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Berlin in der Favoritenposition

Am Sonntag entscheidet die IAAF in Nairobi, wo im Jahr 2005 die Leichtathletik-Weltmeisterschaften stattfinden werden

11.04.2002

In Nairobi fällt am kommenden Sonntag die Entscheidung, welche Stadt nach dem Ausfall Londons die Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2005 austragen wird. Das Council des Welt-Leichtathletik-Verbandes IAAF hat die Wahl zwischen sechs europäischen Metropolen: Berlin, Brüssel, Budapest, Helsinki, Moskau und Rom. „Gewinnen wird die Stadt, die die besten Bedingungen bietet“, schrieb IAAF-Generalsekretär Istvan Gyulai kürzlich im IAAF-Magazin.

„Was ich mit absoluter Überzeugung sagen kann“, so der ungarische Generalsekretär Istavn Gyulai weiter, „ist, dass diese Entscheidung so objektiv wie möglich gefällt wird.“ Das muss in der Tat im Interesse der IAAF sein, schließlich ist für den Welt-Verband ein Erfolg dieser Titelkämpfe ungeheuer wichtig.

Objektive Fakten sollen also zählen. Und so darf man gespannt sein, ob sich das IAAF-Council zum Beispiel nach dem Londoner Rückzug erneut auf eine Bewerbung einlässt, die einen Neu- beziehungsweise Umbau des Stadions erst nach der Entscheidung noch vorsieht. Das Risiko erscheint angesichts des kurzen Zeitraumes von nur gut drei Jahren recht hoch. Dieser Punkt müsste für die Berliner Bewerbung sprechen. Hier steht in rund zweieinhalb Jahren das dann wohl modernste Leichtathletik-Stadion weltweit. Und auch Trainings- und Aufwärmstadien müssen nicht erst später gebaut werden.

London hatte ursprünglich den Zuschlag für die WM 2005 bekommen, um die sich eigentlich auch Berlin bewerben wollte. Doch aufgrund eines Versäumnisses verpasste man damals die Deadline für die Bewerbung. Einziger weiterer Bewerber war Melbourne. Die Engländer bekamen die WM, während Berlin empfohlen wurde, sich für ein späteres WM-Jahr zu bewerben. Lange suchten die Londoner nach einem geeigneten Stadion, schließlich wollten sie im Nordosten der Stadt eine neue Leichtathletik-Arena mit 43.000 Zuschauerplätzen bauen. Doch im vergangenen Oktober ließ die britische Regierung das Projekt fallen. Es wurde mit Kosten zwischen 150 und 180 Millionen Euro für zu teuer befunden.

Die Berliner waren nach dem Londoner Aus die ersten, die eine Bewerbung ankündigten. Während Brüssel, Budapest, Rom, Moskau und Helsinki hinzukamen, verzichteten die Australier, da sie sich auf eine Bewerbung der Stadt Perth für 2007 konzentrieren wollen. Gegen München und Stuttgart setzten sich die Berliner in einer nationalen Entscheidung am 15. Februar in Sindelfingen durch.

Die Wahl des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) dürfte auch in internationaler Hinsicht richtig gewesen sein. Denn Berlin (1987 gegen Tokio im Rennen um die WM 1991 unterlegen, im Vorfeld von 1993 zu Gunsten von Stuttgart verzichtet) ist spätestens seit den Weltmeisterschaften in Sevilla 1999 als potenzieller Austragungsort bei der IAAF im Gespräch. In seiner eigenmächtigen Art hatte der zwischenzeitlich verstorbene IAAF-Präsident Primo Nebiolo damals seine persönliche Reihenfolge festgelegt: Paris, London, Tokio, Berlin. Paris und London bekamen die WM, Tokio und Berlin blieben im Gespräch – auch unter dem neuen IAAF-Präsidenten Lamine Diack. Es ist erst eineinhalb Jahre her, da gab der Senegalese gegenüber Leichtathletik im Rahmen des ISTAF ein Interview, in dem er unter anderem sagte: „Für 2009 sehe ich kein Problem für Berlin. Wir wären froh, wenn hier in Berlin die Weltmeisterschaften stattfinden könnten. Ich habe schon mit dem Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen darüber gesprochen. Ich bin froh, dass die Laufbahn im Olympiastadion erhalten bleibt.“

Das Stadion ist der große Pluspunkt der Berliner Bewerbung. Eine unterirdische Aufwärmhalle und eine Sprintgerade sind zwei Beispiele für die topmoderne Arena, die 76.065 überdachte Sitzplätze haben wird. Berlin überzeugt aber auch mit sehr guter Infrastruktur. Die Hotelkapazitäten sind hervorragend, und für den IAAF-Kongress bietet sich das Internationale Congress-Centrum (ICC) an.

Nach der Inspektion durch die IAAF soll die siebenköpfige Kommission, die angeführt wurde von Vizepräsident Dapeng Lou (China), Berlin sehr beeindruckt verlassen haben. „Wir haben Fakten sprechen lassen. Mir fällt nichts ein, was besser hätte laufen können“, sagte DLV-Generalsekretär Frank Hensel. Empfangen wurde die Delegation auch von Bundeskanzler Gerhard Schröder. „Ich wünsche Ihnen eine weise Entscheidung. Wie ich mir diese wünsche, können Sie sich vorstellen“, sagte der Bundeskanzler zu den Vertretern der IAAF.

Einiges kann jetzt noch von der 20-minütigen Präsentation am Sonntag in Nairobi abhängen. Der Videofilm war letzte Woche noch in Vorbereitung. Berlin hat leichtathletisch sehr viel in die Waagschale zu werfen. Ein ISTAF mit allen Stars der letzten Jahrzehnte – von Carl Lewis bis Marion Jones. Einen Sergej Bubka, der über mehrere Jahre hinweg in Berlin wohnte, oder einen Marathon, bei dem zuletzt Naoko Takahashi als erste Frau unter 2:20 Stunden lief. Erst am vergangenen Sonntag beteiligten sich über 14.000 Athleten beim Halbmarathon. Neben Christian Schenk, Heike Drechsler, Ulrike Meyfarth und DLV-Präsident Clemens Prokop wird Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit in Nairobi bei der Präsentation auftreten. Ein hoher Vertreter der Bundesregierung (Innen-, Außenminister oder Kanzler) war nicht abkömmlich. Das könnte ein Nachteil sein, weil hier mit Offensiven einiger Konkurrenten zu rechnen ist. Budapest und Helsinki werden politisch stark vertreten sein – aber immerhin soll sich Gerhard Schröder im Video für Berlin stark machen.

Optimistisch, aber keinesfalls siegessicher reist die deutsche Delegation am Freitag nach Nairobi. Überraschungen sind nie ausgeschlossen. Und eine haben die Ungarn bereits angekündigt. „Die internationale Leichtathletik-Familie wird stark profitieren“, erklärten die Vertreter Budapests im IAAF-Magazin, „wenn die WM in Ungarn stattfindet – überraschende Details werden später bekannt gegeben!“ Was immer das heißen mag. Wenn die objektiven Kriterien entscheiden, wird Berlin sehr gute Chancen haben.

 

DIE BEWERBERSTÄDTE IM TEST

BERLIN
+ Umgebautes Stadion, gute Infrastruktur, Zuverlässigkeit bei der Organisation von Großereignissen, interessanter Wirtschaftsstandort, Top-Ereignisse ISTAF und Marathon, lange im Gespräch als potenzielle Ausrichterstadt
- Personelle Besetzung bei Präsentation, evt. finanzielle Schwierigkeiten des ISTAF

BRÜSSEL
+ Zentrum der europäischen Gemeinschaft, sehr erfolgreiches Golden-League-Meeting, gutes Stadion, großes Zuschauer-Einzugsgebiet, Belgien übernahm mit Ostende 2001 kurzfristig die Cross-WM von Dublin
- Neben dem Stadion muss noch eine 400-m-Bahn als Aufwärmstadion gebaut werden, evt. räumliche Nähe zum WM-Ausrichter 2003 Paris

BUDAPEST
+ Große politische Unterstützung der Bewerbung, Hallen-WM 1989 und Cross-WM 1994 veranstaltet, Olympiabewerbung für 2012 im Hintergrund
- Stadion muss um- oder sogar neu gebaut werden (teilweise provisorische Zustände bei EM 1998), evt. zeitnahe Ausrichtung der Hallen-WM 2004

HELSINKI
+ Erfahrung einer WM-Ausrichtung, besonders interessiertes und fachkundiges Zuschauerpotenzial, hochkarätig besetztes Bewerbungskomitee, günstige Lage des Stadions
- Stadion muss noch umgebaut werden

MOSKAU
+ Olympiastadion, Erfahrung bei Organisation von Großereignissen, vorauss. große politische Unterstützung, Olympiabewerbung für 2012 im Hintergrund
- Grand-Prix-Finale 1998 kein Erfolg, Trainingsstätten müssen Instand gesetzt werden

ROM
+ Europäische Kulturmetropole, Erfahrung einer WM-Ausrichtung, Golden-League-Meeting, Olympiabewerbung für 2012 im Hintergrund
- Um- und Ausbau von Stadion und Trainingseinrichtungen nötig, evt. Evangelisti-Skandal bei WM 1987, Golden-League-Meeting mit schwacher Zuschauerresonanz


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