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Das schnelle Pärchen muss auf viel Geld verzichten

Marion Jones und Tim Montgomery werden mit dem Dopingtrainer Charlie Francis nicht glücklich

30.01.2003

Für die Sportart Leichtathletik ist der angekündigte Trainerwechsel des Leichtathletik-Traumpaars Marion Jones und Tim Montgomery eine Katastrophe. Der Mann ihrer offenbar langgehegten Wünsche ist Charlie Francis, der den kanadischen Sprinter Ben Johnson zu Olympiasieg und 100-m-Weltrekord in Seoul 1988 führte. Nur einen Tag später aber war damals der ganze Schwindel mit einer positiven Dopingprobe aufgeflogen, weil der Kölner Dopingexperte Manfred Donike erstmals das Anabolikum Stanozolol enttarnen konnte. Sie waren sprachlos, er hatte sie auf dem falschen Fuß erwischt. Später entschied eine "königliche Kommission" in Toronto, ein ordentliches Gericht, den betrügerischen Betreuer lebenslang vom Sportbetrieb auszuschließen.

Es blieb unterdessen ein Schlupfloch, an das offenbar niemand dachte. Francis überhaupt von allen Wirkungsstätten dieser Erde auszuschließen, war niemandem eingefallen. Das Sprinterpärchen verstieß gegen keine Rechtsvorschrift, und ihr Manager Charlie Wells sagte gegenüber der britischen "Times": "Jeder fühlt sich großartig dabei." Das tolle Gefühl hielt allerdings nicht lange an. Alle Beteiligten mussten es geahnt haben, dass nach der Veröffentlichung des Unerhörten ein Donnerwetter über sie herein brechen würde. Weshalb hätten sie sonst versuchen sollen, die unbekannte Figur Derek Hansen als Strohmann vorzuschieben!

Welche Absichten trieb das Paar eigentlich in die Arme von "Charlie, den Chemiker"? Es war irgendwann im Sommer, als Marion Jones ankündigte, den 100-m-Weltrekord ihrer inzwischen mit 38 Jahren verstorbenen Landsfrau Florence Griffith-Joyner aus dem gleichen Sommer der Betrüger, nämlich 1988, brechen zu wollen. Deren 10,49 Sekunden waren bisher von den Leistungen ihrer Nachfolgerinnen so weit entfernt wie die Erde vom Mond. Reimt sich jetzt alles zusammen, war sie nicht schon im zarten Alter von 16 Jahren wegen Dopings gesperrt gewesen, woraufhin sie sich dem Basketball zuwandte?

Die Frage nach den Trainer-Qualitäten von Francis wartet noch auf eine Antwort. Schon vor dem Super-Gau war er sie schuldig geblieben, Athleten ohne Dopingunterstützung auch nur in die Nähe der Weltklasse führen zu können. Eigentümlicherweise veröffentlicht Francis in der Doping-Zeitschrift "Testosterone-Magazine" regelmäßige Beiträge. Früher hatte er sich gebrüstet, all sein geheimes Spezialwissen von Kollegen aus der DDR-Leichtathletik bezogen zu haben. Davon lebte er.

Auch bei Francis neuen Schützlingen laden Erfolge zum Vergessen ein. Sie fließen bei ihren öffentlichen Auftritten über vor Charme, und wo immer Marion Jones zusammen mit anderen Leichtathletik-Größen dem Publikum vorgestellt wurde, erhielt sie den meisten Beifall eines hingerissenen Publikums. Drei Olympiasiege, vier Weltmeistertitel bildeten die glanzvolle Grundlage.

Aus dem Sinn geriet auch die kurze Ehe mit dem Kugelstoß-Weltmeister von Sevilla 1999, C. J. Hunter, einem massigen Mann von 140 kg, der gleich wegen viermaligen Hormondopings kurz vor den Spielen in Sydney 2000 vom Wettkampf ausgeschlossen wurde. Vor einem Jahr trennten sie sich, und als Tim Montgomery am 14. September in Paris ausgerechnet Ben Johnsons Seouler Zeit von 9,78 Sekunden exakt einstellte und damit neuer Weltrekordler war, machten sie ihre neue Verbindung offiziell.

Plötzlich sind die Zeiten härter geworden. Schon vor dem ersten Startschuss in die kurze Hallensaison weht dem schnellsten Paar der Welt eine steife Brise ins Gesicht. Ihre Startforderungen, die ein europäischer Veranstalter kürzlich preisgab, belaufen sich derzeit auf zusammen 140 000 Dollar. Keiner will sie zahlen. Der Pressesprecher Nick Davies vom Weltdachverband bedauerte, dass ihm juristisch die Hände gebunden seien, sprach aber von einem "ethischen Blickpunkt". Wenigstens scheint man sich höheren Orts schon mal auf einen Liebesentzug geeinigt zu haben.

Vier der Veranstalter der sechs Golden-League-Meetings, der Crème somit, haben schon angekündigt, die beiden zu boykottieren. Sie tun jetzt sehr scheinheilig. Als bei ihnen vor der Saison 2001 zur Abstimmung stand, ob sie Kontrollen auf das Blutdopingmittel Erythropoietin, EPO, einführen sollten, verweigerte sich die Mehrheit. Allein Paris tanzte eigenmächtig aus der Reihe und überführte prompt die russische Langstrecklerin Olga Jegorowa. Leider hatte man ihr nur Blut abgezapft, jedoch keinen Urin eingesammelt, wie es Vorschrift war. Aber in 2002 war die EPO-Kontrolle endlich Standard, und in Zürich ging dann der Marokkaner Brahim Boulami ins Netz, gleich nach dem ganz schnell wieder kassierten Fabelweltrekord von 7:53,17 Minuten über 3000 m Hindernis.

Wie wird es weiter gehen? Die Golden-League lädt ein, den Start einzuklagen, wird schwer werden. Es bleibt abzuwarten und eine spannende Frage, ob allein die Hinweise auf Moral, gute Sitten und Fairplay tatsächlich das prominente und eigentlich unverzichtbare Pärchen von den Stadien fernhalten werden. An der Antwort können die Funktionäre nun ein paar Monate lang herum basteln.

Von Robert Hartmann


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