42. BMW BERLIN-MARATHON am 27. September 2015

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Deutsche Läufer auf dem Weg nach München

Kritische Analyse der Laufwettbewerbe bei den Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften in Wattenscheid

10.07.2002

Um es vorweg zu sagen, Wattenscheid war gewiss keine Offenbarung für den Deutschen Leichtathletik-Verband, doch die Zukunft ist keineswegs so düster, wie es noch vor einigen Wochen ausgesehen hat. Unter der Rubrik „Perspektiven“ hat sich nämlich bei den Titelkämpfen im Lohrheidestadion schon die eine oder andere Zukunftsinvestition aufgedrängt. René Herms, der deutlich seiner Sydney-Form hinterher laufende Nils Schumann, Franek Haschke und weiter mit Abstrichen aber auch die 5000 m-Läufer Jan Fitschen, Mario Kröckert, Michael May sowie die eher junge Hindernisgarde um Filmon Ghirmai und die eher zu längeren Strecken tendierenden Alexander Lubina und Sabrina Mockenhaupt. Wattenscheid hat aber auch Defizite offenbart, denn die Decke hinter einer kleinen Spitze ist fast durch die Bank ausgedünnt. Ausfallende Vorläufe bzw. Vorläufe mit Farce-Charakter sind erkennbare Signale. Hier ist der DLV mit der Leistungssportabteilung und den zuständigen Disziplintrainern einerseits gefordert, aber andererseits sind „Privatinitiativen“ wie die in Wattenscheid vorgestellte „Trainerschuhe Ruhr“ dringend notwendig, um langfristige Akzente für den Laufbereich setzen zu können. Olympia 2012 ist ein trefflicher Aufhänger, zumal allenorts plötzlich Gelder locker gemacht werden (können). Es bleibt allerdings zu hoffen, dass diese Geldquellen nicht schon im Frühjahr 2003 und spätestens 2004 versiegen, wenn der deutsche Bewerber um die Olympiade 2012 auf der Strecke bleiben sollte.

800 m Männer: Harms schlug Schumann mit dessen Waffen
Der Turbo des Olympiasiegers stockte auf der Zielgeraden, die Gegenwehr gegen den heranfliegenden Herausforderer eine bescheidene. „Dass mir hinten heraus ein Stück fehlt, war nicht vorauszusehen“, gestand ein sichtlich konsternierter Nils Schumann nach einem heißen Sprintfinale mit überraschendem Ausgang. Dabei hatte sich der Erfurter seinen Auftritt im Lohrheidestadion gewiss anders vorgestellt, auch wenn die Sydneyform nach den eher zaghaften Saisonstarts nicht unbedingt zu Optimismus Anlass geben durfte. „Wenn man gegen einen Olympiasieger laufen kann, gibt man 102 Prozent“, freute sich dagegen René Herms nach seinem Coup, der im Grunde genommen eine Kopie Schumannscher Laufmanier ist. Der in Abwesenheit von Schumann im letzten Jahr schon zu Titelehrren gekommene 19jährige Läufer aus Pirna gab in der Tat im Lohrheidestadion alles, lief mit 1:45,85 eine vorzügliche Bestzeit und gilt somit neben Schumann als ein heißes Eisen für den DLV in München. Nahezu unbemerkt vollzieht sich hingegen der Abschied von Nico Motchebon, der sich nach leichtem Muskelziehen auf dem Aufwärmplatz zur Vorlaufzeit schon aus dem Wettkampfgeschehen verabschieden musste – nach den eher bescheidenen Auftritten der Saison zeichnet sich ein lautloser Abgang eines Großen der 800 m-Strecke ab.... Bronze gewann übrigens mit Christian Köhler ein junger Mann aus der Rostocker Läufergarde von Klaus-Peter Weippert, der sich anschickt, seine erfolgreichen Titelsammler der Jugendklasse nun auch Stück für Stück in die Aktivenklasse hinein zu verpflanzen.

1500 m Männer: Haschke hochmotiviert zum Alleingang
Franek Haschke legte vor – und René Herms vollendete, so lässt sich die aufregende Titeljagd der Pirna-Jungs auch ohne Wolfram Müller auf den Punkt bringen. „Ja, es ist schon hart, wenn es in unserer Gruppe richtig zur Sache geht“ plauderte Franek Haschke aus dem Nähkästchen. Und es wurde richtig hart für den 22jährigen im Lohrheidestadion nach seiner furiosen Auftaktrunde in 56 Sekunden. „Ich war so motiviert“ gestand Franek. Damit nahm er offensichtlich der deutlich unterlegenen Konkurrenz den Schneid, auch wenn der stark verbesserte Mark Rapp mit Philipp Legath und Christian Güssow im Schlepp den Abstand nicht zu groß werden lassen wollte. Franek Haschke knickte erst auf der Zielgeraden merklich ein, doch der Riesenvorsprung des Jahresschnellsten war zu groß, um die wie enfesselt um Rang zwei fightenden Legath und Rapp noch ernsthaft ins Spiel zu bringen. „Mir hat einer gefehlt, der nach drei Runden einfach dagegen gehalten hätte“, entschuldigte sich quasi der neue Meister über die letztlich nur 3:43,02 Minuten, „nach 1200 Metern habe ich gespürt, dass es sehr, sehr hart werden würde!“ Doch es hat gereicht zum 1500 m-Titel, der nach dem Müller-Triumpf von Stuttgart für ein weiteres Jahr in Pirna bleibt. Glückliches Ende aber auch für Philipp Legath, der sich zwei Sekunden hinter Franek Haschke die Vizemeisterschaft sichern sollte.

5000 m Männer: Jan Fitschen nutzt Heimvorteil
Im Lohrheidestadion konnte eigentlich nur ein Wattenscheider gewinnen – und Jan Fitschen hat es für seinen Club, den TV Wattenscheid 01, getan. Ein nicht unbedingt schnelles Rennen war geradezu eine Einladung für den 25jährigen, der sich seit zwei Jahren um den Umstieg von der 1500 m- zur 5000 m-Strecke bemüht. „Der Spurt war eigentlich schon immer meine Stärke“, bedankte sich Jan Fitschen freudestrahlend für die Einladung der Konkurrenz, das Rennen zwar zügig, doch nicht zu schnell zu gestalten. Ein sichtlich noch unter den Nachwirkungen seiner langwierigen Verletzung laborierender Sebastian Hallmann hatte sich zwar anfangs um eine flotte Gangart bemüht, doch alleine konnte er diese Herkulesarbeit nicht verrichten. Mal Carsten Schütz, mal Alexander Lubina an der Spitze, die Zuschauer im weiten Rund der herrlichen Leichtathletikanlage im Bochumer Stadtteil Wattenscheid dankten jedenfalls die beherzten Auftritte der „TVW“-Athleten mit starkem Jubel. Und beflügelten zu besonderer Kraftanstrengung. Rang eins für Fitschen, vier für Lubina und acht für Schütz, die Bilanz der Trainingsgruppe von Tono Kirschbaum jedenfalls konnte sich vor den 18 000 Zuschauern am Samstagabend durchaus sehen lassen. Meister Jan Fitschen wird die DLV-Farben in München vertreten können, auch wenn er die hohe Hürde der DLV-Norm von 13:25 nicht überspringen konnte. Die Hintertür, DM-Titel und „EAA-Norm“, machts jedenfalls möglich. Aber auch der zweitplatzierte Mario Kröckert wird zur EM fahren können: Der 22jährige Leverkusener hatte bereits im Vorfeld mit 13:34,30 die „weiche“ DLV-Norm für Nachwuchsathleten geschafft, wird in München allerdings seine Chancen (übrigens mit dem in Wattenscheid wegen einer Erkältung fehlenden europäischen Jahresbesten Dieter Baumann) über 10 000 m wahrnehmen. Zehn Läufer blieben über 5000 m unter 14:00 Minuten, eine Barriere, die, wie ZDF-Sportchef Wolf-Dieter Poschmann in einem Pressegespräch zur Eröffnung der „Laufschule Ruhr“ erinnerte, vor zwanzig Jahren gerade einmal nach drei hartumkämpften Vorläufen zum Finaleinzug (!) ausreichten. Doch die Situation ist heute eine völlig andere, die seinerzeit tonangebenden Athleten wie Klaus-Peter Hildenbrand, Detlef Uhlemann oder Hans-Jürgen Orthmann sind eine Erinnerung an bessere Zeiten....

3000 m Hindernis Männer: Das „Riesending“ des Filmon Ghirmai
Damian Kallabis war konsterniert und verständlicherweise kurz angebunden: „Das war doch wenigstens etwas für die Zuschauer!“ Und vollendete sein Statement sarkastisch mit „Second Place is the first looser!“ Zu tief saß der Schock der überraschenden Spurtniederlage gegen Filmon Ghirmai, der seine, erst vor wenigen Tagen in Luzern erzielte Jahresbestmarke von 8:24,58, damit gewiss eindrucksvoll bestätigte. „Ich habe eigentlich taktisch nichts falsch gemacht, sondern wie gewohnt, meinen langen Spurt angezogen!“ Doch der Schwabe hatte seine Rechnung ohne einen anderen Schwaben gemacht, den seit seinem sechsten Lebensjahr in Gomaringen lebenden, inzwischen aber in der Baumann-Gruppe an seinem Studienort Tübingen trainierenden „Fili“ Ghirmai. Erfrischend locker plauderte der Überraschungsmeister im staunenden Journalistenkreis drauflos: „Mit dem Titel habe ich überhaupt nicht gerechnet, zumal ich mich gestern noch völlig schlapp gefühlt hatte. Aber das ist nun ein Riesending für mich!“ Und widmete im gleichen Moment diesen Überraschungscoup seinem langjährigen Trainer Alexander Seeger, von dem er sich erst vor zwei Wochen getrennt hatte, um mit der intensiven Betreuung von Isabelle Baumann zum Sprung in die Internationale Klasse anzusetzen. Wenige Schritte entfernt packte ein enttäuschter Ralf Assmus seine Klamotten zusammen. „Das mit der EM hat sich damit wohl erledigt, ich bin einfach dafür nicht gut genug!“ Nüchternes Fazit für einen, dem nach Rang neun in Edmonton schon auf dem Sprung in die Weltelite war, aber nach einer Operation heuer den Anschluss noch nicht wieder gefunden hat... Erfreulich, dass Bundestrainer Dieter Hermann eine junge, leistungsstarke Spitze um sich herum weiss, die mit Perspektiven die große Tradition dieser Disziplin fortsetzen kann. Damian Kallabis ist mit 29 Jahren der „Oldie“, der Überraschungsmeister Ghirmai ist 22, Aßmus 25, der im dramatischen Finale regelrecht untergegangene Vierte Raphael Schäfer 21, der anfangs mit Mut zum Risiko tempomachende Steffen Preuk sogar erst zwanzig!

800 m Frauen: Claudia Gesells Meisterstück!
„Das ist mein schönster Meistertitel“ jubelte Claudia Gesell im Ziel des hochkarätigen 800 m-Finales und wischte sich zugleich einige Tränen aus dem Auge. Die Oberbayerin im Trikot des TSV Bayer 04 Leverkusen ist nach dem Bandscheibenvorfall 2001 wieder zurück – in der Erfolgsspur. Pech für Ivonne Teichmann, die mit 2:00,07 die deutsche Jahresbestzeit hält, aber im entscheidenden Sprint um einen Hauch zu langsam war. Dabei hatte die Madgeburgerin alle Voraussetzungen für eine erfolgreiche Titelverteidigung mit einem lang gezogenen Spurt geschaffen. Eine Anja Knippel konnte sie abschütteln, aber nicht die kampfstarke Claudia Gesell. Die Meisterin ist nach ihrem Sieg in 2:00,97 mit Sicherheit dabei, die Zweite Ivonne Teichmann gewiss auch. Denn so viele hochkarätige Zweifelsfälle auf internationalem Niveau kann es im DLV nun wirklich nicht geben.

1500 m Frauen: Kathleen Friedrich über den Titel nach München
Die Siegerin hat immer Recht. Dies gilt in diesem Falle gewiss für Kathleen Friedrich, die Potsdamerin im Trikot des LAC Erdgas Chemnitz. Vor zwei Wochen musste die 25jährige dem Feld beim Europacup-Finale im französischen Annecy noch hinterher laufen, da Atembeschwerden eine schnelle Gangart unmöglich machten. Im DM-Finale in Wattenscheid lief sie ebenfalls hinterher, doch nur 1300 m lang der aufopfernd um die EM-Norm von 4:07 kämpfende Kristina da Fonseca-Wollheim. Mit einem resoluten Antritt machte die Meisterin der Jahre 2000 und 2001 alles klar für den erneuten Titel, der sie auf Umwege nun doch nach München führen wird. Denn auch sie ist bislang der hohen Normvorgabe nachgelaufen, dank der Meisterschaft ist nun der Weg bereitet für einen Start im Münchener Olympiastadion. Der erste Verlierer ist in der Tat Kristina da Fonseca-Wollheim, die bereits im Vorlauf im Alleingang eine 4:13,09 vorlegte, im Endlauf alles für einen EM-Start riskierte und mit wertlosen 4:13,23 zwar Meisterschaftssilber gewann, aber letztlich mit leeren Händen dasteht. „Es ist schade, ich musste alles oder nichts gehen!“ Enttäuschung pur bei der Berlinerin im Trikot der Frankfurter Eintracht. Ansonsten Enttäuschung pur auf einer Distanz, die einstmals zu den Stärken im DLV zählte. Dreizehn bzw. zehn Sekunden hinter den beiden Erstplatzierten kamen mit Sylvia Thier (unter ihrem Mädchennamen Kühemund mehrfache Titelträgerin) der erfreulich starken Marathonläuferin Ulrike Maisch die Verfolgerinnen ins Ziel! Wer soll hier in Zukunkft die gähnende Leere ausfüllen. Zum Glück stehen im Jamaika-Aufgebot zur U 23-WM mit Katharina Splinter und Antje Möldner zwei Perspektiven für die mittelfristige Zukunft.

5000 m/ 3000 m Hindernis der Frauen: Sabrina Mockenhaupt und Melanie Schulz alleine auf weiter Flur!
Alleingänge sind in der Regel langweilig – und selten schnell. Beides trifft jedoch nicht auf die Entscheidungen der Frauen über 5000 m und 3000 m Hindernis zu. Die Konkurrenz weit zurück spulten die beiden Frontfrauen der neuen Läufer-Generation ihren Part herunter. Die eine (Sabrina Mockenhaupt), um mit gewiss nicht erstklassigen 15:46,92, aber mindestens dreißig Sekunden Vorsprung vor Susanne Ritter, Birte Bultmann und wiederum Ulrike Maisch letzte Zweifel an ihrer EM-Tauglichkeit zu verwischen. Die andere (Melanie Schulz), um mit 43 (!) Sekunden nicht nur Hindernismeisterin zu werden, sondern auch ihren gerade erst wenige Wochen alten deutschen Rekord um zehn Sekunden auf 9:38.31 zu verbessern. „In dieser Strecke steckt noch viel drin“ ist sich Melanie Schulz sicher, die gerne in München als Nummer drei weltweit auch auf dieser Strecke gestartet wäre, doch im Gegensatz zum Europacup-Finale fehlt in München diese junge Strecke noch im Meisterschaftsprogramm. Dafür wird die 23jährige über 5000 m im Verbund mit Sabrina Mockenhaupt starten, zwei Teenager auf Erfahrungstrip mit klasse Aussichten auf die Zukunft!

Wilfried Raatz


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