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London bricht Rekorde

Khalid Khannouchi gewinnt vor Paul Tergat und Haile Gebrselassie in Weltrekordzeit, Paula Radcliffe läuft auf Anhieb unter 2:20 Stunden

14.04.2002

Der hochklassigste Marathon aller Zeiten endete in London mit einer Weltbestzeit bei den Männern und dem zweitschnellsten je gelaufenen Rennen bei den Frauen. Im Feld der 33.291 Starter beim London-Marathon, der in der Spitze so gut besetzt war wie kein anderes Rennen zuvor, siegte der aus Marokko stammende US-Amerikaner Khalid Khannouchi in der neuen Weltbestzeit von 2:05:38 Stunden. Damit verbesserte der 30-jährige Khannouchi seine eigene Bestmarke, die er 1999 in Chicago aufgestellt hatte, um fünf Sekunden. Gut 280.000 Euro verdiente er sich in London. Nur zehn Sekunden später war Paul Tergat (Kenia) mit der drittbesten je erzielten Zeit im Ziel am Buckingham Palast. Haile Gebrselassie gelang zwar mit glänzenden 2:06:35 Stunden das schnellste Debüt in der Marathongeschichte, doch trotzdem reichte diese Leistung an diesem außergewöhnlichen Marathontag nur zu Platz drei. Gebrselassie blieben immerhin neben dem Rekord-Antrittsgeld von angeblich etwa 400.000 Euro rund 110.000 Euro an Prämien.

Um ein Haar wäre das Rennen in London sogar als erster Marathon in die Geschichte eingegangen, bei dem beide Weltrekorde gefallen wären. Denn die Britin Paula Radcliffe rannte, angetrieben von einem begeisterten Millionenpublikum am Streckenrand, ein famoses Debüt. Mit 2:18:56 Stunden verpasste sie in einem Sololauf die Bestmarke lediglich um neun Sekunden. Nie zuvor hatte es bei einem Marathon eine derartige Qualität bei den beiden Siegzeiten gegeben. Das in dieser Hinsicht bislang beste Rennen war der Berlin-Marathon 1999. Damals siegten die Kenianer Josephat Kiprono und Tegla Loroupe in 2:06:44 beziehungsweise 2:20:43 Stunden, dem damaligen Weltrekord.

„62 Minuten für den Halbmarathon, das ist nicht so schnell“, hatte Haile Gebrselassie vor seinem Debüt über die klassischen 42,195 km gesagt. Zunächst forderte er einen Tempomacher für genau diese Zeit. Dann gelang es offenbar seinem Manager Jos Hermens, ihn etwas zu stoppen. 62:30 waren geplant, doch schließlich wagte Haile Gebrselassie keinen Alleingang. Die Führungsgruppe jedoch war trotzdem enorm schnell unterwegs. Nach einer 10-km-Zwischenzeit von 29:37 Minuten, überquerte eine 15-köpfige Spitzengruppe die Tower Bridge. Kurz darauf war der Halbmarathon-Punkt nach 62:47 Minuten erreicht. Und die Gruppe, in der beispielsweise auch der Brite Mark Steinle rannte, der bei dem schnellen Tempo unterwegs mit 47:50 Minuten eine persönliche Bestzeit über 10 Meilen aufstellte, verkleinerte sich allmählich. Bei 25 km (1:14:10) waren noch sieben Läufer an der Spitze, und der Vorjahressieger Abdelkader El Mouaziz (Marokko) sorgte in dieser Phase des Rennens für das Tempo. Bald darauf schaute er sich jedoch hilfesuchend um, und Haile Gebrselassie übernahm zeitweilig die Spitze.

Kurz nach Kilometer 30 (1:29:01) war eine erste Vorentscheidung gefallen: Das Rennen um den Sieg machten nun drei Weltrekordler unter sich aus. Haile Gebrselassie (10.000 m), Paul Tergat (Halbmarathon) und Khalid Khannouchi (Marathon) rannten an der Spitze, während El Mouaziz als Vierter bereits deutlich zurücklag und nicht mehr nach vorne kommen sollte.

„Ich glaube, wenn man die erste Hälfte schnell rennt, kann man es bis zum Ende durchhalten“, hatte Haile Gebrselassie vor seinem Debüt gesagt. Das hat er fast geschafft. Doch drei Kilometer vor dem Ziel lösten sich Khannouchi und Tergat von dem Äthiopier, nachdem der Amerikaner das Tempo forciert hatte. „Ich habe mich bis zwei Meilen vor dem Ziel recht gut gefühlt. Ich wollte dann sprinten, aber es ging nicht mehr“, erklärte Haile Gebrselassie, der in der linken Wade Muskelprobleme bekam und deswegen nicht mehr nachsetzen konnte. „Ich werde weiterhin Marathon laufen, aber auch weiterhin die 10.000 m.“

„In der letzten Phase des Rennens wusste ich, dass die Erfahrung den Ausschlag geben wird. Da hat mir Khalid noch einiges voraus. Zwei Meilen vor dem Ziel war mir klar, dass jetzt gleich etwas passieren würde“, sagte Paul Tergat. Zunächst konnte er dem Antritt von Khannouchi noch folgen, doch am Big Ben, knapp eine Meile vor dem Ziel, war auch der Tergat geschlagen.

Obwohl Kenias Läuferstar bei seinem dritten Marathon zum dritten Mal Zweiter wurde und weiter auf seinen ersten Sieg wartet, feierte er mit seinen 2:05:48 Stunden einen großen Erfolg. Und dieses Mal kam er deutlich vor seinem großen Rivalen Haile Gebrselassie ins Ziel. Bei jeweils zwei olympischen und zwei WM-Endläufen hatte der Äthiopier über 10.000 m vor dem Kenianer triumphiert. „Obwohl ich Zweiter bin, bin ich sehr zufrieden mit meiner Zeit“, sagte Paul Tergat, der im dritten Marathon mit einer Steigerung um rund zweieinhalb Minuten bewies, dass er auch über die klassische Distanz zu den Besten gehört. Mit vier Läufern unter 2:07 Stunden sowie fünf weiteren unter 2:10 hat der London auch in der Breite der Spitze erstklassige Resultate produziert.

Die etwa 3,5 Millionen Euro, die der frühere Weltklasseläufer David Bedford in London für die Eliteläufer investieren kann, haben sich in diesem Jahr bezahlt gemacht. Das gilt natürlich auch aufgrund des hervorragenden Frauenrennens, in dem vier Läuferinnen unter 2:23 Stunden liefen. Paula Radcliffe ist erst die dritte Läuferin, die unter 2:20 Stunden blieb und die erste, der das bei einem Debüt gelang. In Berlin hatte die Olympiasiegerin Naoko Takahashi im vergangenen September als erste Frau diese Marathon-Schallmauer unterboten. Die Japanerin lief 2:19:46 Stunden, doch nur eine Woche später verbesserte die Kenianerin Catherine Ndereba die Bestzeit in Chicago auf 2:18:47 Stunden.

Nur auf den ersten 12 Kilometern war Paula Radcliffe noch von Konkurrentinnen umgeben. Nach einer 10-km-Zischenzeit von 33:56 (der Abschnitt zwischen Kilometer 5 und 10 war mit 17:19 Minuten der mit Abstand langsamste von Radcliffe im gesamten Rennen!) löste sie sich etwas bei Kilometer 12 mit den beiden Tempomacherinnen Maria Guida (Italien) und Iness Chenonge (Kenia). Die Italienerin stieg bald danach aus, die Kenianerin schaffte es bis etwa Kilometer 20 (1:07:30 Stunden), Radcliffe zu unterstützen. Von dort an lief die Britin ein einsames Rennen mit einer zweiten Hälfte von 67:52 Minuten. In der Verfolgergruppe bemühte sich besonders die Japanerin Reiko Tosa um das Tempo, doch ihr blieb am Ende nur Rang vier in aber erstklassigen 2:22:46 Stunden. Von ihrer Arbeit profitierten besonders die beiden Russinnen Swetlana Zacharowa (2:22:31) und Ludmila Petrowa (2:22:33).

Ergebnisse, Männer: 1. Khannouchi (USA) 2:05:38, 2. Tergat (KEN) 2:05:48, 3. Gebrselassie (ETH) 2:06:35, 4. El Mouaziz (MOR) 2:06:52, 5. Syster (RSA) 2:07:06, 6. Baldini (ITA) 2:07:29, 7. Pinto (POR) 2:09:10, 8. Steinle (GBR) 2:09:17, 9. Jifar (ETH) 2:09:50, 10. El Hattab (MOR) 2:11:50, 11. Buchleitner (AUT) 2:14:11, 12. Ghanmouni (MOR) 2:15:29, 13. Kiplagat (KEN) 2:15:59, 14. Burns (GBR) 2:17:36, 15. Robinson (GBR) 2:17:51, 16. Kimtai (KEN) 2:18:13, 17. Wetheridge (GBR) 2:19:41, 18. Hoiom (GBR) 2:20:36, 32. K. Taniguchi (JPN) 2:24:07, 34. Ogata (JPN) 2:25:03, 50. Tola (ETH) 2:29:22.

Frauen: 1. Radcliffe (GBR) 2:18:56, 2. Zakarowa (RUS) 2:22:31, 3. Petrowa (RUS) 2:22:33, 4. Tosa (JPN) 2:22:46, 5. Chepkemei (KEN) 2:23:19, 6. Chepchumba (KEN) 2:26:53, 7. Skwortsowa (RUS) 2:27:04, 8. Semenowa (RUS) 2:27:45, 9. Tulu (ETH) 2:28:37, 10. Gemechu (ETH) 2:28:58, 11. Safarowa (RUS) 2:29:20, 12. Lodge (GBR) 2:38:25, 13. Willix (SWE) 2:40:24, 14. Jenkins (GBR) 2:44:32, 15. Fletcher (GBR) 2:44:42, 16. Dixon (GBR) 2:45:05, 17. Pickvance (GBR) 2:45:34, 18. Wolfrom (OSC Berlin) 2:46:58.


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