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Die deutsche Leichtathletik hofft bei den Europameisterschaften auf den Geist von München

Leichtathletik Europameisterschaften in München

05.08.2002

Dieser Geist wäre willkommen, denn die deutsche Leichtathletik könnte ihn gut gebrauchen. Vor 30 Jahren fanden in München die Olympischen Spiele statt. Es war das bedeutendste Sportereignis in Deutschland in der Nachkriegszeit. Und es war ein großer Erfolg, trotz des fürchterlichen Terroraktes der blutig endete, nachdem ein Palästinenser-Kommando israelische Sportler als Geiseln genommen hatte. „Irgendwie trennt man das. Die Sache mit dem Terroranschlag behält man in einer anderen Ecke in Erinnerung“, erzählt Heide Ecker-Rosendahl, die damals im bundesdeutschen Trikot Gold im Weitsprung und mit der 4x100-m-Staffel gewann sowie Silber im Fünfkampf. „Meine Erinnerungen sind alle positiv, wir waren erfolgreich, und es gab tolle Wettkämpfe.“ Bevor am Dienstag im Münchener Olympiastadion die Leichtathletik-Europameisterschaften beginnen, ist nicht so sehr von den erfolgreichen, jüngeren Veranstaltungen in Deutschland die Rede. Die Weltmeisterschaften 1993 und die Europameisterschaften 1986, jeweils in Stuttgart, galten als herausragend. Doch erinnert wird in diesen Tagen an den Geist von München.

„Olympische Spiele, das ist natürlich noch eine andere Dimension“, erklärt Heide Ecker-Rosendahl. „Und hinzu kommt noch, dass es für uns Leichtathleten vor 30 Jahren an echten Höhepunkten nur die Olympischen Spiele und die Europameisterschaften gab – es gab weder Weltmeisterschaften noch eine Golden League.“ Für Heide Ecker-Rosendahl, die bis vor rund eineinhalb Jahren Vizepräsidentin des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) war und sich jetzt für die Olympiabewerbung 2012 des Verbundes Düsseldorf/Rhein-Ruhr engagiert, ist der Erfolg von München 1972 für die deutsche Leichtathletik ein langfristiger gewesen. „Ich glaube, wir haben bis heute davon profitiert. Viele gute Athleten wurden lange Zeit noch von den Spielen von München beeinflusst.“

Vor allen Dingen „als großen Bruder- und Schwesternkampf“ hat Armin Baumert die Olympia 1972 in Erinnerung. Der frühere Weitspringer, der seine Karriere verletzungsbedingt im Winter 1972 beendet hatte, erlebte die Spiele von der Tribüne. „Die eigentlich unschlagbare DDR in der Sprintstaffel zu besiegen, das war wertvoller als die Einzelmedaillen“, erinnert sich Armin Baumert an das 4x100-m-Rennen, als Heide Rosendahl als Schlussläuferin vor Renate Stecher ins Ziel sprintete. Baumert, heute als Leistungssportchef beim Deutschen Sportbund (DSB) tätig, arbeitete damals als Lehrer an einem Gymnasium in Mayen (Rheinland-Pfalz). „Mayen war eine fußballverrückte Stadt, aber die Leichtathletik-Erfolge von München haben ausgestrahlt. Mit der Leichtathletik hatte ich als Sportlehrer damals auch dort Rückenwind. Die Siege von München haben im nationalen Konkurrenzkampf mit anderen Sportarten geholfen“, erzählt Armin Baumert. „Der Aufschwung hielt bis zu den Spielen 1976 in Montreal, dann kehrte wieder Realismus zurück.“

War München 1972 auch ein Brüder- und Schwesternkampf, so wird München 2002 als Überlebenskampf für die deutsche Leichtathletik beschrieben. Das ist sicher etwas übertrieben. Aber richtungsweisend werden diese zweiten Europameisterschaften auf deutschem Boden für die olympische Kernsportart sein. In Zeiten, da große Meetings verschwinden, eine Fernsehpräsenz immer schwieriger wird, Sponsoren verloren gehen und es neuer Persönlichkeiten in der Leichtathletik bedarf, kann München wie vor 30 Jahren wieder ein Signal geben.

„München ist eine entscheidende Chance für die deutsche Leichtathletik bezüglich des Medieninteresses und der Begeisterung für den Nachwuchs“, sagt Heide Ecker-Rosendahl, deren Sohn Danny verletzungsbedingt auf seinen Start im Stabhochsprung verzichten muss. „Ich denke, es werden stimmungsvolle Europameisterschaften, die sicherlich auch eine Euphorie auslösen werden. Es kann einen Aufwind für die Leichtathletik geben, denn es ist ja auch eine einfach zu betreibende Sportart. Entscheidend ist, was der Verband aus der EM machen kann. Ich hoffe, die Vereine sind darauf vorbereitet.“ „Die EM ist für die deutsche Leichtathletik die große Chance, in einem Heimspiel Stärke zu zeigen“, sagt Armin Baumert und fügt hinzu: „München müsste das ideale Pflaster sein.“ Für die Kernsportarten Leichtathletik, Schwimmen und Turnen sei Rückenwind dringend nötig, um gegen die erdrückende Macht des Fußballs antreten zu können. Die Schwimmer hatten in Berlin bei der EM den Aufwind, den die Leichtathleten nun aus München mitnehmen sollen. „Es darf nicht passieren“, so Armin Baumert, „dass man in Deutschland beginnt, die Leichtathletik als eine Randsportart zu bezeichnen.“ Der DSB-Leistungssportchef, der lange Jahre als Leichtathletiktrainer gearbeitet hat, hofft deswegen vor allen Dingen auf eines: „Wir brauchen Idole. Und die Möglichkeit ist da, denn es gibt vier bis fünf Goldchancen.“


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