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Robert Hartmann zur Situation der deutschen Leichtathletik

17.02.2003

Am gestrigen Samstagnachmittag sollte in der Sportart Leichtathletik nicht weniger als eine Wiedergeburt stattfinden. Endlich gab es auch den Europapokal unterm Hallendach, 38 Jahre nach der Premiere unterm freien Himmel. Das besonders von den Funktionären herbei gesehnte Ereignis ging in der hochmodernen Leipzig-Arena über die Bühne, vor ausverkauftem Haus, betont zuschauerfreundlich konzipiert. Die Deutschen sollten es wieder einmal richten, wie so oft, wenn Neues eingeführt wird. Und man bedenke, schon nach zweieinhalb Stunden und 19 Wettbewerben standen mit den Spaniern und den Russinnen die Sieger fest, denen die Deutschen stehenden Fußes folgten.

Die gute Laune der rund viertausend Zuschauer erinnerte an die erst fünf Monate zurück liegenden wunderbaren Europameisterschaften in München, als die olympische Kernsportart den ständigen Regenschauern zum Trotz ihr vorerst letztes stimmungsvoll-heiteres Fest feierte. Für die Gastgeber hatte es viele Medaillen geben, jedoch nur zwei Siege, und wer sich nicht betören lassen wollte, setzte damals schon bei der Schlussfeier seine rosarote Brille schnell wieder ab. Im Weltstandard hatte es einen Rückschritt gegeben.

Wichtig für alle Sportarten ist ihre Darstellung in den Medien geworden, besonders in den elektronischen. Die Leichtathleten mussten es jetzt als ein Menetekel ansehen, dass sogar ihr Europapokal in die Dritten ARD-Programme abgeschoben wurde, während das ZDF an seinem Sportnachmittag zur gleichen Zeit lieber Wettkämpfe vom Biathlon, der Nordischen Kombination und dem Eisschnellaufen live übertrug.

Es ist ja richtig, dass die Einschaltquoten der Leichtathleten bei den Groß- und Staatsaktionen wie Europa- und Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen immer wieder mit Rekordergebnissen verblüffen. Aber es stimmt auch, dass das Interesse bei den nachgeordneten Veranstaltungen inzwischen dramatisch abfällt. Dieser Entwicklung tragen die Fernsehmacher gnadenlos Rechnung. Der Grund mag darin liegen, dass die Leichtathletik unter einem spürbaren Schwund an Stars und Publikumslieblingen leidet.

Das hat auch viel zu tun mit den doch gut greifenden weltweiten Dopingkontrollen. Nur wer dopt, kann seine Leistungen punktgenau abrufen. Dagegen sind sozusagen "saubere" Athleten sehr schwankungsanfällig, wie es nun einmal die menschliche Natur ist. Nun ist die Zeit der Rekordjagden weitgehend vorbei. Die Rekorde sind fest zementiert und gerade bei den Frauen ist es sogar völlig utopisch geworden, sie wieder zu erreichen. Die heutige Athleten-Generation ist die dumme. Als Individualisten, deren Leistungen strikt mit Stoppuhr und Bandmaß gemessen werden, tun sie sich überdies schwerer als Mannschaftssportler, Tennisspieler oder etwa Skisportler, die im Gelände gegeneinander antreten.

Speziell für Deutschland gilt es festzustellen, dass das DDR-Erbe mit seinem staatlicherseits alimentierten Spitzensport 13 Jahre nach der Wende heute so gut wie aufgebraucht ist. Könner wie Grit Breuer, Heike Drechsler und Lars Riedel sind über dreißig oder nähern sich schon den vierzig. Sie haben keine Nachfolger gefunden. Die von Sportpolitikern freudig begrüßte Einführung sportbetonter Schulen hat zumindest bis jetzt noch keine Früchte getragen. Die Befürchtung wächst, dass sich diese Einrichtung nicht spürbar in späteren deutschen Medaillengewinnen niederschlagen wird. Bei den Junioren-Weltmeisterschaften 2002 wurde mit der mageren Ausbeute von einmal Gold und einmal Bronze das bisher schlechteste Abschneiden festgestellt. Es war ein Schock.

Die Leichtathletik befindet sich auf einer schiefen Ebene, und das liegt auch daran, dass sie an ihrer Vergangenheit so schwer zu tragen hat.


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