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Wilson Kipketers Rückkehr zu alten Träumen

Zu seinem Saisonausklang hatte der Kenianer eine neue Jahresweltbestzeit aufgestellt.

08.09.2002

Wilson Kipketer schüttelte den Kopf, als könne er die 800-m-Zeit von 1:42,32 Minuten nicht glauben, die er am frühen Sonntagabend im kleinen Stadion von Rieti vor den Toren von Rom erzielt hatte. Zu seinem Saisonausklang hatte der gebürtige Kenianer mit der dänischen Staatsbürgerschaft noch eine neue Jahresweltbestzeit aufgestellt. Der 31-Jährige erkannte plötzlich, dass sein 1997 aufgestellter fabelhafter Weltrekord von 1:41,11 Minuten doch noch nicht aus seiner persönlichen Welt verschwunden ist. Ihn hatte er in einer anderen persönlichen Ära aufgestellt - bevor er mit einer schweren Malaria um Leben und Tod rang und er im vorigen Jahr wegen gleich zwei Ermüdungsbrüchen auszusetzen hatte.

Kipketer zeigte jetzt, dass er die Tugend der Geduld gelernt, er durch Schaden klug geworden ist. Besonders wichtig: Er wurde sein eigener Herr. Nur er aus der Weltelite der Leichtathleten tätigt seine Geschäfte selbst. Es war während seiner besten Zeit, als sein damaliger Manager derart unverschämte Startgagen verlangte, dass die Organisatoren der großen internationalen Sportfeste reihum absagten und er hilflos auf dem Trockenen saß.

Der Europameister von München fällt auf durch seine innere Unabhängigkeit, wenn er die Klage führt: "Die Athleten dopen, die Funktionäre schweigen und die Journalisten schreiben nicht darüber." Gern nimmt er sich der aufsteigenden Talente aus seiner kenianischen Heimat an, von denen ihn in Rieti der 22-jährige Vizeweltmeister Wilfred Bungei mit einem winzigen Rückstand von nur zwei Hundertstel unerwartet stark bedrängte. "Sie müssen wissen," sagt er, "dass es nicht mehr Sport ist, was wir machen, sondern reines Geschäft." Doch im Grunde seines Herzens ist er ein Romantiker geblieben, der eine perfekte Leistung auch mit einer sparsamen Geste genießen kann.

Schon nach Riete hatte er eigentlich nicht mehr reisen wollen. Er ließ sich vom Veranstalter überreden, weil sie sich gut kennen. Kipketer plant eine längere Pause ein. Mehr noch an die Welttitelkämpfe im nächsten Jahr in Paris stecken ihm die Olympischen Spiele in der Nase. In Sydney 2000 schnappte ihm der Thüringer Nils Schumann das Gold vor der Nase weg. Bei der EM nahm er seine erste Revanche - in Budapest 1998 hatte der Deutsche ihn fast umgerissen -, in Athen soll die zweite Folgen. Der Neu-Däne hat sich das Gedächtnis eines Elefanten zugelegt.

Von Robert Hartmann


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