42. BMW BERLIN-MARATHON am 27. September 2015

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Die Läufer-Predigt in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche.

Aufgrund von vielen Nachfragen veröffentlichen wir den Wortlaut der Predigt vom 28. September 2002

20.12.2002

Schon legendär ist die Predigt des laufenden Pfarrers i.R. Klaus Feierabend innerhalb des Oekumenischen Abendgebets in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, jeweils am Sonnabend vor dem BERLIN-MARATHON um 20.30 Uhr.

Das Gotteshaus am Breitscheidplatz in Berlin-Charlottenburg, kurz vor dem Ziel des Laufes, ist seit Jahren voll besetzt. Völlig ungewöhnlich für eine Kirche ist es, wenn während der Predigt plötzlich Beifall aufbrandet. Dann hat der Kirchenmann läuferisch-kirchliche Weisheiten der Laufgemeinde präsentiert.

Klaus Feierabend lief seinen ersten BERLIN-MARATHON 1980, er gehört mit 21 Teilnahmen dem BERLIN-MARATHON Jubilee-Club an. Insgesamt absolvierte er bisher 27 Marathonläufe, seine Bestzeit ist 3:11:40. Beim letzten real,- BERLIN-MARATHON konnte er wegen einer Verletzung nicht teilnehmen.

Die Begrüssung der Laufgemeinde wird schon seit Jahrzehnten von Pfarrer Knut Soppa (Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche) vorgenommen, den Segen erteilt Pater Joseph Schulte O.F.M. (Kath. Pfarramt Sankt Ludwig, Berlin-Wilmersdorf).

Musikalisch umrahmt wurde das Abendgebet vom Chor „Lystrup-Elstedt-Koret“ (Dänemark), Leitung Hans Schwenker (Dänemark), Orgel: Henning Jansen (Freren – Dänemark).

Die Kollekte war bestimmt für behinderte Kinder in der Fürst-Donnersmarck-Stiftung:
Postbankkonto Nr. 122 76 – 105 (BLZ 100 100 10)
Stichwort: „Marathon-Gottesdienst“.
Die Läufer-Predigt wurde veröffentlicht in der Marathon-Ergebnisliste, Seite 208 – 210.

Liebe laufende Mitmenschen und freundliche Marathon-Sympathisanten!

Was würdest Du – wenn ich grad Dich anspräche – was würdest Du auf die Frage antworten, ob das Laufen Dich zu einem neuen, zu einem besseren Menschen gemacht hat? Würdest Du zumindest ins Grübeln kommen, oder käme die Antwort wie aus der Startpistole: „Ja.“ ... „Nein.“ ... „Wieso?“ Gerade die erstaunte Rückfrage ist denkbar. "Was hat’n das damit zu tun? Ich lauf doch nicht, um ein besserer Mensch zu sein, eher aus höchst egoistischen Motiven ...“
So Du, vielleicht.

Und bei mir? Ich brauchte nur Frau F. um ihre Meinung darüber zu befragen, ob mich mein Laufen ‚veredelt’ hätte, sie würde wahrscheinlich nichts sagen, nur mit ihrem unbeschreibbaren Blick mich ins Benehmen setzen, ich wüsste sofort Bescheid. Aber es ist auffällig, dass solche Frage immer wieder gestellt wird, in verschiedenen Ausformungen und oft von nicht laufenden Mitmenschen: „Verfügt der Läufer über eine besondere spirituelle Begabung?“ „Verhilft das Laufen zu einem geistgewirkten Bewusstsein?“ „Empfängt der langlaufende Mensch entscheidende Lebensimpulse auf einer Frequenz, die anderen nicht zugänglich ist?“ Das ist meine Lieblingsfrage. Ich muss sagen, liebe Freunde, dass meine Art, in begeisterten Tönen vom Laufen zu reden, nicht unschuldig ist an kritischen Rückfragen. Zuweilen klingen die wörtlichen Reaktionen von Mitmenschen gereizt, geradezu genervt: Ein mit mir zusammen inzwischen alt gewordener Kollege murmelt seit 25 Jahren missmutig und bei jeder Gelegenheit, dass ihm meine ‚Läuferhymnen’ und ‚laufenden Sphärengesänge’ einfach ‚auf den Senkel’ gingen: „Von F. ist nichts anderes zu hören, wenn er den Mund aufmacht. Und immer dasselbe.“

Letztere Behauptung schmerzt mich, denn nach meiner Erinnerung gab es stets neue und unterschiedliche, phantasievolle Variationen zum Thema, aus meinem Munde. Allerdings gilt auch dies: Die Wiederholung schärft den Blick für neue Gedankenwege! Das erfährt jeder Läufer auf seinem gewohnten Trainingskurs. Der Wunsch, ihn einmal ‚andersherum’ zu laufen, wird übermächtig. Und die Erfahrung, die man dann macht mit den mitlaufenden Gedanken, ist in einer geradezu bestürzenden Weise glückhaft: Dir eröffnen sich höchst verheißungsvolle Neuzuordnungen und Einschätzungen für deinen Alltag. Es ist, als würden deine Dauerläufe gewisse Schleusen entriegeln und als würden sprachlos gewordene Erinnerungen zu neuem Leben erweckt. Scheinbar höchst Gesichertes wechselt die Stellung. Der Rhythmus deines Laufschritts auf langem Atem korrigiert bei deiner Vergangenheitsarbeit sowohl die verzweifelte Selbstverurteilung wie auch den bequemen Selbstfreispruch. Als ob die Sauerstoffzufuhr es dir schwer machte, dich über dich selbst zu täuschen. So hatte es doch der englische Erweckungsprediger aus dem 19. Jahrhundert, Spurgeon, gesagt und wollte es besonders den Herren Geistlichen ins Stammbuch schreiben: Außer dem Heiligen Geist sei nichts wichtiger als die Sauerstoffaufnahme im Laufschritt.

Wisst Ihr, es gab ja schon immer die Ahnung, dass der Mensch an bestimmten Orten Gott näher sei. Wie nun, wenn solcher Ort die ‚Bewegung’ ist, das Beschreiten und Erlaufen von langen Wegen auf weitem Atem?! Wahrscheinlich heißt der ‚Wanderprediger’ so, weil er zuvor wandern muss, um hernach predigen zu können. Sieh einer an, was man alles lernen kann, wenn man Jesus zum Freund hat!

Wie steht’s nun mit dem spirituellen Lebensbeitrag des Laufens?

Seit 16 Jahren predige ich Euch mit wachsender Wonne den geheimnisvollen Zusammenhang von Lebenslauf und Läuferleben. Nie habe ich damit einen Elitestandpunkt beschreiben und vertreten wollen, als seien die Läufer an sich schon einer besonderen Kaste zugehörig, auserwählt als über der Masse der anderen schwebend, prädestiniert für eine geistige Exzellenz par excellence.

Immer nur wollte ich ihn, den Läufer, als Glückspilz beschreiben, bei dem wieder und wieder der Groschen fällt. Der spirituelle Lebensbezug des langlaufenden Menschen liegt in der Fülle und im Reichtum der Bilder begründet, die ihm beim Laufen zufallen. Bilder wie Gleichnisse, die ihm das Vertraute anschaulich machen und das Fremdartige erklären. ‚Parabeln’, so nennt man solche erzählbaren Visionen.

Zum Beispiel: „Lügen haben kurze Beine!“ Das gilt fürs Leben, wie fürs Laufen. Will sagen: Wer nichts einsetzt an Fleiß und Beharrlichkeit, wird als Verlierer dastehen, so sehr er es vertuschen mag. Aber auch so: „Glück muss man haben!“ Das heißt, selbst wenn alles getan ist, gibt es keine Garantie für den Erfolg. Vielmehr wirst du diesen immer nur als Geschenk erleben und nie stolz sein, ohne Dankbarkeit zu empfinden. Gilt dies nicht wie fürs Laufen, so auch fürs Leben?!

Oder auch die ‚Blaue Linie’ auf dem Marathonkurs: Ist sie nicht eine Parabel, eine ganze Beispielsammlung fürs Leben? Ohne dich zwanghaft zu verpflichten, Schritt für Schritt an der Blauen Linie zu kleben, weist sie dir dennoch fröhlich-ernsthaft den guten Kurs in voller Länge. Wer abkürzt ‚auf Teufel komm raus’, betrügt sich selber. Wem jedes Mittel recht ist, das Ziel schneller zu erreichen, solange es keiner merkt, disqualifiziert sich im Leben genau so wie auf dem Laufkurs. Der spirituelle Aspekt des Laufens also ergibt sich beim Laufen: Auf Schritt und Tritt fallen dir die Bilder zu, die zu Gleichnissen des Lebens werden, zu Ansprachen des Heiligen Geistes. Ja, das wage ich zu behaupten.

Wachsam musst du allerdings sein. Nicht alles, was dir einfällt, stammt ‚von oben’. Die Heilige Schrift warnt uns: „Prüfet aber alles, und das Gute behaltet!“ Es ist nämlich möglich, dass wir während des Laufens nur Müll im Kopf haben. Dann möchte mir der Heilige Geist am liebsten zuflüstern: „Feierabend ...“ – ansonsten duzt er mich –, „Feierabend, du hast jetzt lauter Mist geredet in deinem Kopf. Ändere dich!“ Denkt euch: das widerfährt mir des öfteren, beim Laufen wie auch sonst. Uner-beten, aber folgerichtig: Sonst hätte ich in den letzten Monaten mehrmals gegenüber dem Heiligen Geist einen schweren Stand. Warum? Ich machte einfach keinen guten Eindruck vor seinem Forum, weil ich beim Laufen und auch hinterher nur herumjammerte. Und nun ist es heraus: Seit längerer Zeit und bis auf Weiteres kann ich nicht mehr laufen, nicht ohne Schmerz bei jedem Schritt. Frau F.: „Wehe, du sagst darüber mehr als einen Satz. Keinen Menschen interessiert das!“ Das glaube ich ihr nie und nimmer, doch vorsichtshalber schweige ich tapfer ... Jetzt!!!

Nun aber: Wie selbstverständlich und durchaus erneuerungsbedürftig gilt unser vorjähriges: „UNITED WE RUN!“ Unabhängig von der verschiedenmöglichen Beurteilung der aktuellen politischen Lage im Verlauf der letzten 12 Monate bleibt erhalten als Lebensschatz für immer, was wir damals so deutlich gespürt hatten wie nie zuvor. Obwohl wir Teilnehmer am BERLIN-MARATHON natürlich nur ein verschwindend kleiner Teil der vom Terror betroffenen Welt waren und sind, hatten wir doch ein Wunder erlebt, ein Wunder der Menschlichkeit und Liebe, der Trauer und des Mitgefühls. Dieses Erlebnis des ort- und zeitunabhängigen Gleichklangs auf derselben Herztonfrequenz war etwas ganz und gar Überwältigendes gewesen. Wir wollten seine Unmittelbarkeit nie mehr verlieren und sie in Ehren halten, was immer in Zukunft noch auf uns einstürmen würde.

Für uns heute heißt das: Läufer sind Friedensboten und Gehilfen des Heils, ob sie wollen oder nicht. Läufer können nicht für die Rache laufen, ob sie wollen oder nicht. Indem wir laufen, leben wir solidarisch füreinander im Dienst der Versöhnung mit allen, die guten Willens sind. In einer der ehrwürdigsten Ü-berlieferungen der Bibel wird auch uns vor Augen gemalt, wie wir zu leben haben, ohne kleinliche Gelüste, aber mit Entschiedenheit auf weitem Atem: „Und Gott zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie auf richtigem Kurs zu halten, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie jederzeit laufen konnten.“

Möge es euch gut ergehen, morgen, auf dem beschwerlichen und verheißungsvollen gemeinsamen Weg !
Amen.


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