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Dicker Fisch im Dopingsumpf

Der belgische Langläufer und dreifache Europarekordler Mohamed Mourhit wird vor seiner Haustür mit EPO erwischt

20.07.2002

Der Belgier Mohamed Mourhit war seit über einem Monat nicht mehr gesehen worden. Der Erdboden schien ihn verschluckt zu haben. In der internationalen Läuferszene sprach sich das Mysterium schnell herum, und schon schossen erste Spekulationen ins Kraut. Hat er etwas zu verbergen, war er womöglich gedopt? Der 31-Jährige ist nicht irgendwer, sondern der aktuelle Europarekordler über 3000 m, 5000 m und 10 000 m, und in den Jahren 2000 und 2001 wurde er Cross-Weltmeister . Immerhin ist die Sommersaison schon lange im Gange, und in in München stehen die Europameisterschaften vor der Tür. Am Freitagabend löste dann der Pressesprecher des Weltdachverbandes IAAF am Rand des Golden-League-Meetings in Monaco das Rätsel endgültig auf. Jawohl, Mourhit war am 3. Mai in Brüssel in eine unangemeldete Dopingkontrolle geraten, und das Resultat waren zwei positive Befunde, im Blut und im Urin. Im Dopingsumpf schwimmt wieder mal ein dicker Fisch.

Der frühere Marokkaner wurde mit dem Blutdopingmittel Erythropoietin, kurz EPO, auffällig. Um der lebensbedrohlichen Gefahr der Verdickung des Bluts zu entgegen, hatte er sich auch eines Verdünnungsmittels bedient. Mourhit war sehr sorglos gewesen. Wusste er nicht, dass seit den Weltmeisterschaften in Edmonton 2001 sein Fachverband bei seinen Titelkämpfen auch nach EPO fahndet, ganz nach dem Vorbild des Internationalen Olympischen Komitees, das die neuen Tests erstmals in Sydney 2000 anwandte? Die Arznei war ja lange Zeit nicht nachweisbar gewesen. Der IAAF-Kontrolleur hatte Belgiens Leichtathletik-Star bloß zwei Tage vor der ausgerechnet bei ihm vor der Haustür stattfindenden Halbmarathon-WM aufzusuchen brauchen, in Brüssel. Zu einem solchen Zeitpunkt sind die künstlich zugeführten Substanzen im Körper eines betrügerischen Athleten noch nicht abgebaut. Im allgemeinen internationalen Sprachgebrauch hat sich für dieses Procedere inzwischen das Wort von der pre-competition-control durchgesetzt, der Vorwettkampf-Kontrolle.

Die Geschichte erinnert fatal an den Fall des Bayern Johann Mühlegg, der im Februar bei den Winter-Spielen in Salt Lake City als Neuspanier auch erst 48 Stunden vor dem 50-km-Skilanglauf zur Abgabe seiner Körperflüssigkeiten veranlasst und prompt als Doper ausgedeutet wurde. Vorher hatte er schon zwei Goldmedaillen geholt. Dabei blieb er deshalb unbehelligt, weil die Wettkampfkontrollen keine signifikant verräterischen Spuren mehr hinterlassen hatten. Mühlegg hatte seine Leistungssteigerung mit Hilfe von NESP erreicht, eines dem EPO verwandten Produkts. Am Ende der 50 km war er übrigens schon schlagkaputt gewesen, zwei enthaltsame Tage hatten offenbar schon für einen beträchtlichen Leistungsschwund gesorgt. Mourhit musste die gleiche Erfahrung auf den 21,098 km machen, mit einem katastrophalen 23. Platz.

Mourhit hatte in den Läuferkreisen spätestens seit Sydney 2000 unter genauester Beobachtung gestanden. Wie war es möglich, wurde gefragt, dass er am 25. August im Brüsseler Roi-Baudouin-Stadion Dieter Baumanns 5000-m-Europarekord um 4,99 Sekunden auf 12:49,71 Minuten verbesserte, er aber im olympischen 10000-m-Finale nur 31 Tage später schon bei der ersten kleinen Temposteigerung aufsteckte und zwei Tage danach zum 5000-m-Vorlauf nicht einmal mehr antrat?

Es heißt, medizinisch sei das nur 1,64 m große Leichtgewicht von einem französischen Arzt aus dem mittlerweile unter Generalverdacht stehenden Profiradsportlager betreut worden. Von den Leichtathletik-Funktionären und der ordentlichen Gerichtsbarkeit darf jetzt erwartet werden, dass sie die Hintermänner suchen und verurteilen. Immerhin geht es hier um strafrechtlich relevante Delikte, nämlich Arzneimittelmissbrauch und Körperverletzung.

Von Robert Hartmann


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