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Todesfälle im Ausdauersport

Ein Kommentar

10.05.2002

Todesfälle bei Marathonläufen sind absolut tragische Zwischenfälle. Sie rufen bei Läufern und in der Öffentlichkeit, insbesondere bei den Medien erhebliche Unsicherheiten hervor. Den Veranstaltern darf diese Problematik nicht gleichgültig sein. Eine Stellungnahme ist immer wieder erforderlich.

Die Frage, die sich auftut: "Ist Marathonlaufen per se schädlich oder liegt ein tödliches Risiko in einem solchen Sport?" Die Analyse der weltweit durchgeführten großen Veranstaltungen zeigt, dass gesunde Läufer, die während ihres Laufes ausreichend Flüssigkeit zuführen keine Gefährdung durch den Marathon erfahren. Das Risiko einer bedrohlichen oder tödlichen Komplikation ist außerordentlich gering. Insgesamt ergibt sich aus der Analyse aller weltweiten Marathonläufe während eines Marathonlaufes keine erhöhte Sterblichkeit gegenüber der Sterblichkeitswahrscheinlichkeit im normalen "Leben".

Todesfälle während oder nach einem Marathonlauf sind in allen Untersuchungen weltweit auf vorbestehende Erkrankungen, erkannt oder nicht erkannt, oder auf mangelnde Flüssigkeitszufuhr während des Laufes zurückzuführen. Letzteres ist immer durch ausreichendes Trinken während des Laufes zu vermeiden. Bezüglich der Erkrankungen werden Warnhinweise und notwendige Kontrolluntersuchungen häufig ignoriert und nicht durchgeführt. Vielen schweren Zwischenfällen der letzten Jahre lagen Infekte in der Zeit vor dem Lauf zugrunde. Derartige scheinbar nur harmlose Infektionen der oberen Luftwege oder in anderen Körpersegmenten können zu einer Herzmuskelentzündung (Myokarditis) führen, wenn während des Infektes weiter trainiert wird. Insbesondere bei Infekten, die mit länger anhaltendem Fieber einhergehen, kann es auch vermehrt zu Herzrhythmusstörungen kommen, welche bei körperlicher Belastung zum Tode führen können. Der Mechanismus ist vereinfacht so darzustellen, dass es unter der fieberhaften Entzündung zu einer Verdickung bzw. Aufquellung der Herzmuskelfaser und ihres umhüllenden Gewebes kommen kann. Durch diese Verdickung ist der Sauerstofftransport aus den Herzmuskel versorgenden Kapillaren in die Muskelzelle verlangsamt. Diese Verlangsamung liegt in dem längeren Transportweg begründet und führt bei hoher Belastung zwangsläufig zum Abbruch der Versorgungskette im Herzmuskel selbst. Dieses kann schlagartig ohne Vorzeichen eintreten und damit eine lebensbedrohliche oder sogar tödliche Herzrhythmusstörung auslösen.

Nach bisherigen Berichten ist wohl der aktuelle Todesfall eines jüngeren Läufers beim Hamburg-Marathon auf einen ähnlichen Mechanismus zurückzuführen. In diesem Fall handelte es sich möglicherweise um eine nicht abgeklungene Bronchitis. Da aber eine genaue Todesursache nicht bekannt ist, sind weiterführende Äußerungen nur Spekulation und sollten nicht getätigt werden.

Als weitere Ursache kommen, wenn auch seltener, Durchblutungsstörungen des Herzens, die ebenfalls nicht erkannt werden, in Frage. Jeder, der in der Familie ein gehäuftes Auftreten zu verzeichnen hat und selbst ein hohes Risiko, z.B. Tabakrauchen, in der Vergangenheit gepflegt hat, kann aber durch geeignete Untersuchungen eine Gefährdung ausklammern.

Der aktuelle Todesfall beim Hamburg-Marathon sollte noch einmal Anlaß sein, die eigene Vorbereitung zu überdenken:

1. Anfänger sollten sich vor Aufnahme des Marathon-Trainings von einem sportmedizinisch kompetenten Arzt untersuchen lassen. Hierbei sollten neben der ärztlichen Untersuchung auch ein Laborbefund, ein Ruhe- und Belastungs-EKG sowie die Messung des Ruhe- und Belastungsblutdrucks durchgeführt werden. Des weiteren ist auch eine Echokardiografie (Ultraschalluntersuchung des Herzens) zu empfehlen. Erst wenn aus sportmedizinischer Sicht Sporttauglichkeit attestiert wird, sollte das Training forciert werden.

2. Mindestens 1 x pro Jahr sollte ein sportmedizinischer Check-up erfolgen. Die letzte Untersuchung sollte nicht länger als 6 Monate vor dem lauf zurückliegen.

3. Mindestens 2 x pro Jahr ist eine zahnärztliche Untersuchung zu fordern.

4. Trainiere nie während eines Infektes. Insbesondere dann nicht, wenn Fieber besteht. Ein Trainingseffekt während des Infektes stellt sich sowieso nicht ein.

5. Im Anschluß an einen überstandenen Infekt sollte vor Wiederaufnahme des Trainings ein Sportmediziner bezüglich der aktuellen Sporttauglichkeit gefragt werden. Hierbei kann auch untersucht werden, ob noch Entzündungszeichen im Blut vorliegen. Wettkämpfe sollten im unmittelbaren Anschluß an einen Infekt nicht durchgeführt werden.

6. Treten unmittelbar vor dem Marathon Infektzeichen auf (Halsschmerzen, Husten, Schnupfen) sollte schweren Herzens auf das Rennen verzichtet werden, um sich nicht zu gefährden. Auf jeden Fall sollte ein Arzt aufgesucht werden und es sollten entscheidende Entzündungsparameter aus dem Blut gewonnen werden und zur abschließenden Beurteilung herangezogen werden.

7. Bei längeren Trainingsläufen sollte spätestens ab der 45. bis 60. Minute und dann fortlaufend in regelmäßigen Abständen getrunken werden.

Obige Punkte vermindern das Risiko für schwere Zwischenfälle und mögliche Todesfälle. Es ist jedoch darauf hinzuweisen, dass eine absolute Sicherheit nicht existiert, z.B. angeborene Mißbildungen der Gefäße zwar nur selten bestehen, aber auch zu schweren Komplikationen führen können.

Der Laufsport ist in seiner gesundheitlichen Bedeutung so positiv zu bewerten, dass die weltweit aufgezeigten Todesfälle oder Komplikationen in keinem Verhältnis zu den positiven Wirkungen dieser Sportart stehen.

Dr. med. Willi Heepe
Dr. med. Lars Brechtel
Medical-Team des real,-BERLIN-MARATHON


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