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92 Waisenkinder auf der "Viel-Arbeit-Farm"

Die zweite Karriere des früheren Läufers Kip Keino, der heute in Paris für sein soziales Engagement mit dem Fairplay-Preis ausgezeichnet wird

10.01.2003

Jahrzehntelang blieb Kipchoge Keino unbehelligt. Aber als der omnipotente kenianische Supersportfunktionär Charles Mukura von den Olympiaveranstaltern in Sydney mit 50 000 Dollar bestochen wurde, und der ganze Schwindel auch noch aufflog, schlug plötzlich wieder die Stunde des Mannes, der bei den Spielen in Mexico-City 1968 und München 1972 je zwei Gold- und Silbermedaillen gewann, über 1500 m und 3000 m Hindernis. Bis dahin war er dem Leben eines Farmers nachgegangen, und als Vizepräsident seines Nationalen Olympischen Komitees unterhielt er nur noch eine ferne Erinnerung an seine glanzvollen Tage. Besonders fiel er als der fleißigste Bettler im ostafrikanischen Land auf, auf dass die Nationalmannschaften zu den Großereignissen fliegen konnten. Im moralischen Super-Gau schlug dann seine Stunde, und auf einmal wurde die Sportwelt auch sein großes Herz gewahr. Er wurde einstimmig zum neuen Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees gewählt.

Für sein soziales Engagement wird Kipchoge, der laut Reisepass vor knapp 63 Jahren "am Krämerladen Geborene" - er selbst erzählte einmal, in Wahrheit sei er ja vier Jahre älter - am heutigen Donnerstag in Paris vom Internationalen Komitee für Fair Play mit der Willi-Daume-Plakette ausgezeichnet. "Das ist meine bis jetzt höchste Ehrung," sagt er auf seiner Farm im Hochland. "Kofi Annan soll da sein." Der Generalsekretär der Vereinten Nationen. Der Name Keino ist jetzt in aller Munde. Erst im November hatte ihn der Internationale Leichtathletik-Verband IAAF mit dem neu geschaffenen Primo-Nebiolo-Preis geschmückt. In seiner Eigenschaft als "Legende". Seitdem auch seine Haare grau geworden sind, macht der ohne Zweifel beliebteste Bürger Kenias fürwahr eine späte zweite Karriere. Richtig wiederentdeckt hat ihn der heutige Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Thomas Bach, bei einem Besuch vor ein paar Jahren. Die beiden hatten lange Zeit zusammen in der IOC-Athleten-Kommission gesessen. Aber: "Kip hat mir nie erzählt, was er da aufgebaut hat."

Das ist ein eindrucksvolles Lebenswerk. Im Augenblick ziehen seine Frau Phyllis und er 92 Waisenkinder auf. Alle sind adoptiert. "Wir sind die größte Familie Kenias," sagt er gern. Das Engagement des Ehepaares, das selbst sieben Kinder hat, begann schon Mitte der siebziger Jahre, und allein sieben der Kinder schlossen mittlerweile ein Universitätsstudium erfolgreich ab. Bachs Besuch brachte endlich eine gewisse Planungssicherheit in das soziale Unternehmen. Der IOC-Solidaritätsfonds, die Firma Daimler-Benz und der Deutsche Giro- und Sparkassenverband griffen den Keinos mit fünf- und sechsstelligen Dollarspenden unter die Arme.

Die Keinos besitzen zwar drei Farmen rund um die Provinzstadt Eldoret im Nordosten Kenias, aber trotzdem hatten sie immer von der Hand in den Mund gelebt, und sie tun es immer noch. Allein die anfallenden Schulgebühren verschlingen eine Menge Geld. Inzwischen ist die Kipkeino Primary School eingerichtet worden. Weil wohlhabendere Eltern den Unterhalt finanzieren, können die Waisen umsonst unterrichtet werden. Die Schule zählte von Anfang an zu den besten des Distrikts. Sogar 25 Computer, die Spende einer US-amerikanischen Firma, gehören zur Ausstattung.

Keinos Farmen, besonders die älteste, "Kazi Mingi", was "viel Arbeit" bedeutet, sehen jetzt viele Besucher. Der Name schmückt auch sie. In diesen Tagen hat sich der britische Botschafter angesagt, der deutsche Botschafter zählt zum Freundeskreis, im vorigen April machte der gesamte IAAF-Rat seine Aufwartung, Jacques Rogge, der neue IOC-Präsident, will im Frühjahr vorbei schauen. Seit über zwei Jahren ist der Gastgeber auch IOC-Mitglied. Bach und der holländische Prinz Willem bürgten für ihn. "Mir zitterten die Knie, als ich gewählt wurde. Ich weiß doch, wo ich her komme." Ja, als Jugendlicher, seine Mutter starb im Kindbett, hob er Latrinen und Brunnen aus, mit zwölf durfte er eine Schule besuchen, mit 16 musste er sie wieder verlassen, kein Geld. Erst als sein Lauftalent ihn in den Polizeidienst führte, hatte er die erste Stufe der Karriereleiter erwischt. Kip, wie ihn alle Welt ruft, hat aus seinem Leben etwas gemacht. In den wieder häufigeren Interviews sagt er garantiert zwei Sätze in die Mikrophone: "Wir teilen, was wir haben." Und: "Wir kommen mit nichts, und wir gehen mit nichts."

Von Robert Hartmann


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