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Kann man von der Leichtathletik leben?

Die ultimativen Leichtathletik-Statistiker ermittelten die stolze Summe...

31.07.2002

...von 6,546 Millionen Dollar, die bis zum 14. Juli dieses Jahres allein an Läufer in sämtlichen Preisgeld-Rennen rund um den Globus ausgeschüttet wurden. Das ist eine hübsche Stange Geld, und das vorjährige Resultat wurde sogar noch knapp übertroffen. Kein Zweifel, das Geschäft. Wer hätte das gedacht? Es heißt in diesem Sommer doch immer wieder, dass die olympische Kernsportart sich in ihrer größten Krise überhaupt befinde, und diese Beobachtung kann ja nicht aus der Luft gegriffen sein. Niemand kann bestreiten, dass gehäuft selbst traditionelle Sportfeste entweder sterben oder wenigstens finanziell dramatisch abgespeckt werden müssen. Wenn es in der Wirtschaft kriselt, es ist eine Binsenweisheit, ziehen die Sponsoren ihre Unterstützung zuerst aus dem Spitzensport ab.

Wo aber kommen die sechseinhalb Millionen Dollar her? Die Antwort ist einfach. Sobald der Spitzenläufer mitten hinein in die Städte geht, trifft er auf eine von ihm offensichtlich sehr beeindruckte Zielgruppe. Im Laufe von rund drei Jahrzehnten hat er als ausdauerndes Zugpferd für den Gesundheitsboom Millionen von Gleichgesinnten aus ihrem Alltagstritt und -trott herausgeholt, begeistert und zum Mitmachen angespornt, und so entstand ein lukrativer Markt. Er gipfelt in Teilnehmerzahlen jenseits der 30 000 bei den Marathons in Berlin, London, New York oder Honolulu. Wie selbstverständlich führt die Liste der Bestverdienenden der US-amerikanische Weltrekordler Khalid Khannouchi mit vorläufigen 2002er Einnahmen in Höhe von 263 000 Dollar an, gefolgt von dem Kenianer Paul Tergat (93 755 Dollar).

Trotzdem erzählen solche eindrucksvollen Beispiele noch längst nicht alles darüber aus, ob die Leichtathletik ganz allgemein ihren Mann ernährt. Tatsächlich haben wir es hier mit einer Sonderentwicklung zu tun, einer Art von kleiner Entwicklungshilfe für die Dritte Welt. Nicht weniger als 26 von den Top-50 stammen aus Kenia.

Bis zum Oktober 1981, dem Kongress des Internationalen Olympischen Komitees in Baden-Baden, war die Leichtathletik eine Amateursportart, die wegen ihres strengen Leistungsanspruchs seit jeher bevorzugt sportbegabte Studenten in ihren Bann zog. Dann hielt der Professional seinen Einzug. Bald besorgte ihr der umtriebige italienische Präsident des Weltdachverbandes, Primo Nebiolo, ihr eine auf Star-Appeal angelegte Finanzstruktur. Fernsehgelder begannen zu fließen, und auf die Besten warten seither Preisgelder bei den Grand-Prix- und Golden-League-Meetings. In ausgesuchten Disziplinen erhalten die Sieger pro Wettkampf 7 500 und 15 000 Euro, bei den Finalwettbewerben werden je Disziplin für die Nummer eins zusätzliche 50 000 Dollar sowie für den Gesamtersten, das war im vorigen Jahr der Schweizer 800-m-Läufer André Bucher, 100 000 Dollar ausgeschüttet. Ein mit einer halben Million Dollar gefüllter Jackpot kann von Sportlern geknackt werden, die in einer Serie von sieben Wettkämpfen ohne Niederlage bleiben.

Darüber berichten die Medien gerne, und daheim staunt ihr Konsument bei der Lektüre. In Wahrheit ist es jedoch ziemlich zynisch, darauf zu spekulieren, dass der normale Sportfreund sich eh nur die Namen von allenfalls zwei bis drei Dutzend Weltklasseartisten zu merken vermag, eine kleine Zahl also fürs Erscheiungsbild in der Öffentlichkeit genügt. Mehr erreichen auch nicht den Status eines in Gelddingen unabhängigen Souveräns. Wer wird schon Weltrekordler, Weltmeister und Olympiasieger. Schon sehr bald unter einer dünnen Oberschicht beginnt das breite Mittelfeld, um dessen Einkünfte sich auch noch, aktuell, 146 lizenzierte Manager balgen. Davon haben 91 fünf und weniger Klienten.

Zum Beispiel in Deutschland sind vielleicht 15 Leichtathleten ordentlich raus. Zuerst Dieter Baumann, noch und nach der Dopingsperre wieder, Heike Drechsler, Nils Schumann, Lars Riedel, Astrid Kumbernuss, Grit Breuer, neuerdings Ingo Schultz. Ihr Vorbildcharakter sollten die Nachwuchsleute indessen mit äußerster Vorsicht genießen. Denn gerade die Talente aus den hoch entwickelten Industrieländern müssen es sich dreimal überlegen, ob sie auf eine berufliche Ausbildung und ein Studium verzichten zugunsten eines Abenteuers mit dermaßen ungewissem Ausgang, wo das Risiko erheblich höher als die Chance ist.

Der 800-m-Olympiasieger Schumann hat Abitur, eine Banklehre brach er aber schnell ab, mehr ist nicht, wie will er die Pensionsgrenze erreichen, sollten keine neuen Erfolge mehr hinzu kommen? Er sagt jetzt, er wolle ab Herbst Philosophie studieren. Der Thüringer erkannte in wiederkehrenden Verletzungs- und Krankheitspausen immerhin die drohenden Defizite. Nach seinem Triumph vor zwei Jahren hatten einige Bundestrainer noch offen nach einem Schumann-Typ gerufen, der auch ihren Arbeitsplatz sichert. Scheuklappen auf, und nicht nach links und rechts gucken: Was für ein verschrobenes Ideal! Auf diese Weise entsteht zum Preis einer vielleicht einzigen rühmlichen Ausnahme ein Sportplatz-Proletariat, das in nicht ferner Zukunft in der Sackgasse endet - als Sozialfall.

Leichtathletik-Vollberufler sind in diesen ökonomisch schwierigen Zeiten in der Ersten Welt mehr den je Raritäten. Deshalb müssen die Spitzenleistungen ja nicht unbedingt aus den Augen verloren werden. Ingo Schultz besitzt einen Studienabschluss, er schreibt an einer Doktorarbeit und sagt immer noch: "Meinen Sport betreibe ich nicht wegen des Geldes." Der 400-m-Vizeweltmeister ist ein richtig guter Halbprofi. Ein Charakter.

Von Robert Hartmann


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