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Det kann doch nicht der Sieger sein ! ...

Wie Günter Hallas der Champion des 1. BERLIN-MARATHON wurde.

08.02.2003

40 YEARS OF RACING HISTORY
20 Jahre Frauenlauf - 30 Jahre BERLIN-MARATHON - 40 Jahre Berliner Crosslauf
Teil 2 unseres Griffes in die "Geschichtskiste" der Entwicklung des Laufens in Berlin.

"Da muß ich aber tief und lange wühlen, bis ich da noch was finde" war die Antwort am Telefon von Günter Hallas. Es ging um ein Treffen des Siegers vom 1. Berliner Volksmarathon - so hieß dieser Lauf damals offiziell - vom 13. Oktober 1974 mit dem Veranstalter. Tatsächlich erschien dann Günter Hallas zum Treffen mit einem dicken Kuvert und vielen Erinnerungsstücken an seinen ersten Sieg, Zeitungsausschnitten, Bildern und in einer Plastiktüte die alten abgelatschten Puma-Schuhe von damals.

"Hat alles meine Frau gefunden" so sein kurzer Kommentar. Zu seiner eigenen Überraschung war die Sieger-Urkunde mit der Unterschrift des Veranstalters dabei - "die sehe ich jetzt nach 29 Jahren auch wieder zum ersten Mal". Auch ein Bild "nicht ganz scharf" war dabei. Es zeigt Günter Hallas auf der Straße vor dem Mommsenstadion, links winkt ihm Dieter Weiß zu, dahinter ein Läufer vom BSV 92.

"Das muß nach der ersten Runde sein, da lache ich noch" erinnert sich Günter Hallas, denn zum Schluß, da war nichts mehr mit Lachen. Günter Hallas (18.01.1942), geborener Spandauer, war Postzusteller und beim TSV Siemensstadt zu Hause, lief aber offiziell für die LG Nord. Zum Laufen kam er über Umwege, er wollte als Sechzehnjähriger das Sportabzeichen machen, scheiterte aber am 100 m Lauf. Erst als 18-Jähriger schaffte er dann das Sportabzeichen, weil er auf die 400 m ausweichen konnte. Herbert Pulver, das damalige Leichtathletik-Original vom TSV brachte ihn auf diesen Weg.

Er trainierte dann bei Helmut Klafki am Dienstag und Freitag - Sonntags lief er bei Volksläufen mit. "Ali" wie ihn auch seine Freunde wegen seines etwas dunkelhäutigen Aussehens nannten, lief als Vorbereitung auf den 1. Berliner Volksmarathon des SCC einmal vor dem Marathon 20 - 25 km, das war es dann. "Den Rest bis 42 km kannste auch noch so schaffen" war die optimistische Prognose für die Lauf-Premiere.

Er kam auf 50 Kilometer, max. 60 Kilometer die Woche (3-4 x die Woche "etwa 10 - 15 km Trainingseinheiten"). "Det haben mir die SCCer nie gegloobt" sagt er. Eingeladen hat er sie, immer mit ihm zu trainieren, aber gekommen ist keiner. Einmal ist er die Woche mal insgesamt 101 km gelaufen - "aber nur einmal und nie wieder".

Auf dem Startbild des 1. Berliner Volksmarathon in der Waldschulallee 80 ist Günter Hallas (Startnummer 37) nicht zu erkennen, das sollte sich schnell ändern, denn er lief bald an die Spitze. Ab Kilometer 10 lag er vorne, an der Verpflegungsständen lief er meistens vorbei "bloß keine Zeit verlieren, man muß ja weiterrennen" so sein Kommentar. Eine Salztablette habe er genommen mit einem Glas Wasser (gehörte 1974 zur offiziellen Verpflegung) - und warme Brühe im Ziel!.

Zum Lachen war ihm auf der zweiten Runde überhaupt nicht mehr. In der Nähe des Auerbachtunnels (bei 39 km/40km) an der AVUS ging es ihm so schlecht, daß er sich an den Zaun hing und aufhören wollte. Ein einsamer Zuschauer ermunterte und überredete ihn dann noch, sein Vorsprung gegenüber dem Zweiten war so groß: "Das schaffste noch !"

Günter Hallas schaffte es tatsächlich noch, aber der Ausruf eines Zuschauers hat er heute noch im Ohr: "Det kann noch nicht der Sieger sein!" - so langsam und abgekämpft kam er nach 2:44:53 ins Ziel am Mommsenstadion vor Rudolf Breuer (SV Helios) 2: 46:43 3. Günter Olbrich (Polizei SV) 2:48:08 4. Dieter Daubermann 2:48:40 5. Dieter Sickert 2:49:01 6. Clifford Lewitz (USA) 2:49:42

Siegerin bei den Frauen wurde Jutta von Haase (LG Süd) in 3:22:01 vor Elfriede Kayser (SC Helios) 4:03:50 Von 286 Teilnehmern kamen 244 ins Ziel, letzte Zielzeit: 5:55:00

Weitere Ergebnisse siehe im Internet unter "Ergebnisse 1974"

"Nur wenige Ausfälle beim Volks-Marathon" war die Überschrift tags darauf im Spandauer Volksblatt - "Zu einem großen Erfolg wurde der erste Berliner Volksmarathonlauf des SCC" kommentierte die Zeitung Berliner Morgenpost, wie auf dem Ausschnitt nachzulesen ist.

Günter Hallas wurde beim 2. BERLIN-MARATHON im Jahr darauf nur Zehnter in 2:52:00 - "da war ich übertrainiert", erinnert er sich. Seine Startnummer ist die "425" als Mitglied des BERLIN-MARATHON-Jubilee-Clubs. Er liegt mit 27 Teilnahmen zusammen mit Wilfried Köhnke an zweiter Stelle der Rangliste des Jubilee-Clubs hinter Bernd Hübner (29 x). Einmal fehlte er beim BERLIN-MARATHON wegen Krankheit und einmal startete er zeitgleich beim Schwarzwald-Marathon.

Die Zahl von 30 Teilnahmen will er noch schaffen, "aber es fällt immer schwerer - 2002 bin ich noch 3:18:00 gelaufen - in diesem Jahr müßte 3:20:00 drin sein"! Er wiegt jetzt 61 kg, "damals 57/58 kg" - bei den Wettkämpfen habe er immer verhungert ausgesehen, deswegen wurde ihm empfohlen Eisbein zu essen und zwar insbesondere das Fett. Was er wohl auch dann gemacht hat - aber diese Hinweise sollten heute die Leser/Läufer nicht unbedingt als Trainings- oder Wettkampfempfehlung für heute ansehen.

Seine Bestzeiten sind über 10.000 m 33:00:00 (1976), Halbmarathon: 1:13:00 und 25 km 1:27:00, Marathon 2:35:00, seine beste Zeit beim BERLIN-MARATHON war 2:38:28. An 81 Marathonläufen beteiligte er sich, so u.a. in New York, Vancouver, Hawaii, Lissabon Hamburg und ... Spandau. So außergewöhnlich ist sein Sieg 1974 beim BERLIN-MARATHON nun auch wieder nicht, er wurde auch Sieger beim Wolfsburg-Marathon und in Malmö (2:35:00).

Der ruhig und zurückhaltende "Ali" hat den Schalk schon im Nacken, wenn er von der Familie erzählt, die an der Strecke mit Frau, Kindern und Enkelin an die Strecke postiert sind und "den Opa" anfeuern, wobei die Ehefrau "mit Laufen überhaupt nichts am Hute hat", ihn aber zum Laufen schickt. "Renn mal, geh bloß mal ne Runde laufen, dann siehste wieder besser aus" sagt sie zu ihm, wenn ihm zu Hause die Decke auf den Kopf fällt.

Günter Hallas, der Champion von 1974, ist ein knorriger und gestandener Läufer von altem Schrot und Korn mit seinem ureigenem Humor und blitzenden Augen. Er kann Vorbild für die heutige Läufergeneration sein, wie man mit Laufen Beruf, Leben und Familie meistern kann - und dabei das Laufen auch nicht als todernste Angelegenheit ansieht. Zeittabellen, Ernährungs- und Diäthinweise, Trainingslager, integrierte Laufschuhmodelle, Laufstrategien und wissenschaftliche Vorbereitungen auf den Lauftag X - das gehörte nicht in die Laufwelt von 1974 ff. (Wer der Läufer mit dem schwarzen C auf der Brust ist, kann im BERLIN-MARATHON Forum nachgelesen werden).

Die Organisatoren vom real,- BERLIN-MARATHON freuen sich, daß der "Champion 1974" mit der grünen Startnummer "425" weiterhin dabei ist.

Horst Milde


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