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Die letzte Herausforderung des Haile Gebrselassie

Der äthiopische Olympiasieger und Weltrekordler läuft am Sonntag in London sein Marathondebüt

10.04.2002

Haile Gebrselassie ist im letzten Jahrzehnt zu den Legenden des Langstreckenlaufes aufgestiegen: Paavo Nurmi, der Finne, der bis Anfang der 30er Jahre 35 Weltrekorde aufstellte, steht vielleicht ganz vorne in dieser Reihe. Emil Zatopek, der Tscheche, der 1952 bei Olympia in Helsinki Gold über 5000 m, 10.000 m sowie im Marathon gewann, gehört ebenso wie beispielweise Ron Clarke (Australien), der wie Zatopek 18 Weltrekorde aufstellte, dazu.

Im Vergleich mit Emil Zatopek fehlt Haile Gebrselassie, der bislang 15 Weltrekorde aufgestellt hat, vor allen Dingen eines: der Marathon. Dieses Kapitel beginnt für den Äthiopier am Sonntag in London. Als 15-Jähriger ist Haile Gebrselassie schon einmal die klassischen 42,195 Kilometer gelaufen. In der dünnen Höhenluft von Addis Abeba rannte er dabei bemerkenswerte 2:48 Stunden. „Ich bin damals nur gelaufen, um mir die Stadt anzusehen. Ich hatte noch nie so hohe Häuser gesehen.“ Sein erster ernsthafter Marathon wird der am Sonntag in London sein. Es ist ein lange erwartetes Debüt, auf das Haile Gebrselassie vor einem Jahr in der Folge einer Operation an der Achillessehne verzichten musste. Der Marathon ist die letzte große Herausforderung des Haile Gebrselassie. Und der 28-Jährige denkt deswegen auch an die Olympischen Spiele 2004 in Athen, nachdem er über 10.000 m bereits zweimal olympisches Gold gewonnen hat.

Mit längeren Straßenläufen hat Haile Gebrselassie im letzten Jahr Erfahrungen gesammelt. Auf Anhieb wurde der Äthiopier in Bristol im Herbst Halbmarathon-Weltmeister und erzielte mit hervorragenden 60:03 Minuten die zweitschnellste Zeit des Jahres. Mit Hilfe eines englischen Sponsors realisierte er im November einen Traum: einen 10-km-Straßenlauf in Addis Abeba. Binnen weniger Stunden soll sich das Feld von 10.000 Läufern in die Startlisten eingetragen haben. Es war die einmalige Gelegenheit für die Äthiopier in einem Rennen mit ihrem Volkshelden laufen zu dürfen. Eine halbe Million Menschen säumten die Straßen. Fast hätte es für Haile Gebrselassie ein Desaster gegeben. Denn als Co-Organisator musste er kurz vor dem Start per Lautsprecher die Läufermassen beruhigen, um einen Fehlstart zu vermeiden. Kurz darauf an der Startlinie stehend, stolperte er und fiel, als es losging. „Ich kam schnell wieder auf die Beine“, erzählt Haile Gebrselassie. „Ich habe nicht panisch reagiert, aber im Hinterkopf wusste ich natürlich, dass mich das Feld hätte zertrampeln können.“ Am Ende gewann der Olympiasieger. Das Ziel war in der Haile-Gebrselassie-Allee.

Derartige Schrecken werden ihm am Sonntag in London erspart bleiben. Die Eliteläufer sind bei den großen Rennen gut abgeschirmt von den Breitensportlern. Haile Gebrselassie kann sich vollkommen auf das Laufen konzentrieren. Es gibt nicht wenige, die dem Äthiopier zutrauen, die Marathon-Weltbestzeit auf unter 2:05 Stunden zu schrauben. Noch hält Khalid Khannouchi (USA), der am Sonntag ebenfalls am Start sein wird, mit 2:05:42 diese Bestmarke. „62 Minuten für die erste Hälfte ist nicht so schnell“, sagt Haile Gebrselassie und denkt dabei an neue Dimensionen. Paavo Nurmis Weltrekordanzahl wird Haile Gebrselassie zwar ebenso nicht mehr erreichen wie den olympischen Dreifach-Triumph des Emil Zatopek. Doch weder Nurmi noch Zatopek hielten jemals eine Weltbestzeit im Marathon.

„Viele Leute wollen einen Weltrekord in London sehen. Wenn es möglich ist, werde ich versuchen, diese Erwartungen zu erfüllen.“ Ein taktisches Rennen scheint angesichts der Konkurrenz aber eher wahrscheinlich als ein Tempo-Alleingang des Äthiopiers, zumal Haile Gebrselassie über seine Gegner auch sagt: „Ich denke nicht an einen bestimmten Läufer. Ich beobachte den, der führt. Wenn es Paul Tergat ist, folge ich ihm. Denn im Marathon weiß man nie, wer der beste ist.“


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