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Paula Radcliffe drückt Weltrekord auf 2:17:18

Beim hochklassigsten Marathon von Chicago verpasst Khalid Khannouchi seine Bestzeit nur um 18 Sekunden

14.10.2002

Chicago hat London noch übertrumpft. Nachdem das Rennen in der britischen Metropole im April das bislang hochkarätigste aller Zeiten war, legte der Chicago-Marathon nach. Dabei sorgte Paula Radcliffe für den Höhepunkt des Laufes: Die Engländerin siegte in der neuen Weltbestzeit von 2:17:18 Stunden und verbesserte die vor einem Jahr in Chicago aufgestellte Marke von Catherine Ndereba (Kenia/2:18:47) damit gleich um 89 Sekunden. Ndereba wurde im direkten Duell mit Radcliffe in 2:19:26 Zweite. Zum ersten Mal blieben zwei Frauen in einem Rennen unter 2:20 Stunden. Bei den Männern siegte Khalid Khannouchi (USA) mit 2:05:56 Stunden. Er blieb schon zum dritten Mal in seiner Karriere unter 2:06 Stunden und verpasste seinen im Frühjahr in London aufgestellten Weltrekord lediglich um 18 Sekunden.

Damit hat der Chicago-Marathon 2002 die selben Sieger wie der London-Marathon 2002. Zählt man Männer- und Frauensiegzeit zusammen, ergibt dies in Chicago einen neuen "Weltrekord": 4:23:14 Stunden. Zuletzt war hier London das Maß der Dinge mit 4:24:34. Berlin liegt mit 4:27:27 Stunden an dritter Stelle (1999). Das einzige, was den Chicagoer Rekordlauf zu stoppen drohte, war das Wetter. Vorhergesagt war starker Wind, doch die Läufer hatten Glück. Bei Sonnenschein und anfänglichen Temperaturen von lediglich 3° Celsius kam vor mehreren hunderttausend Zuschauern erst auf den letzten Kilometern etwas Wind auf. Auch in punkto Masse gab es beim 25. Chicago-Marathon einen Rekord: 37.500 Athleten aus 66 Nationen hatten gemeldet, etwa 28.000 wurden im Ziel erwartet. Zumindest bezüglich der Masse bleibt London damit die Nummer eins. Hier erreichten im April knapp über 30.000 Läufer das Ziel.

Paula Radcliffe krönte in Chicago ein großartiges Jahr. Angefangen hatte es mit ihrem Sieg bei der Cross-WM im März. Im April folgte ihr Triumph beim Marathon-Debüt in London, wo sie mit 2:18:56 Stunden auf Anhieb die zweitschnellste bis dahin gelaufene Zeit erzielt hatte. Auch auf der Bahn gewann Paula Radcliffe, die in früheren Jahren so oft große Finals als große Verliererin beendet hatte, ihre ersten Titel: Bei den Commonwealth Games in Manchester siegte sie über 5000 m, bei den Europameisterschafen in München über 10.000 m in Europarekordzeit. Nun folgte als krönender Abschluss die Marathon-Weltbestzeit. Erst gut ein Jahr ist es her, da rannte Naoko Takahashi (Japan) in Berlin als erste Frau unter 2:20 Stunden (2:19:46). Nach dem Durchbruch dieser Barriere gibt es nun schon fünf Zeiten unter 2:20. Je zwei davon erzielten Radcliffe und Ndereba. Es hat sich bestätigt, dass nach einem Durchbruch einer Barriere schnell weitere Verbesserungen möglich sind. Im Marathon hatte die internationale Frauenspitze lange Zeit Nachholbedarf. Nun darf man gespannt sein, wie lange Paula Radcliffes glänzende Vorgabe hält.

Angesichts der Vorleistungen von Paula Radcliffe konnte die Weltbestzeit nicht wirklich überraschen. Sowohl ihr Ehemann und Manager als auch ihr Physiotherapeut Gerard Hartmann hatten eine Zeit von 2:17:30 Stunden als mögliches Ergebnis vorhergesagt. Und in den britischen Medien wurden in den letzten Tagen vor dem Rennen immer wieder verschiedenste Insider zitiert, die Zeiten zwischen 2:15 und 2:18 Stunden für möglich hielten. Nur Paula Radcliffe selbst hielt sich öffentlich zurück: "Ich weiß, dass ich schneller laufen kann als in London, aber in einem derart hochkarätigen Rennen geht es in erster Linie darum, meine Siegserie dieses Jahres fortzusetzen."

Umrahmt von einer Männergruppe, darunter ein Tempomacher, war Paula Radcliffe von Beginn an ein hohes Tempo gelaufen. Doch trotz der Geschwindigkeit, die schon auf den ersten Meilen auf eine Zeit um 2:18 Stunden hinauslief, war die 28-Jährige nicht alleine. Catherine Ndereba sowie die beiden Japanerinnen Yoko Shibui und Masako Chiba liefen wenige Meter hinter ihr. Nach 49:00 Minuten hatte Paula Radcliffe die 15-km-Marke erreicht, und erst danach fielen ihre Konkurrentinnen nach und nach zurück. Bei der Halbmarathonmarke (69:05 Minuten) hatte Paula Radcliffe in der Kälte ihre Mütze verloren und Catherine Ndereba etwa 50 Meter zur führenden Britin. Zwischenzeitlich hatte die Kenianerin den Abstand noch einmal etwas verkürzen können, doch mit mehreren Meilenzeiten von 5:10 Minuten sorgte Paula Radcliffe dann für die Vorentscheidung. Wie schon bei ihrem Debüt in London lief sie die zweite Hälfte schneller als die erste. Dieses Mal benötigte sie dafür 68:13 Minuten. "Ich hatte mich auf der ersten Hälfte etwas zurückgehalten und hoffte auf eine schnellere zweite Hälfte", erklärte Paula Radcliffe später und berichtete von einer Schwächephase bei Kilometer 35: "Da dachte ich: Oh, nein. Denn ich musste auf Toilette und fürchtete, dass ich anhalten müsste. Aber es ging dann doch ohne Toilettenpause."

Während Paula Radcliffe die Rekordsumme von 250.000 Dollar verdiente - 100.000 Dollar für den Sieg, 150.000 für die Weltbestzeit -, musste sich Khalid Khannouchi mit 175.000 Dollar zufrieden geben. Zum vierten Mal nach 1997, 1999 und 2000 gewann der gebürtige Marokkaner den Chicago-Marathon. "Chicago hat etwas magisches für mich", sagte Khannouchi, der sich in einer anfangs großen Führungsgruppe lange Zeit zurückgehalten hatte und die Halbmarathonmarke nach schnellen 62:35 Minuten erreicht hatte.

Wie bei seinem Sieg 1999, als er seine erste Weltbestzeit von 2:05:42 Stunden gelaufen war, sorgte der 30-Jährige für die Entscheidung beim Durchlaufen eines Tunnels mit Höhenunterschieden. Als es etwa bei Kilometer 40 bergab ging, hatte Khannouchi aufgeschlossen zum überraschend starken Japaner Toshinari Takaoka, als es nach dem Tunnel wieder aufwärts ging, führte der Amerikaner. 1999 hatte Moses Tanui an dieser Stelle das Rennen verloren, nun also der Japaner, der mit einer Bestzeit von 2:09:41 Stunden nach Chicago gekommen war und mit glänzenden 2:06:16 nach Hause fährt. Dies reichte am Ende jedoch nur noch für Platz drei, weil der zeitgleiche Kenianer Daniel Njenga, der zuvor nur 2:11:01 gelaufen war, im Spurt knapp vor Takaoka lag. Wiederum eine glänzende Zeit lief Paul Tergat (Kenia), doch seine 2:06:18 Stunden reichten dieses Mal nur für Platz vier - auch das gab es noch nie in der Marathonhistorie. Und Paul Tergat wartet weiter auf seinen ersten großen Marathonsieg.


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