und Martinez und dem Italiener Mazza zunächst auch noch der Portugiese Antonio Pinto, Europas bester Langstreckler neben dem für Belgien startenden früheren Marokkaner Mohammed Mourhit. Doch eine Woche vor dessen Start beim London-Marathon fehlte Pinto verständlicherweise etwas die nötige Spritzigkeit. Apropos Marathon. Um die längste olympische Laufstrecke drehten sich bei Dieter Baumann in Camaiore die Gedanken. „Ja, ich freue mich auf Hamburg. Derzeit läuft es optimal, aber ich bleibe dabei und beteilige mich nicht an den Spekulationen. Ich möchte in Hamburg Spaß haben!“ Spaß hatte der Tübinger offensichtlich in Camaiore, wenngleich ihm der Termin der 10 000 m-Challenge nicht unbedingt ins Konzept passte. Sein dreiwöchiges Trainingslager in Tirrenia jedenfalls hätte kaum einen eindrucksvolleren Abschluss finden können.

Szabo-Ersatz Botezan läuft Weltklassezeit Marathon ist auch für Mihaela Botezan ein Thema. Den Frankfurt-Marathon musste die 10 000 m-WM-Fünfte von Edmonton im vergangenen Herbst wegen einer Erklärung kurzfristig absagen, das Debüt soll in diesem Herbst nachgeholt werden. „Nach den Europameisterschaften“, gibt sie zu verstehen, nicht ohne darauf zu verweisen, dass sie schon Anfang Mai bei der Halbmarathon-WM eine erste Visitenkarte auf der Straße abgeben möchte. In Camaiore vertrat die 26jährige Rumänin ihre kurzfristig absagende Landsfrau Gabriela Szabo vorzüglich. Mit einem starkem Schlussdrittel, die letzten 3000 m lief sie dabei in 9:06, versetzte Mihaela Botezan selbst Olympiasiegerin Fernanda Ribeiro und steigerte ihre Bestmarke um 36 Sekunden. Während an der Spitze ausgewiesene Spezialistinnen das Feld bestimmten, sehen die Österreicherin Susanne Pumper trotz Landesrekord von 32:49,92 als auch die Schweizerin Anita Weyermann, die sich das „Unternehmen Langstrecke“ zwei Wochen nach dem zweifachen Titelgewinn bei den Crossmeisterschaften zweifellos anders als die 33:06,89 vorgestellt hatte, auf der 25-Runden-Distanz keine Perspektiven.

Deutsche Langstreckler im Aufwind „So kann es weitergehen!“ freute sich Bundestrainer Wolfgang Heinig nach den beiden 10 000 m-Zeitläufen der European Challenge in Camaiore. Im Sog von Dieter Baumann zeigten wie selten zuvor deutsche Langstreckler ungeahnte Kämpferqualitäten. Bei diversen internationalen Auftritten gab es zuletzt fast ausschließlich Prügel, desto überraschender kommt nun ein Leistungsschub, der klare Konturen in Richtung Europameisterschaften in München zeigt. Denn nach dem Saisonauftakt in der Toskana sind bereits drei Langstreckler im Besitz der EM-Norm.

Als ideal erwies sich dabei für Alexander Lubina das B-Finale. Dicht hinter dem tanisanischen Tempomacher John Stephen ließ der junge Wattenscheider nichts anbrennen und setzte sich gegen gestandene Langstreckler wie den Belgier Guy Fays, Mustapha El Ahmadi oder Ian Hudspith mit Bravur durch. Dank einer 61er Schlussrunde machte der 23jährige in Camaiore sein Meisterstück – und lief mit 28:29,15 die „weiche“ EM-Norm des DLV. „Als es heute Morgen anfing zu regnen, da habe ich mir gedacht, das kann nur gut für dich sein!“ erklärte Alexander Lubina seine Freude über den unerwarteten Witterungsumschwung. Denn während sich andere über die Frühjahrsblüten und warme Temperaturen freuen, fällt er als Frühblüher-Allergiker in Depressionen und ins Leistungstief. „Alex hat seine Chancen hundertprozentig genutzt!“ freute sich Coach Tono Kirschbaum, „natürlich wäre es besser gewesen, wenn auch einmal ein anderer Läufer geführt hätte!“ Der Junior war es nämlich, der lange Zeit das Rennen von der Spitze weg bestimmt hatte – und letztlich auch verdient gewann. Während sich Dieter Baumann seiner Startberechtigung für München bereits sicher ist, muss Alexander Lubina einen weiteren Leistungsbeweis abliefern – bei den Titelkämpfen in Dessau. „Wenn ich dort schon laufen muss, dann möchte ich auch gewinnen“ sagt ein selbstsicherer Alexander Lubina.

Die Hypothek, im schnelleren A-Finale an den Start gehen zu müssen, erwies sich für einen weiteren Hoffnungsträger des DLV zum Glücksfall. „Ich hätte sogar noch schneller anlaufen können“, freute sich ein Mario Kröckert über sein gelungenes Debüt auf der Langdistanz, nachdem er mit 14:03 eine sehr schnelle erste Hälfte vorgelegt hatte. Nach 28:25,87 Minuten fielen sich Dieter Baumann und Mario Kröckert in die Arme, denn Baumanns junger Teamkollege aus Leverkusener Tagen hatte wie auch Alexander Lubina die DLV-Nachwuchsnorm für München geschafft. „Ich muss auf dieser Strecke erst einmal Erfahrungen machen“, gestand der 24jährige Bundeswehrsoldat später, „nicht zuletzt werde ich alles auf die Karte 5000 Meter setzen!“ Schön, wenn man zu Beginn der Saison eine erste Trumpfkarte im Ärmel bereits hat.

„Schade, dass Jens Bormanns Start bis zu letzt auf der Kippe stand. So gesehen ist seine Leistung noch ok“, bedauert Bundestrainer Heinig. Der deutsche Crossmeister musste nach einem Infekt gehandikapt ins Rennen gehen und lief als Sechster des B-Finales mit 28:56,57 Minuten sogar noch im Bereich seiner Bestzeit, der erwartete Leistungssprung blieb jedoch aus. Pech für Oliver Mintzlaff, dass wegen eines Muskelfaserrisses das Rennen bereits nach vier Kilometern beendet war.

Wilfried Raatz

Camaiore in Zahlen:
European 10 000 m-Challenge 2002 (6.4.):

Männer: A-Finale: 1. Dieter Baumann (De/ LAV Tübingen) 27:38,51, Jose Rios (ESP) 27:38,82, 3. Marco Mazza (ITA) 27:44,05, 4. Jose M. Martinez (ESP) 27:51,01, 5. Antonio Pinto (POR) 27:51,01, 6. Dmitriy Maksimov (RUS) 27:54,11, 7. Kamiel Maase (NED) 27:57,54, 8. Dennis Jensen (DEN) 28:01,36, 9. Gamba (ITA) 28:04,58, 10. Van Hooste (BEL) 28:07,12, 11. Zanon (ITA) 28:08,46, 12. Haughian (GBR) 28:19,29, 13. Ramos (POR) 28:21,21, 14. Nyberg (SWE) 28:22,06, 15. Mario Kröckert (De/ TSV Bayer Leverkusen) 28:25,87, 16. Maravilha (POR) 28:27,59, 17. Cunado (ESP) 29:01,13, 18. Smith (GBR) 29:13,60, 19. Matthews (IRL) 29:19,28, 20. Adan (ESP) 29:33,09, 21. Caceres (ESP) 29:36,40, Jesus (POR) dnf. B-Finale: 1. Alexander Lubina (De/ TV Wattenscheid) 28:29,15, 2. Guy Fays (BEL) 28:32,54, 3. Dmitriy Semenov (RUS) 28:45,35, 4. Mustapha El Ahmadi (FRA) 28:52,50, 5. Ian Hudspith (GBR) 28:56,41, 6. Jens Borrmann (De/ SC DHfK Leipzig) 28:56,57, 7. Maccagnan (ITA) 28:57,75, 8. Nemeth (BEL) 29:18,40, 9. Raymaekers (NED) 29:43,32, 10. Keyzar (SLO) 29:46,23, 11. Rame (NOR) 30:03,49, 12. Mohamed (SWE) 30:04,69, 13. Vik (NOR) 30:40,47, Mintzlaff (De/ LG Eintracht Frankfurt), Collignon (BEL), P. Gomes (POR) dnf.

Frauen: A-Finale: 1. Mihaela Botezan (ROM) 31:19,74, 2. Fernanda Ribeiro (POR) 31:40,30, 3. Luisa Larraga (ESP) 31:45,85, 4. Ana Dias (POR) 31:56,24, 5. Alina Gherasim (ROM) 31:59,39, 6. Ann Keenan-Buckley (IRL) 32:18,03, 7. Elizabeth Yelling (GBR) 32:26,53, 8. Rodica Moroianu (FRA) 32:27,81, 9. Ryan (IRL) 32:32,36, 10. Marconi (ITA) 32:36,25, 11. Pumper (AUT) 32:49,92 (LR), 12. Balsamo (ITA) 32:51,75, 13. Rosa (POR) 32:54,90, 14. Sommaggio (ITA) 33:03,51, 15. Santiago (ESP) 33:04,34, 16. Weyermann (SUI) 33:06,89, 17. Elias (POR) 33:12,21, 18. Recio (ESP) 33:58,77, Sampaio (POR), Abel (ESP) dnf. B-Finale: 1. Hayley Yelling (GBR) 32:48,50, 2. Irma Heere (NED) 33:01,55, 3. Rosita Rota Gelpi (ITA) 33:08,34, 4. Alexandra Aguilar (ESP) 33:11,38, 5. Nili Abramsky (ISR) 33:27,87 (LR), 6. Marzena Michalska (POL) 33:29,57, 7. Vibjerg (DEN) 33:35,48, 8. Karlshoj (DEN) 33:53,07, 9. Stalder (SUI) 33:53,39, 10. Valasti (FIN) 34:08,76, 11. Tisi (ITA) 34:24,54, 12. Baumann (AUT) 34:26,05, 13. Van den Haeseveld (BEL) 34:36,24, Hajjami (FRA) dnf.


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