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BM 02: Der goldene Marathon-Herbst beginnt am Sonntag in Berlin

Anfang des Marathon Herbstes

23.09.2002

Wenn es im Marathon eine Golden League geben würde, Berlin wäre sicherlich dabei. Die deutsche Hauptstadt macht am 29. September den Anfang in einem Marathon-Herbst, der vielleicht wiederum für goldene Zeiten sorgen kann. Obwohl Berlin in den 90er Jahren, gemessen an den Männer-Zeiten, der schnellste Marathon der Welt war, rückt in diesem Herbst aber vor allen Dingen der zwei Wochen nach Berlin stattfindende 25. Chicago-Marathon in den Blickpunkt. Die finanzkräftigen Amerikaner sind das herbstliche Pendant zum London-Marathon, der im Frühjahr alle Rekorde gebrochen hatte. Der dritte große Klassiker im Herbst ist traditionell der New-York-Marathon, der am ersten November-Sonntag gestartet wird.

Immer wieder hochklassig besetzt sind auch die Eliteläufe in Japan. Im Herbst werden der Frauen-Marathon in Tokio und das Männerrennen in Fukuoka in Asien im Mittelpunkt stehen. Breitensportler sind hier jedoch nicht zugelassen. In Europa und Amerika ist es dagegen gerade das Zusammenspiel von Spitzen- und Breitensport, das den Marathon so erfolgreich macht.

Was die Masse der Läufer angeht, fallen in Berlin und Chicago auch immer neue Rekorde. Für den 29. real,- BERLIN-MARATHON am 29. September meldeten sich insgesamt 41.376 Teilnehmer. Diese Zahl teilt sich auf in 32.752 Läufer und 8.369 Inline-Skater. Hinzu kommen noch 121 Rollstuhlfahrer und 134 Power-Walker. Wiederum verzeichnen die Berliner damit einen Zuwachs um rund zehn Prozent. Und dabei waren die Teilnehmerlimits so früh erreicht wie nie zuvor. Bereits seit gut zwei Monaten geht in Berlin, wo zum dritten Mal nach 1977 und 1996 die Deutschen Meisterschaften stattfinden, nichts mehr. In Chicago ist das Limit von 37.500 Meldungen ebenfalls längst erreicht.

An den absoluten Kapazitätsgrenzen ist Berlin jedoch noch nicht angekommen. Aber man will lieber in kleineren Schritten steigern, um die Qualität zu halten. „Aber es gibt keinen Grund, warum wir mittelfristig nicht mit den größten Marathonläufen von Chicago, London und New York gleichziehen sollten. Mit den Skatern sind wir ja sogar schon größer“, sagt Berlins Cheforganisator Horst Milde. Den andauernden Aufschwung der Laufbewegung in Deutschland haben die Berliner Veranstalter des SCC bei ihren anderen Laufveranstaltungen in diesem Jahr ebenso schon registriert wie andere deutsche Organisatoren. Im Frühjahr erreichte zum Beispiel der Hamburg-Marathon neue Rekordzahlen, nun folgt als prominentestes Beispiel der Köln-Marathon. 17.529 Läufer haben für das Rennen gemeldet, das nur eine Woche nach Berlin stattfindet. Das zeigt, dass Marathon in Deutschland boomt. Zumal dann mit München (13. Oktober) und Frankfurt (27. Oktober) weitere große deutsche Rennen über die 42,195 km noch folgen. Der München-Marathon wird allerdings mangels Preisgeldes spitzensportlich erneut keine Rolle spielen.

Welche Rolle Berlin in diesem Jahr im Rennen gegen Chicago spielen kann, muss man abwarten. Die Berliner hatten freilich Pech, weil sie auf Haile Gebrselassie gesetzt hatten. Aufgrund seiner Fußprobleme verzichtete der Äthiopier dann aber auf den geplanten Start in Berlin, bei dem er den Weltrekord von Khalid Khannouchi brechen wollte. Beim spektakulären London-Marathon im April war es Gebrselassie, der mit seiner Tempoarbeit den Weltrekord des gebürtigen Marokkaners Khannouchi, der seit 2000 für die USA startet, erst möglich gemacht hatte. Khannouchi siegte damals in 2:05:38 Stunden vor Paul Tergat (Kenia/2:05:48). Für Haile Gebrselassie blieb als Dritter nur der „Debüt-Weltrekord“ von 2:06:35. Danach hatte Gebrselassie kein großes Interesse an einer Neuauflage des Londoner Dreikampfes in Chicago, weil er nicht wieder den Hasen spielen wollte. Statt dessen orientierte er sich in Richtung Berlin, während sich Chicago die Neuauflage des Duells zwischen Khannouchi und Tergat sicherte.

Nun wird es in Berlin ohne Haile Gebrselassie sicher nicht so schnell, dafür aber könnte der Kampf um den Sieg aber wesentlich spannender werden. Am Start sind gleich drei Berlin-Sieger früherer Jahre: Joseph Ngolepus (Kenia) will beweisen, dass sein überraschender Coup vor einem Jahr keine Eintagsfliege war. Simon Biwott kehrt als Vize-Weltmeister nach Berlin zurück. Der Kenianer hatte vor zwei Jahren in Berlin gewonnen und wurde dann Zweiter in Edmonton. Ob dagegen Ronaldo da Costa noch einmal eine Rolle spielen kann, muss man eher bezweifeln. Der Brasilianer hatte 1998 sensationell in Berlin die Weltbestzeit auf 2:06:05 Stunden verbessert, konnte diese Form jedoch in allen seinen folgenden Marathonrennen nicht mehr bestätigen.

Interessant wird zudem, inwieweit Moses Tanui noch einmal an seine besten Zeiten anknüpfen kann. Der 37-jährige Kenianer, früher einer der besten Bahnläufer (1991 Weltmeister über 10.000 m und 1993 Zweiter, nachdem er im Zweikampf mit Haile Gebrselassie einen Schuh verloren hatte), lief seine Marathon-Bestzeit 1999 in Chicago. Damals war er in 2:06:16 Stunden Zweiter. Das ist bis heute die fünftbeste Zeit aller Zeiten. Nach einer schwächeren Phase meldete er sich mit dem Sieg beim Wien-Marathon im Mai zurück.

Im vergangenen Jahr war es allerdings das Frauen-Rennen, das in Berlin im Mittelpunkt stand. Und das könnte dieses Mal erneut passieren. Ein Jahr nach ihrem letzten Marathon wird Naoko Takahashi wiederum in Berlin an den Start gehen. Die Japanerin hatte 2001 mit der ersten Zeit einer Frau unter 2:20 Stunden ein Stück Leichtathletik-Geschichte geschrieben. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass Naoko Takahashi die Bestzeit bereits nach einer Woche wieder an die Chicago-Siegerin Catherine Ndereba (Kenia/2:18:47) verloren hatte. Doch einen Weltrekord-Versuch kündigt die 30-jährige Japanerin in diesem Jahr nicht an. Verletzungsbedingt konnte sie erst spät mit dem Training beginnen. Wie gut die Olympiasiegerin Naoko Takahashi in Form sein wird, wird man erst am 29. September wissen. Denkbar ist, dass es bei hohem Tempo zu einem Duell kommt. Denn die Mexikanerin Adriana Fernandez, die 1999 den New-York-Marathon gewann, will in Berlin ihre Bestzeit von 2:24:06 Stunden deutlich verbessern. Eine gute Rolle könnte einmal mehr Kathrin Weßel (SCC Berlin) spielen, die vor einem Jahr als Dritte persönliche Bestzeit mit 2:28:27 Stunden lief und nun als Favoritin auf die Deutsche Meisterschaft startet. Auch bei den Männern gibt es mit Carsten Eich (LG Braunschweig) einen klaren Favoriten.

Für die Berliner ist alleine schon der Start von Naoko Takahashi Gold wert. So wird das Rennen erneut live nach Japan übertragen, wo vor einem Jahr fast jeder zweite Japaner den Lauf der Volksheldin Takahashi im Fernsehen verfolgte. Das wiederum lockt erneut mehr Sponsoren als in früheren Jahren. Und der Etat stieg nochmals leicht auf inzwischen rund drei Millionen Euro.

In Chicago betrug der Etat schon im vergangenen Jahr rund 10 Millionen Dollar. Das macht sich entsprechend im Starterfeld bemerkbar. Und auch die Siegprämie ist etwa doppelt so hoch wie in Berlin. Zum ersten Mal geht es um 100.000 Dollar. Erst einmal gab es bei einem Marathon ein derartiges Preisgeld: Die Sieger des 100. Boston-Marathons 1996 verdienten ebenfalls jeweils 100.000 Dollar.

So ist auch bei den Frauen der Chicago-Marathon, gemessen an der Besetzung, die Nummer eins im Herbst. Hier kommt es zum Duell zwischen Catherine Ndereba und der schnellsten Debütantin aller Zeiten, Paula Radcliffe (Großbritannien). Bei ihrem Debüt in London hatte Radcliffe die Weltbestzeit der Kenianerin nur deswegen um neun Sekunden verpasst, weil sie nicht rechtzeitig wusste, dass sie so dicht dran war. Die Uhr auf dem Führungsfahrzeug war ausgefallen, und so blieb Paula Radcliffe in 2:18:56 „nur“ die europäische Bestzeit. Wenn in Chicago die Wetterbedingungen gut sind und sich kein langsames, taktisches Rennen entwickelt, wäre eine neue Weltbestzeit keine Überraschung. „Das wird ein hartes Rennen. Mit einer weiteren Läuferin, die schon unter 2:19 Stunden gelaufen ist, wird es nicht witzig“, sagte Catherine Ndereba, nachdem sie Ende August ein 10-Meilen-Rennen in Flint (USA) in 52:09 Minuten gewonnen hatte. Zu Chicago sagte sie: „Ich hoffe, dass ich meinen eigenen Rekord brechen kann.“

Im Vergleich mit Chicago hält auch New York nicht mit, obwohl hier im letzten Jahr gleich beide Streckenrekorde fielen. Und obwohl bei dem Marathon-Spektakel mit voraussichtlich gut 30.000 Startern das stärkste Frauen-Feld an den Start gehen wird, das New York bisher gesehen hat. Neben der Vorjahressiegerin Margaret Okayo (Kenia), die im April in Boston in 2:20:43 vor Catherine Ndereba gewann, sind die Osaka-Siegerin Lornah Kiplagat (2:23:55) und Susan Chepkemei (alle Kenia), im Rennen. Ihr Debüt gibt außerdem die sehbehinderte US-Langstrecklerin Marla Runyan. Bei den Männern wird mit dem Start des Vorjahressiegers Tesfaye Jifar (Äthiopien/2:07:43) gerechnet.

ALLE FAKTEN ZU DEN GROSSEN HERBSTMARATHONRENNEN

29. September: real,- BERLIN-MARATHON
TV-Übertragung: 8.35 ARD und B1 (ARD bis 11.30 Uhr, B1 bis 14.30 Uhr)
Anmeldungen: 41.376 Teilnehmer (33.000 Läufer, 8.369 Inline-Skater, 121 Rollstuglfahrer, 134 Power-Walker) aus 90 Nationen und 7.223 Jugendliche beim real,- MINI-MARATHON
Siegprämie: 30.000 Euro
Weltrekordprämie: 90.000 Euro plus Smart
Streckenrekorde: 2:06:05 Ronaldo da Costa (BRA/1998) – 2:19:46 Naoko Takahashi (JPN/2001)
Favoriten: Simon Biwott (KEN/2:07:41), Moses Tanui (KEN/2:06:16), Joseph Ngolepus (KEN/2:08:47), Jackson Kabiga (KEN/2:08:42), Joseph Kahugu (KEN/2:07:59), Domingos Castro (POR/2:07:51), Ronaldo da Costa (BRA/2:06:05), Muneyuki Ojima (JPN/2:08:43).
Favoritinnen: Naoko Takahashi (JPN/2:19:46), Adriana Fernandez (MEX/2:24:06), Hellen Kimutai (KEN/2:26:42), Kathrin Weßel (GER/2:28:27), Shitaye Gemechu (ETH/2:28:40).

6. Oktober: Ford-Köln-Marathon
TV-Übertragung: vorauss. WDR
Anmeldungen: 17.529 Läufer (plus 5281 Inline-Skater)
Siegprämie: Ford Galaxy
Streckenrekorde: 2:10:55 Carsten Eich (GER/1998) – 2:27:29 Angelina Kanana (KEN/1997)
Favoriten: Simon Lopuyet (KEN/Bestzeit: 2:08:19), Andrew Sambu (TAN/2:10:14), Andrej Gordejew (BLR/2:11:44), Artur Osman (POL/2:11:46), Wilson Kibet (KEN/2:13:54).
Favoritinnen: Claudia Dreher (GER/2:27:55), Mary Ptikany (KEN/2:32:21)

13. Oktober: LaSalle-Chicago-Marathon
TV-Übertragung: vorauss. nicht in Deutschland
Anmeldungen: 37.500 Läufer
Siegprämie: 100.000 Dollar
Weltrekordprämie: 150.000 Dollar
Streckenrekorde: 2:05:42 Khalid Khannouchi (MAR/1999) – 2:18:47 Catherine Ndereba (KEN/2001)
Favoriten: Khalid Khannouchi (USA/2:05:38), Paul Tergat (KEN/2:05:48), Peter Githuka (KEN/2:08:02), John Kagwe (KEN/2:08:12), Ben Kimondiu (KEN/2:08:52), Gert Thys (RSA/2:06:33).
Favoritinnen: Paula Radcliffe (GBR/2:18:56), Catherine Ndereba (KEN/2:18:47), Yoko Shibui (JPN/2:23:11), Swetlana Schakarowa (RUS/2:22:31), Masako Chiba (JPN/2:25:11), Deena Drossin (USA/2:26:28).

3. November: New-York-Marathon
TV-Übertragung: vorauss. Eurosport
Anmeldungen: vorauss. 30.000 Starter
Siegprämie: 80.000 Dollar plus Pontiac
Weltrekordprämie: 65.000 Dollar
Streckenrekorde: 2:07:43 Tesfaye Jifar (ETH/2001) – 2:24:21 Margaret Okayo (KEN/2:24:21)
Favoriten: Tesfaye Jifar (ETH/2:06:49) – weitere noch nicht bekannt.
Favoritinnen: Margaret Okayo (KEN/2:20:43), Lornah Kiplagat (KEN/2:22:36), Susan Chepkemei (KEN/2:23:19), Marla Runyan (USA/Debüt).

Weitere Marathon-Termine im Herbst 2002:

13. Oktober München
20. Oktober Amsterdam
27. Oktober Frankfurt
27. Oktober Washington
27. Oktober Venedig
27. Oktober Dublin
17. November Monte Carlo
17. November Tokio (Frauen)
1. Dezember Fukuoka (Männer)
8. Dezember Honolulu

Die größten Marathonläufe des Jahres 2001

1. London 30.071
2. Chicago 28.771
3. Berlin 25.792
4. New York 23.664
5. Paris 22.343
6. Honolulu 19.236

Gezählt wurden nur Läufer, die das Ziel erreichten.
Aus: Runner’s World, USA


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