42. BMW BERLIN-MARATHON am 27. September 2015

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Marathon-Sieg mit Seltenheitswert

Der Doppelschlag der Bochröders beim 2. BERLIN-MARATHON 1975

25.03.2003

40 YEARS OF RACING HISTORY
20 Jahre Frauenlauf – 30 Jahre BERLIN-MARATHON – 40 Jahre Berliner Cross-Country Lauf
Teil 3 unseres Griffes in die “Geschichtskiste“ der Entwicklung des Laufens in Berlin.

Am 28. September 1975 gab es beim 2. BERLINER VOLKSMARATHON, so hieß der heutige real,- BERLIN-MARATHON in den ersten beiden Jahren noch, für einen Marathon eine ganz seltene Sieger-Konstellation. Bei den Frauen hieß die Siegerin Bochröder und auch bei den Männern hieß der Sieger ebenfalls Bochröder – nicht nur eine zufällige Namensgleichheit, sondern noch viel seltener: Ein Ehepaar!

In der Ergebnisliste von 1975 ist als statistische Überschrift zu lesen:
Wendepunktstrecke, 2 Runden, Start und Ziel im SCC-Mommsenstadion.
Wetter: 18 Grad C, starker Wind – Startzeit: 9.00 Uhr 325 Meldungen aus 4 Nationen – im Ziel 235 Athleten (davon 4 Frauen).

Im Gegensatz zum Vorjahr (1974) war die Startlinie nicht mehr in der Waldschulallee 80 gelegen, sondern direkt im Mommsenstadion. Auch das Ziel war jetzt im Stadion und nicht mehr vor dem Stadion.

Gleich als erstes erfährt man heute von der Siegerin von 1975: Ich muß gleich mal zwei Fehler korrigieren, die sich über 28 Jahre erhalten haben – ich heiße "Kristin" mit "K" (aus dem Skandinavischen) und war nie im Leben in einem Verein (also auch nicht im OSC, wie in der Ergebnisliste ausgewiesen!).

Kristin Bochröder (6.05.1941) – vereinslos – und beruflich Rechtpflegerin im gehobenem Dienst am Amtsgericht Schöneberg - war ein “untypischer Fall“, wie sie selbst sagt. Aber sie ist eine Art “Vorläuferin“ geworden für den heute langsamen und stetigen wachsenden Erfolg des Frauenlaufes. 1974 nahm sie, initiiert von Manfred Steffny an einer Reisegruppe teil, der gesagt haben soll, “in Boston laufen die Omas mit ihren Enkeln 3,5 Stunden“, sodaß er sicher war, daß sie in Boston antreten und mitlaufen könnte. Es gab dort aber Qualifikationszeiten, die Kristin natürlich nicht hatte. So wurde eine 25 km “Schätzzeit“ angegeben. Unter 42 angetretenen Läuferinnen in Boston 1974 “war sie die einzige Gesundheitssportlerin“, die dann 4:28:00 lief. Christa Vahlensieck wurde Zweite in 2:53:00, damals noch unter dem Namen Kofferschläger.

Als Vorbereitung lief Kristin max. 3-mal etwa 10 Kilometer die Woche – einmal 2 Stunden ganz langsam –“das halte ich auch dann noch länger aus“, war ihre Devise. Bis zum Halbmarathon in Boston “wäre sie geflogen – dann aber hätte sie “gestanden“! Tags danach ist sie die Treppen rückwärts runtergegangen. Ihr Mann Ralf erzählte noch von Boston die Story, daß er am Ziel war (nach seinem Lauf) und auf sie lange wartete, bis er Angst bekam und zum Kampfgericht ging. Die beruhigten ihn - im Hotelzimmer fand er dann Kristin schon schlafend im Bett.

Im Oktober 1974 beteiligte sie sich mit 4:48:00 am Marathon in Athen (insgesamt 700 Teilnehmer) – der erste Marathon in Athen, an dem Frauen teilnahmen. Das war so außergewöhnlich, daß die wenigen Frauen mit einem Begleitschutz-Motorrad der Polizei ins Stadion einliefen. Von ihrem Mann Ralf wurde sie im übrigens zum Gesundheitssport animiert. Vor dem 2. BERLIN-MARATHON startete sie noch im Mai 1975 in Wolfsburg – mit Gehpausen - und lief 3:55:00. Unter den 325 Teilnehmern in Berlin fielen die 4 Frauen natürlich überhaupt nicht auf. Vor ihr lief keine(r), hinter ihr keine(r) – “ich habe nicht gewußt an welcher Stelle ich liege“ – erst kurz vor dem Mommsenstadion rief ihr jemand zu, daß sie die erste Frau sei. Sie litt unter Seitenstichen und wollte bei der relativ warmen Witterung nur unter 4 Stunden laufen – mit 3:59:15 hat sie das auch knapp und glänzend bewältigt.

Sie sagt von sich, daß sie von Hause aus überhaupt nicht sportlich gewesen sei. Als Kind lag sie mit Lungen-TBC ein Jahr lang im Krankenhaus und dann danach ein Jahr zu Hause im Bett. Sie hat demnach wirklich körperlich und gesundheitlich von Null an angefangen und kann tatsächlich als Musterbeispiel gelten, wie man durch Sport und Optimismus lebenswerte Ziele erreicht.

Ihre Bestzeit erreichte sie 1978 in Neuf Brisach mit 3:20:00 bei insgesamt 9 absolvierten Marathonläufen. 1980 wurde ihr Sohn Alexander geboren. Mit Vereinen hat sie auch heute noch nichts im Sinne – heute nimmt sie an keinen Wettkämpfen mehr teil – spielt jetzt mehr Klavier, als zu laufen. Den heutigen Frauen gib sie als Devise mit: “Lauft langsam und genießt es“!

Hier die 4 Frauen im Ziel des 2. BERLIN-MARATHON 1975:
1. Kristin Bochröder (vereinslos) (124.) 3:59:15
2. Elfriede Kayser (Helios) (160.) 4:26:05
3. Astrid Ziezold (Helios) (181.) 4:39:24
4. Lieselotte Steglich (SCC) (199.) 4:56:30

Ehemann Ralf Bochröder (OSC), Sieger beim 2. BERLIN-MARATHON 1975 bei den Männern in 2:47:08, hat dagegen eine vereinsmäßige und sportliche Grundlage (geb. 8.07.1940), Lehrer für Sport und Mathematik bis 1999. Er war Sprinter in der Jugend, dann Mittelstreckler (u.a. 800 m in 1:55,0; 1500 m in 4:07,0), verletzte sich und widmete sich dann den “längeren Sachen“, insbesondere durch die Teilnahme an vielen Volksläufen im In- und Ausland. An 5 Marathonläufen nahm er insgesamt teil, aber auch hier ereilten ihn Knieprobleme, gemeinsam mit Kristin (mit “K“) lief er in Boston (3:05:00), Wolfsburg (2:52:00), Berlin und 1975 in Neuf-Brisach (2:55:00).

In Berlin 1975 erinnert er sich, war es plötzlich sehr warm geworden. Die Läufer hatten sich, durch den schnellen Witterungsumschwung, reihenweise “hingelegt“. Er selber hat unterwegs beim BERLIN-MARATHON Muskelkrämpfe bekommen (dann nahm er Salzpulver/Wasser – und danach ging es ihm besser!!). Er ist auch teilweise gegangen, aber die letzten 17 Kilometer hätte er an der Spitze laufend niemand mehr gesehen.

Ralf Bochröder, der Überraschungssieger vom OSC, lief mit 2:47:08 eine sehr passable Zeit. Es ist gleichzeitig seine Bestzeit geblieben. Der Siegespreis beim 2. BERLIN-MARATHON 1975 war ein Kassettenrecorder!

Ralf Bochröder läuft heute immer noch (langsamer) – zwei Drittel seiner Läufe bei Volksläufen habe er, bemerkt er stolz, in seiner Alterklasse gewonnen. Dem BERLIN-MARATHON ist er weiterhin verbunden – nicht mehr als Läufer, sondern als Helfer, wo immer er gebraucht wird. Entweder beim Souvenirverkauf bei der Marathonmesse oder den vielen anderen Läufen von SCC-RUNNING, als Streckenposten im Wald oder auf der Straße. Solche Sieger hat jeder Veranstalter gerne.

Hier die ersten 6 Männer vom 2. BERLIN-MARATHON 1975:
1. Ralf Bochröder (OSC) 2:47:08
2. Dieter Weiß (TSV Siemensstadt) 2:48:26
3. Hermann Brecht (SCC) 2:50:02
4. Wolfgang Papenfuß (SCC) 2:53:30
5. Dietmar Gathmann (VfV Spandau) 2:54:26
6. Horst Zettlitz (SCC) 2:54:44

Horst Milde


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