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EM02: Paula Radcliffe begeistert im Stile Emil Zatopeks

Die Britin sorgt zum EM-Auftakt für einen Paukenschlag und bricht Ingrid Kristiansens Europarekord im Alleingang

07.08.2002

Manches spricht dafür, dass das der beste 10.000-m-Lauf einer Frau aller Zeiten war. Am Montagabend goss es im Münchener Olympiastadion wie aus Kübeln, doch weder die Wassermassen noch die Konkurrentinnen konnten Paula Radcliffe an diesem Abend aufhalten. Die 28-jährige Engländerin vollbrachte eine Meisterleistung im Alleingang. Mit 30:01,09 Minuten stellte sie einen Europarekord auf und lief die zweitschnellste Zeit aller Zeiten. Gebrochen war die 16 Jahre alte Bestmarke der Norwegerin Ingrid Kristiansen, die am 5. Juli 1986 in Oslo 30:13,74 Minuten gelaufen war. Einzig die Chinesin Junxia Wang war 1993 in Peking mit 29:31,78 schneller als Paula Radcliffe. Doch nicht wenige Beobachter glauben, am Eröffnungstag der Münchener Europameisterschaften den echten Weltrekord gesehen zu haben. Denn zu sehr sind die Fabelzeiten der Chinesinnen aus dem Jahre 1993 mit dem Verdacht des Dopings behaftet. Zumal Junxia Wang danach nie mehr in diese Bereiche vorstieß.

"Ich weiß nicht, ob ich den richtigen Weltrekord gesehen habe, ich habe darüber noch nicht nachgedacht", antwortete Sonia OSullivan, die in 30:47,59 Minuten die Silbermedaille für Irland gewonnen hatte, auf die entsprechende Frage eines Journalisten. Dritte wurde in diesem denkwürdigen Finale die Russin Ludmila Biktaschewa, die in 31:04,00 Minuten eine der wenigen Läuferinnen war, die von Paula Radcliffe nicht überrundet worden war. Eines fügte Sonia OSullivan noch hinzu: "Was wir heute gesehen haben, zeigt, was eine Athletin erreichen kann, wenn sie hart trainiert." Das sagt viel über den Stellenwert der neuen Europameisterin.

Paula Radcliffe, die im April den London-Marathon bei ihrem Debüt in 2:18:56 Stunden gewonnen hatte und dabei in einem ebenso sensationellen Rennen die Weltbestzeit lediglich um neun Sekunden verpasst hatte, ist ein Vorbild in jeder Hinsicht. Und sie gilt als sauber, zumal ihre Leistungsentwicklung eine gleichmäßige ist. Sie wurde über Jahre hinweg kontinuierlich schneller. Und sie kämpft engagiert gegen Doping. Nachdem die russische Läuferin Olga Jegorowa im vergangenen Jahr nach einer positiven Blutdoping-Kontrolle nur deswegen nicht gesperrt wurde, weil ein Verfahrensfehler vorlag, war es Paula Radcliffe, die im Stadion mit einer Teamkollegin ein Plakat in die Höhe hielt: Epo cheats out - Epo-Betrüger raus. Das Blutdopingmittel macht Langstreckenläufer schneller.

Bis vor elf Tagen hatte Paula Radcliffe, die große Teile des Jahres in den Pyrenäen trainiert und perfekt Französisch sowie gut Deutsch spricht, ein großes Manko: Sie konnte bei den wichtigen Titelkämpfen auf der Bahn einfach nicht gewinnen. Immer wieder mussten ihre Fans in den letzten Jahren verzweifelt mit ansehen, wie sich Paula Radcliffe, deren Laufstil quälend aussieht wie der von Emil Zatopek, um das Tempo bemühte, um dann am Ende im Sprint zu verlieren. Vierte Plätze bei Olympia 2000 und der WM 2001 waren die Höhepunkte eines jahrelangen Leidensweges. Es sah so aus, als könne Paula Radcliffe nicht gewinnen. In Tränen aufgelöst, konnte sie einem leid tun, während sich clevere afrikanische Läuferinnen auf die Ehrenrunde begaben.

Doch in diesem Jahr ist alles anders. Denn Paula Radcliffe gewinnt alles: die Cross-WM, den London-Marathon, die 10.000 m bei den Commonwealth Games vor elf Tagen und nun die EM. "Ich weiß nicht genau, warum das jetzt so ist - ich hoffe nur, es geht so weiter", sagt Paula Radcliffe und erklärt: "Der London-Marathon war eine wertvolle Erfahrung. Durch diesen Erfolg bin ich stärker und auch lockerer geworden." Schon in London hatte sie Ingrid Kristiansen den Marathon-Europarekord abgenommen. "In München war mein wichtigstes Ziel, zu gewinnen. Aber ich wusste, dass ich in der Lage bin, etwa 30 Minuten zu laufen und den Europarekord zu brechen", erzählt Paula Radcliffe, für die Ingrid Kristiansen immer ein Vorbild gewesen ist. "Es ist etwas besonderes, ihre Europarekorde verbessert zu haben."

Das einzige, was Paula Radcliffe in München etwas enttäuschte, war die ganz knapp verpasste Zeit unter 30 Minuten. Ob sie sich zutraut, eines Tages auch den Weltrekord zu brechen" "Ich setze mir prinzipiell keine Limits. Ich werde weiter hart trainieren und dann sehen, was heraus kommt." Je nachdem, wie gut sie sich von ihrem Rekordlauf erholt, wird Paula Radcliffe in München auch noch über 5000 Meter an den Start gehen. Ihr Trainer und Ehemann, der frühere 1500-m-Läufer Gary Lough, kommentiert das mit einem Lächeln: "Sie entscheidet, ich trage hier nur die Taschen."

Ein couragiertes und erfolgreiches Rennen zeigte Sabrina Mockenhaupt (LG Sieg), die bei ihrer ersten großen Meisterschaft einen beachtlichen zehnten Platz erreichte und dabei in 32:08,52 Minuten ihre Bestzeit um fast 20 Sekunden verbesserte. Die 21-Jährige lief ihr Tempo und fiel daher anfangs schnell zurück. "Da dachte ich, das sieht jetzt wieder so aus, als ob die Deutsche gar nichts kann." Doch Sabrina Mockenhaupt konnte viel. Eine Läuferin nach der anderen, die alle dem zu hohen Anfangstempo Tribut zollen mussten, holte sie ein. "Das war natürlich optimal für mich. Ich bin sehr zufrieden mit meiner Leistung, schließlich war ich die jüngste im Feld. Paula läuft natürlich in einer anderen Dimension, aber von mir kann man in Zukunft auch noch viel erwarten. Ich habe ja schließlich erst mit 16 Jahren mit dem Laufen angefangen."


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