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Die Marathon-Medaillen und Urkunden beim real,- BERLIN-MARATHON

Der Marathon-Olympiasieg von Mohamed El Ouafi überraschte 1928 die Zuschauer

28.08.2002

Die Medaillen des real,- BERLIN-MARATHON, die jeder Läufer im Ziel erhält, spiegeln ein Stück Marathongeschichte wider. Zunächst zeigten sie antike Läuferfiguren. Seit 1978 sind die Plaketten den Marathon-Olympiasiegern gewidmet. Ebenfalls sind auf den Teilnehmer-Urkunden, die jeder Läufer erhält, Bilder der Olympiasieger zur Erinnerung plaziert. Den Pionieren des Marathons soll damit posthum ein Denkmal gesetzt werden, denn sie sind schließlich die Vorläufer und auch Vorbilder der heutigen Marathon-Laufbewegung,

Dabei gab es vier Ausnahmen. Beim 25. BERLIN-MARATHON 1998 wurde eine Jubiläumsmedaille entworfen, 1999 zeigten die Medaillen den Kopf von Ronaldo da Costa (Brasilien), ein Jahr später das Konterfei von Tegla Loroupe (Kenia). Beide waren in Berlin Weltrekord gelaufen. Und 2001 lief die Siegerin Naoko Takahashi (Japan) ebenfalls Weltrekord und konnte gleichzeitig ihr Konterfei auf der Medaille im Ziel entgegennehmen. Ein programmierter Weltrekord. In diesem Jahr geht der real,- BERLIN-MARATHON weit in die Historie zurück: Die Medaillen und Urkunden zeigen Mohamed El Ouafi, den Olympiasieger von 1928. Die Berliner Marathonmedaillen im Überblick:

1974 - 77: Antike Läuferfiguren
1978: Kitei Son (Korea/1936)
1979: Spiridon Louis (Griechenland/1896)
1980: Waldemar Cierpinski (DDR/1976 und 80)
1981: Frank Shorter (USA/1972)
1982: Hannes Kolehmainen (Finnland/1920)
1983: Alain Mimoun (Frankreich/1956)
1984: Abebe Bikila (Äthiopien/1960 u. 64)
1985: Michel Théato (Frankreich/1900)
1986: Juan Zabala (Argentinien/1932)
1987: John Hayes (USA/1908)
1988: Emil Zatopek (Tschechoslowakei/1952)
1989: Mamo Wolde (Äthiopien/1968)
1990: Joan Benoit (USA/1984)
1991: Carlos Lopes (Portugal/1984)
1992: Delfo Cabrera (Argentinien/1948)
1993: Kenneth McArthur (Südafrika/1912)
1994: Gelindo Bordin (Italien/1988)
1995: Rosa Mota (Portugal/1988)
1996: Spiridon Louis (Griechenland/1896)
1997: Waldemar Cierpinski (DDR/1976 und 80)
1998: Together weve run into history
1999: Ronaldo da Costa (Brasilien/Weltrekordler)
2000: Tegla Loroupe (Kenia/Weltrekordlerin)
2001: Naoko Takahashi (Japan/2000)
2002: Mohamed El Ouafi (Frankreich/1928)

Als der kleine hagere Mann als Marathonsieger über den Zielstrich lief, die Sonne schien und von der Nordsee her wehte eine leichte Brise, da wollten die Zuschauer ihren Augen nicht trauen. Denn auf Mohamed El Ouafi war niemand vorbereitet gewesen. Doch jetzt, am 5. August 1928, stand für den 29 Jahre alten Läufer nach einer 2:32:57,0 Stunden währenden Zeit das Tor zum Paradies sperrangelweit offen. Sein magischer Ort war das Olympiastadion von Amsterdam, wo die Sportwelt die IX. Spiele der Neuzeit feierte.

Der am 15. Oktober 1898 in Ould Djileb in Algerien geborene Muselman war ein Kolonialfranzose, und deshalb fiel es auf den ersten Blick nicht auf, dass er jetzt der erste mit olympischem Gold dekorierte Afrikaner wurde. Der schwarze der fünf olympischen Ringe legte sich unsichtbar wie ein Lorbeerkranz um seinen Hals – er war kein Geringerer als ein Pionier.

Eine Zeitlang hatte El Ouafi als einfacher Arbeiter im Automobilwerk Renault sein Brot verdient. Doch die Armee versorgte ihn mit Sold und Zeit, nachdem er in Paris 1924 Olympiasiebenter auf den 42,195 km geworden war. Aber die seitdem verstrichene Zeit hatte ihn in seiner langatmigen Kunst der Fortbewegung nicht so weit voran gebracht, um ihn für Amsterdam unter die Favoriten einzureihen. Unter den 68 Teilnehmern galt er als Mitläufer. Bis zur Hälfte der Strecke erfüllte er auch auf dem unauffälligen 20. Platz diese Prognose. Nun war es seine Art, das einmal eingeschlagene Tempo beizubehalten, und während er also auf dem holprigen Band des Kopfsteinpflasters nicht nachließ, ging seinen Vordermännern allmählich die Luft aus. Plötzlich war er bei 30 km auf Platz neun vorgeschlichen, und bei km 39 hatte er sogar den letzten Ausreißer gestellt, Kanamatsu Yamada. Die Erfolgsgeschichte brauchte nur noch eine hübsche Fußnote, und hier ist sie: El Ouafi hatte unterwegs keine Informationen erhalten, und man kann sich sein ungläubiges Staunen vorstellen, als er im Stadion als Olympiasieger empfangen geheißen wurde.

Yamada war in sich zusammen gesackt, und wehrlos musste er auch noch den Chilenen Miguel Plaza und den Finnen Martti Marttelin an sich vorbei ziehen lassen. Wer gern erste Augenblicke sammelt, weiß, dass sich hier Südamerika auf die Landkarte lief und dass Japan eine olympische Premiere feierte, die eine lange Leidenschaft auslösen sollte. Nippon entdeckte in Amsterdam im Marathon die Ausprägung eines offenkundig typischen Charakterzuges.

Die Journalisten beschrieben El Ouafi als einen Mann mit zerzausten Haaren und entschlossenem Blick. Er wurde als ein Läufer mit eisernem Willen geschildert. Sein Manko, zu Zwischenspurts oder Tempovariationen nicht fähig zu sein, glich er durch eine präzise arbeitende innere Uhr mehr als aus. Er war am Anfang so schnell wie zum Schluss. Auf der Aschenbahn hatte er nichts zu bestellen, Läufer seines Schlags verbreiten nur Langeweile. Es war logisch, was die letzte Zuflucht war, der Gipfel an Stehvermögen: Marathon. „Niemand hat mich überholt," sagte der stoisch seine 25.000 Schritte setzende Sieger stolz. Und die Grande Nation trug ihn auf Händen, weil er ihr am Schlusstag die einzige Leichtathletik-Goldmedaille zu Füßen gelegt hatte.

Seine plötzliche Berühmtheit nutzte El Ouafi aus, und für gutes Geld brach er mit dem Pyle Circus nach Amerika auf. Bekannt wurden Auftritte im berühmten New Yorker Madison Square Garden. Auf welche Weise er als Ausdauerwunder sein Plätzchen bei Menschen, Tieren, Sensationen ausfüllte, ist nicht überliefert. Allerdings bezahlte er mit dem eklatanten Verstoß gegen den streng gehandhabten Amateurparagrafen einen hohen Preis, eine lebenslange Wettkampfsperre. Über sein Leben senkte sich schnell der lange Schatten der Anonymität. El Ouafi war ausgestoßen und wurde schnell vergessen. Erst mit seinem Tod geriet er wieder kurz in das öffentliche Interesse. Denn am 18. Oktober 1959 wurde er, 61 Jahre alt, in einem Café in Saint-Denis, das heute ein Pariser Stadtteil ist, bei einer wüsten Rauferei das Opfer einer mysteriösen Messerstecherei. Die nur noch mäßig neugierige Sportwelt las darüber ein paar Zeilen in den Zeitungen, und in "LEquipe" erinnerte der Autor an ein verlorenes Paradies.

Robert Hartmann


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