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Rückblick 1. Internationaler Ausdauer- und Sportmedizinkongress 2002

18.02.2003

Sie finden diesen Rückblick und alle Abstracts der Vortragenden auch auf der offiziellen Webseite des Kongresses unter congress.berlin-marathon.com

Am 26.-29. Oktober 2002 fand in Berlin der 1. Internationale Ausdauer- und Sportmedizinkongress statt, welcher zum Berlin-Marathon - im Jahr 2002 mit über 40.000 Teilnehmern eine der weltweit größten Veranstaltungen dieser Art - initiiert wurde. Der Kongress soll zukünftig einerseits als ein wissenschaftliches Diskussionsforum etabliert werden, andererseits die notwendige sportmedizinische Weiterbildung klinischer und niedergelassener Kollegen ermöglichen.

Auf Letzteres verwies auch W. Heepe, Medizinischer Direktor des Berlin-Marathon in seinem Eröffnungsreferat. Seine Aussage, dass die deutsche Gesellschaft derzeit dem "kinetischen Nullpunkt" zustrebt, verknüpfte er mit der Forderung, jeder Arzt müsse zukünftig in der Lage sein, "präzise körperliche Aktivität in Intensität und Dauer individuell zu verordnen".

Die Notwendigkeit einer individuellen Belastungssteuerung stützte C. Bouchard, Pennington Biomedical Research Center und Louisiana State University, Baton Rouge, USA, in seinem Übersichtsvortrag "The Role of Genes in the Influence of Regular Exercise on Health and Performance". Er verwies auf die vor allem durch die "HERITAGE Family Study" gewonnenen Erkenntnisse, dass eine familiäre Aggregation bezüglich der Adaptationskapazität besteht. Nach dem derzeitigen Wissensstand sollen mindestens 50 % der belastungsinduzierten Antwortvarianz genetisch bedingt sein.

K. Kinkel - zum Zeitpunkt des Kongresses noch stellvertretender Vorsitzender der FDP-Bundestagsfraktion und Mitglied des Sportausschusses des Deutschen Bundestages - referierte über den Stellenwert der Präventiv-und Sportmedizin in einer immobilen Gesellschaft. Er forderte insbesondere wissenschaftliche Untersuchungen zur Situation im Schulsport sowie Interventionen auf diesem Gebiet ein. Ein besonderes Anliegen war Kinkel jedoch die zukünftige Förderung körperlich und geistig behinderter Menschen auch auf dem Gebiet der körperlichen Aktivität.

R. Wolff, Abt. Sportmedizin der Humboldt-Universität zu Berlin, sprach in seinem Übersichtsreferat "Sportlerversorgung in der Orthopädie - Wunsch und Wirklichkeit" die Probleme der praktischen Betreuung an, in welcher biologische Gesetzmäßigkeiten wie z.B. Heilungsdauer sowie naturwissenschaftliche Kriterien in der Beurteilung von Therapien und prophylaktischen Maßnahmen (z.B. Dehnung) oftmals missachtet werden.

W. Noack, Berlin, hinterfragte ebenfalls so genannte Wunderheilungen in der Sportmedizin, welche oftmals auf falschen Ausgangsdiagnosen beruhen. P. Hertel, Berlin, stellte die aktuellen chirurgischen Therapieverfahren in der Behandlung von Knorpelschäden des Kniegelenkes dar. Hierbei ging er auf die Notwendigkeit von Entlastung und Bewegung in der Nachbehandlung von Verfahren wie Abrasionsarthroplastik und Mikrofrakturierung beides Methoden der Faserknorpelregeneration ein. Derzeit besteht jedoch noch kein Konsens darüber, ob die osteochondrale Transplantation und die autologe Chondrocytentransplantation gegenüber den Faserknorpelmethoden ein besseres, schnelleres, sinnvolleres oder ökonomischeres Verfahren darstellen.

G.-P. Brüggemann, Deutsche Sporthochschule Köln, führte in die biomechanischen Belastungsmodelle der unteren Extremität ein. Hierbei hinterfragte er die aktuellen Vorstellungen von ursächlichen Zusammenhängen zwischen einer defizitären skelettären Ausrichtung sowie der Impactkraft beim Fußaufsatz mit akuten oder chronischen Verletzungen. Insbesondere das Konzept der Dämpfung von Laufschuhen sollte überdacht werden. Derartige technische Ableitungen in der Sportschuhkonstruktion wurden auch von B. Segesser, Basel, Schweiz, bezüglich der Verletzungen im Bereich der Achillessehne und des oberen Sprunggelenkes in Frage gestellt.

Elisabeth Steinhagen-Thiessen, Charité, Berlin, stellte die Notwendigkeit einer Reduktion des LDL-Cholesterins in der Primär- und Sekundärprävention arteriosklerotischer Erkrankungen heraus. Hierbei ist neben einer medikamentösen lipidsenkenden Therapie eine Lebensstiländerung mit Ernährungsumstellung und körperlicher Aktivität erforderlich. Chronische, aber auch isolierte körperliche Belastungen, führen zu einer quantitativen als auch qualitativen Veränderung spezifischer Lipoprotein-Unterklassen.

A. Berg, Freiburg, wies insbesondere auf die trainingsinduzierte Aktivitätssteigerung der Lipoproteinlipase im Muskel und Gefäßbett als auch der hormonsensitiven Lipase im Fettgewebe hin. Dies spielt neben der Hemmung der hepatischen Lipase eine Schlüsselrolle in der Senkung z.B. von small dense LDL-Partikeln und in der Umwandlung von HDL3 zu HDL2. Zielrichtung einer Intervention sollte primär jedoch nicht die Steigerung der körperlichen Fitness, sondern eine Erhöhung des Energieumsatzes sein, da trotzt fehlender Verbesserung der Leistungsfähigkeit signifikante Veränderungen atherogener Risikofaktoren nachgewiesen werden konnten.

G. Predel, Deutsche Sporthochschule Köln, wies auf das therapeutische Potential von körperlicher Aktivität beim arteriellen Hypertonus hin. Metaanalytische Betrachtungen ergaben antihypertensive Effekte durch einen zusätzlichen aeroben Kalorienverbrauch von 2.000 kcal, welche in der Größenordnung von Pharmaka liegen. Die Senkung des Blutdrucks betrug systolisch 8,1 diastolisch 6,2 mm Hg sowie des belastungsinduzierten maximalen Blutdrucks 7,6 mm Hg, wobei 80 % der Absenkung bereits nach 8 Wochen erzielt wurde.

W. Kindermann, Universität Saarbrücken, verwies auf die Beachtung der Beeinflussung der Leistungsfähigkeit beim sporttreibenden Hypertoniker. Kalziumantagonisten, ACEHemmer und AT1-Blocker verhalten sich stoffwechselneutral und beeinflussen Energiebereitstellung sowie Leistungsfähigkeit nicht. Obwohl Betablocker als effektivste Substanzgruppe hinsichtlich der Senkung des Belastungsblutdruckes anzusehen sind, sollten beim körperlich aktiven Hypertoniker lediglich Kombinationspräparate mit niedrig dosierten Beta-1-selektiven Blockern Verwendung finden.

H.-H. Dickhuth, Freiburg, referierte über die Differentialdiagnostik der physiologischen und pathologischen Herzhypertrophie. Nach einem geschichtlichen Überblick wies er auf die bekannte harmonische Herzvergrößerung als Merkmal der physiologischen Herzvergrößerung sowie deren mögliche Rückbildung nach Reduktion der körperlichen Aktivität hin. Besondere differentialdiagnostische Schwierigkeiten ergeben sich immer dann, wenn neben einer physiologischen auch eine pathologische Hypertrophie aufgrund anderer Veränderungen möglich sei. In 70-90 % der Fälle ergebe sich jedoch aufgrund der nicht-invasiven diagnostischen Möglichkeiten eine eindeutige Diagnose.

L. Röcker, Berlin, forderte insbesondere die Beachtung präanalytischer Einflussfaktoren - hierzu zählt auch die körperliche Belastung - bei der Beurteilung von Laborparametern. Beispielhaft stellte er den derzeitigen Goldstandard in der Diagnostik des Eisenhaushaltes vor. Als derzeit bester Indikator gilt der lösliche Transferrin-Rezeptor sowie der Transferrinrezeptor- Index, welcher sich aus dem Quotienten von löslichem Transferrin-Rezeptor zu Ferritinkonzentration ableitet.

Einen Themenschwerpunkt stellte die Herzfrequenzvariabilität (HRV) sowie deren Nutzbarkeit in der Belastungsteuerung dar. Andrea Horn, Bochum, wurde für ihre Arbeit "Determinanten der Herzfrequenzvariabilität in Ruhe" als Nachwuchswissenschaftlerin geehrt. Sie konnte an 84 Männern und 51 Frauen den Einfluss von Herzfrequenz und Lebensalter auf die HRV nachweisen, während das Geschlecht nur die kardiovagale Aktivität determinierte. Relatives Körpergewicht und Ausdauerleistungsfähigkeit verhielten sich unabhängig.

Nach A. Schmidt-Trucksäss, Freiburg, weisen andere Studien jedoch einen positiven Zusammenhang zwischen HRV und Ausdauerleistungsfähigkeit auf. Physiologische Grundlagen, den klinischen Nutzen sowie methodische Standards stellte die Abteilung des leider erkrankten M. Malik, St. George.s Hospital, London, vor. Neuere Parameter für das kardiale Risikoscreening nach Myokardinfarkt, wie z.B. die Heart Rate Turbulence, weisen neben der linksventrikulären Ejektionsfraktion die größte Aussagekraft bezüglich der Endpunkte auf.

Dies wurde durch H. Löllgen, Klinikum Remscheid, bezüglich der klinischen Relevanz durch weitere Verfahren der kardialen Diagnostik ergänzt, wobei er auch auf die kardiale Beanspruchung im Ausdauersport einging.

Laut L. Brechtel, Humboldt-Universität zu Berlin, ist aber eine Anwendung von HRV-Parametern zur Trainings- und Belastbarkeitssteuerung derzeit noch nicht ausreichend wissenschaftlich begründet. Insbesondere die Beeinflussung durch Atmung, Thoraxexkursionen und Blutdruckmodulation, welche via zentralnervöser Netzwerke die HRV wesentlich bedingen sowie die unkritische Anwendung von frequenzbasierten Methoden wird in den vorliegenden Studien derzeit nicht ausreichend berücksichtigt. Eigene Befunde während der Entwicklung eines Überbelastungszustandes weisen für die HRV in Ruhe und die Reaktionsmuster nach Orthostase sowie für die Baroreflexsensitivität nur kurzfristige Veränderungen auf, welche sich nach 2 Wochen trotz anhaltender Überlastungssymptomatik wieder normalisierten.

Alle Referenten dieses Themenschwerpunktes waren sich einig, dass die derzeit unkritische Anwendung im Trainingsalltag im Gegensatz zu kardiologischen Indikationsgebieten dringend weitere kontrollierte Studien erfordert.

Epidemiologische Daten von 1.540 Teilnehmern der Berlin-Marathons stellte L. Brechtel, Berlin, vor, wobei sich ein nicht ausreichendes Problembewusstsein der Läufer bezüglich der gesundheitlichen Risiken ergab. Symptome im Sinne eines "Übertrainings" gaben 38,2 % der Befragten an, wobei die genannten subjektiven Ursachen (Trainingsgestaltung, Regenerationsmangel, psychosozialer und beruflicher Stress) nicht durch die objektiv erhobenen Daten der Trainingsanamnese und der Schlafdauer bestätigt werden konnten. Nur 24,4 % der im Mittel 40-jährigen Läufer konnten ein Belastungs-EKG innerhalb der letzten 12 Monate nachweisen. Die Flüssigkeitsaufnahme während des Marathonrennens war bei 61 % der Befragten defizitär. 7 Läufer starteten mit einem akutem Infekt, 10 beendeten den Lauf sogar mit Symptomen aufgrund einer möglichen kardialen Genese.

Auch K.-M. Braumann, Universität Hamburg, referierte eine Vielzahl von potentiellen "Nebenwirkungen" eines Ausdauertrainings. Als nichttraumatische Schädigungsmöglichkeit wird neben den Elektrolyt- und Eisenhaushaltstörungen bzw. Anämien eine erhöhte Infektanfälligkeit beobachtet. Des weiteren kann es zu einer belastungsinduzierten "postexercise Migraine" sowie zu Nierenfunktionsstörungen nach Einnahme von nichtsteroidalen Antiphlogistika bei gleichzeitiger Dehydratation kommen, welche im Extremfall eine kurzzeitige Dialysepflichtigkeit bedingen können.

Die Veränderungen der Immunreaktion durch Ausdauersport betrachtete G. Uhlenbruck, Köln, unter dem Gesichtspunkt der unterschiedlichen Reaktionen von Respondern und Non-Respondern bzw. der Abhängigkeit der Interleukin 6-Antwort von der Muskelfaserzusammensetzung. Hierbei betrachtete er die Muskelzelle als "Immunzelle", welche via muskulärem Gewebestress anti-inflammatorisch auch auf andere Organe wirkt.

Weitere Übersichtsreferate hielten T. Meyer, Saarbrücken, zum Thema "Schwellenkonzepte in de Leistungsdiagnostik und ihre Praxisrelevanz" und D. Herold vom Allergiezentrum Westend, Berlin, über "Dermatologie und Sport: Sport-assoziierte Belastungen der Haut: Erkennung, Behandlung und Prävention" sowie D. Böning, Berlin, über "Ausdauersport: Höhentraining - was ist gesichert?"

Der Samstag war der Sporternährung mit den Referenten M. Hamm, Hamburg, Sandra Kluge, Berliner Akademie für Sportmedizin, T. Albers, BSA-Akademie, Mandelbachtal und G. Strobel, Freie Universität Berlin vorbehalten, wobei neben praxisrelevanten Aussagen insbesondere die kritische Hinterfragung vieler Sporternährungsprodukte auf Grundlage einer "evidence- based medicine" im Vordergrund stand.

Letzteres wurde auch von N. Worm, Berg, zu Kongressbeginn bezüglich der Ernährungsumstellung bei Herz-Kreislauf- Erkrankungen gefordert. Neben einer Postersession wurden vor allem die 14 verschiedenen Workshops zu praxisbezogenen Themen wie Leistungsdiagnostik, Belastungssteuerung, Diabetes bzw. Asthma und Sport, Notfälle beim Sport und Erstbehandlung von Verletzungen, Biomechanik des Laufens, Sportschuhforschung, Physiotherapie, Tapen etc. von den Teilnehmern stark frequentiert.

Als Fazit kann der 1. Internationale Ausdauer- und Sportmedizinkongress mit nahezu 700 Teilnehmern an 3 Tagen als wegweisende Veranstaltung bezüglich einer Verzahnung zwischen universitärer und praxisorientierter Sportmedizin angesehen werden. Aufgrund der sehr gut besuchten Veranstaltung soll der Kongress zukünftig alle 2 Jahre im Umfeld des Berlin-Marathon stattfinden.

Wir danken unseren Partnern Pfizer, Gatorade, Takeda Pharma, Berlin-Chemie, GlaxoSmithKline und Jaeger, ohne deren Unterstützung eine derartige Veranstaltung nicht möglich gewesen wäre.

2002 Brechtel - L. Brechtel, Berlin, Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin - Jahrgang 53, Nr 11


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