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Ein Berliner Debütant

Sirko Wehr kam schnell zum Marathon, doch sein Ziel ist erstmal das Ziel zu erreichen

24.09.2002

„Da kommen die Silberpfeile“, frotzeln zwei Skater, die sich die superschnellen 5-Rollen-Blades unterschnallen. Normalität unter Sportlern auf der „Krone“, dem Kronprinzessinnenweg neben der Avus. Sie meinen die Rennrollstuhl-Fahrer, die sich hier ebenfalls auf den real,- BERLIN-MARATHON vorbereiten. Einer von ihnen ist ein Anfänger, der die klassische Strecke von 42,195km das erste Mal fahren will.

Sirko Wehr sitzt seit seinem Unfall vor drei Jahren wegen einer Querschnittlähmung im Halsbereich im Rollstuhl. Laufen kann er nicht mehr, Beine, Rumpfmuskulatur und auch Partien der Hände sind gelähmt, aber die Arme sind funktionsfähig – also ein typischer „Teddy“, ein Tetraplegiker, wie die Medizin die Situation beschreibt. Nicht eben muskelbepackt, aber das gehört zur Statur des 27-Jährigen und – wie gesagt – er ist ein Anfänger. 30 bis 40 km trainiert er in der Woche, sicher ein gutes Maß. Beeindruckend ist die kurze Zeit nach dem Unfall, nach der er sich den Marathon zutraut. Das will er sich beweisen.

Blickt man auf die Geschichte des Rollstuhlmarathons, wird das besonders deutlich. Der Amerikaner Bob Hall war es 1974, der mit seiner Pioniertat nachwies, dass es auch im Rollstuhl möglich ist, aus eigener Kraft die klassische Marathonstrecke zu bewältigen. Zu dieser Zeit war das etwas völlig Außergewöhnliches, schließlich waren die gehunfähigen Opfer von Unfällen, Krieg und Krankheit im medizinischen Sinne Dauerpatienten und nicht gehalten, den Rest ihrer Gesundheit mutwillig zu strapazieren. Der Rehabilitationssport begnügte sich mit sehr bescheidenen Ansprüchen, deren Umfang der Arzt festlegte und warnend den Zeigefinger hob, wenn unangemessene körperliche Anstrengungen registriert wurden. Aber ungehorsame Patienten wollten das für sich nicht akzeptieren. War es doch eine neue, ganz natürliche Herausforderung, eben das durch Lähmung oder Amputation begründete Defizit der körperlichen Leistungsfähigkeit auszuloten und die Grenzen möglichst weit hinauszuschieben. Und andererseits, warum sollte es dem Behinderten verboten sein, auch gegebenenfalls Risiken in Kauf zu nehmen, wie sie jeder Leistungssportler für sich ganz selbstverständlich akzeptiert? Inzwischen wissen es Medizin und Sportwissenschaft besser.

Mit Sport hatte Sirko Wehr vor seinem Unfall eigentlich nichts zu tun. Schulsport ja, auch in sogenannten Arbeitsgemeinschaften, aber dort war es immer interessanter, mit den Leuten quatschen zu können. Leistung? Nein, nie. Das war einfach absurd. Ernst wurde es erst nach dem Unfall. In der Berlin-Marzahner Unfallklinik ist Sport integrierter Bestandteil bei der Rehabilitation Querschnittgelähmter. Erhalt der Beweglichkeit sowie Muskel- und Koordinationsschulung bei der Umstellung auf die Bewegung in einem Rollstuhl. Ohne professionelle Anleitung dauerte das früher viele Jahre. Ein Bruch in diesem physiologischen Aufbau kommt dann oft mit der Entlassung aus der Klinik. Das soziale und berufliche Umfeld muss angepasst gestaltet werden, für Sport bleibt da wenig Zeit. So auch bei Sirko, dem Diplom-Bauingenieur, für den es nicht eben leichter geworden ist, eine angemessene Arbeit zu finden. Erst seine ambulante Physiotherapeutin drängte ihn schließlich, körperlich aktiver zu werden. Der Sportlehrer Bodo Heinemann aus der Unfallklinik vermittelte ihn an die Rennstuhlfahrer des SC Charlottenburg, dem Mutterverein des real,- BERLIN-MARATHON. Hier bekam er dieses Sportgerät geliehen, Sitzposition, Spezialhandschuhe und Bewegungsablauf wurden unter Anleitung probiert und optimiert und seit dem Frühsommer 2001 trainiert Sirko Wehr nun regelmäßig.

Es läuft bereits recht gut. Geschwindigkeit und Ausdauer reichten am 7. April zum Halbmarathon in gut 1:30 Stunden. Ja, es ist einerseits die Befriedigung des Bewegungsdranges, die Freude an der Geschwindigkeit aus eigener Kraft, erklärt er seine Motivation, aber auch Gesundheit, Körperschulung und Kameradschaft gehören dazu – alle glücklichen Synergien, wie sie der Sport in sich trägt. Probleme mit der geringeren Leistung gegenüber seinen austrainierten Sportkameraden hat er nicht. Das sei doch normal, meint er. „Das haben sie sich schließlich in den Jahren verdient, mir fehlen die Kilometer – noch.“

Unter den mehr als 100 Rennstuhlfahrern des real,- BERLIN-MARATHON sind in jedem Jahr etwa 10 Prozent, die das erste Mal einen Marathon fahren. Die Bedingungen bei diesem Stadtmarathon sind besonders gut geeignet. Streckenverlauf, spezielle Angebote im Service für die Rollis und die zur Verfügung stehende Zeit ermöglichen auch bei geringerer Geschwindigkeit das Ankommen. Und ankommen will Sirko Wehr mit der Startnummer R215 am 29. September. Über sportliche Perspektiven denkt er später nach. Eines nach dem anderen. Von den Rennstuhlfahrern wird er einer der Letzten sein, die das Ziel erreichen, das weiß er und akzeptiert es.

Reiner Pilz


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