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Cross-WM in Avenches/ Schweiz

Kenenisa Bekele wiederholt Doppelerfolg in Avenches 20jähriger Äthiopier düpiert erneut die Weltelite – Worknesh Kidane gewinnt die Langdistanz, unterliegt aber knapp gegen Edith Masai

31.03.2003

Mit Kenenisa Bekele schreibt ein Zwanzigjähriger Cross-Geschichte. Verblüffte im Vorjahr in Dublin der junge Äthiopier schon die Fachwelt mit seinem Doppelerfolg auf der Kurz- und Langdistanz, so ist sein neuerlicher Erfolg bei den 31. Cross-Weltmeisterschaften in der alten Römerstadt Avenches in der Schweizer Region Lausanne-La Broye ohne jede Parallele. Am Samstagnachmittag sprintete Bekele auf der 250 m langen Zielgeraden dem zweifachen Kurzcross-Weltmeister John Kibowen und dessen Landsmann Benjamin Limo mit spielerischer Leichtigkeit davon, tags darauf war er auf der Langdistanz allen Zweifeln erhaben, überstand die taktischen Spielchen der Kenianer mühelos, um seinerseits in der Schlussphase als wahrer Champion mit einem Dreizehn-Sekunden-Vorsprung zu glänzen. Fast hätte es ihm Worknesh Kidane gleich tun können, doch die überragende, erst 21 Jahre alte Langstreckensiegerin scheiterte am zweiten Veranstaltungstag an der glänzend agierenden Titelverteidigerin Edith Masai, die bereits 35 Jahre alt ist, um eine Sekunde.

Die Juniorentitel gingen nach spannenden Sprints an den Kenianer Eliud Kipchoge und die Äthiopierin Tirunesh Dibiba. Die beiden ostafrikanischen Läufernationen sammelten zusammen mit den Teamwertungen jeweils sechs Goldmedaillen, die wichtigste jedoch, wie es das kenianische IAAF-Council-Mitglied Isaiah Kiplagat aber bestimmt formulierte, holten jedoch die Kenianer mit dem Mannschaftssieg auf der Langdistanz. Übrigens zum achtzehnten Male in Folge seit 1986, als im nahe gelegenen Neuchâtel der Siegeszug der kenianischen Läufer begann.

Den Kenianern fehlt derzeit der große Einzelkönner, daran kann auch der neuerliche Erfolg von Edith Masai nichts ändern. Patrick Ivuti, Vizeweltmeister 1999 und Olympiavierter von Sydney, wurde zum ernsthaften Rivalen von Kenenisa Bekele, ohne ihm auch nur wirklich gefährlich werden zu können. Nach dem Samstagsdebakel (nur eine Goldmedaille durch Kenias Männer auf der Kurzdistanz) blies Coach Mike Kosgei zum Sonntags-Angriff. Doch auch das unvermindert hohe Tempo an der Spitze durch Abraham Cherono, John Cheruiyot Korir, Sammy Kipketer oder Paul Koech konnte Bekele nicht zermürben. Zur Überraschung aller startete der letztjährige Junioren-Weltmeister Gebregziab Gebremariam nicht zur möglichen Titelverteidigung, sondern sollte der letzte Wegbegleiter auf dem Siegeszug von Kenenisa Bekele werden, dessen Mut letztlich mit Bronze belohnt werden sollte.

Für die Nicht-Afrikaner hingen die Trauben einmal mehr sehr hoch, zumal Europameister Sergiy Lebid nach sechs Siegen in der Cross-Saison dieses Winters schon früh in Rückstand geriet und als 23. zur Halbdistanz ausstieg. Wenn man den in Somalia geborenen US-Läufer Mebrahtom Keflezighi auf Rang elf ausklammert, sorgte der Portugiese Eduardo Henriques als Sechzehnter vor dem 10 000 m-Europameister José Martinez für die beste Platzierung.

Das Langstreckenrennen der Frauen sollte zum Generationsduell werden, denn die Generation der Zwanzigjährigen um Kidane, Kuma, Chemjor, Chepchumba, Rumokol und Co stand auf dem Prüfstand gegen die Dreißigjährigen wie Drossin oder gar gegen die Vierzigjährigen wie de Reuck. Und es sollte zum Triumph der jungen Garde werden, die sich auf dem leicht kupierten Terrain von Avenches eindrucksvoll in Szene setzen konnte. Und für die 21jährige Worknesh Kidane, die im Cross-Terrain als frühere Junioren-Weltmeisterin (1999), WM-Zweite der Kurzdistanz (2002) und als 5000 m-Olympiasiebte in Sydney schon frühzeitig ihre Anwartschaft auf eine Eingliederung in eine Reihe mit Tulu, Wami, Adere und Co. anmeldete – und in überzeugender Manier triumphierte. So sehr sich die von vielen nach dem Startverzicht von Paula Radcliffe als Favoritin angesehene Deena Drossin auch um ein hohes Tempo bemühte, ihre schattengleich folgende äthiopische Konkurrentin wurde sie nicht los. Mit einem satten Antritt rund vierhundert Meter vor dem Ziel zerstörte die junge Äthiopierin die Titelchancen der US-Läuferin, die somit wie in Dublin Silber gewinnen konnte.

“Deena Drossins Rennen war für mich perfekt, weil sie sehr aggressiv Tempo gelaufen ist!“ freute sich die Äthiopierin über den Sieg. Während Worknesh Kidane ihre Zukunft (natürlich) auf der Bahn sieht, wird Deena Drossin (wie ihr Idol Paula Radcliffe) nach entsprechender Vorbereitung schon in zwei Wochen beim London-Marathon an der Startlinie stehen. Ein Grund, weshalb sie sich nicht “spritzig“ genug fühlte, um der Schlussoffensive der Äthiopierin folgen zu können. “Natürlich habe ich einige lange Läufe eingestreut, wenngleich mein Hauptaugenmerk aber nach wie vor dem Cross galt!“

Die Schweizer zeigten sich organisatorisch in Bestform. Das 1999 eingeweihte Institut Equestre National Avenches, mit einem Areal von 140 ha schon nach nur kurzer Anlaufzeit zu einem der wichtigsten Zentren des Pferdesports Mitteleuropas geworden, erwies sich als idealer Crossparcours mit ausgezeichneter Infrastruktur. Fast 20 000 Zuschauer an beiden WM-Tagen sorgten für die rechte stimmungsvolle Kulisse, auch wenn die Demonstrationsflüge der Schweizer Luftwaffe im Rahmen einer kurzen Eröffnungszeremonie angesichts der Kriegsereignisse im Mittleren Osten fehl am Platze waren. Während die US-Läufer mit einer “Friedensschleife“ auftraten, Japan, Somalia und Israel wegen des Irakkrieges fehlten, wurde in Avanches einmal mehr eine DLV-Mannschaft vermisst. “Wenn man als Deutscher in internationalen Gremien arbeitet, fällt es schwer, die Abstinenz deutscher Läufer zu erklären“, sagte Prof. Helmut Digel, der in seiner Funktion als IAAF-Vizepräsident und Council-Mitglied in der Schweiz weilte. “Das ist keine freundliche Geste unseres Nachbarlandes.....“, formulierte ein Schweizer Journalist die Abstinenz einer deutschen Mannschaft schärfer. Die Schweizer Läufer zeigten sich hingegen mit teilweise beachtlichem Erfolg auf heimischem Terrain. So wurde Hindernisspezialist Christian Belz als Achtzehnter der Kurzdistanz sogar bester Europäer, wenn man die drei Nordafrikaner im französischen bzw. spanischen Dress einmal ausklammert, das Männerteam zudem Siebter in diesem Wettbewerb.

Wilfried Raatz

Der Gebrselassie-Nachfolger steht schon parat:

Cross-Doppelweltmeister Kenenisa Bekele ist ein Ausnahmeläufer – aber auch verletzungsanfällig

Ein junger Mann namens Kenenisa Bekele wandelt auf den Spuren von Haile Gebrselassie. Auch wenn viele ihn schon nach dem in der 100jährigen Geschichte der internationalen Cross-Country-Laufes einzigartigen Double bei den beiden aufeinander folgenden Weltmeisterschaften in Dublin und Avenches auf eine Stufe mit seinem großen Landsmann stellen möchten, der gerade einmal 20jährige wehrt bescheiden ab: “Nein, Haile hat mir eines voraus, er ist Olympiasieger!“ Es ist schon kurios: Haile Gebrselassie wurde gerade erst vor zwei Wochen in einem begeisternden Tempolauf in Birmingham 3000 m-Hallen-Weltmeister und darf getrost für weitere Großtaten auf der Bahn und der Straße rüsten, da sprechen viele Fachleute bereits von seinem Nachfolger. Gewiß das Double des Kenenisa Bekele ist bislang einzigartig, allerdings gibt es die Möglichkeit mit Starts auf der Kurz- und Langdistanz erst seit dem Welt-Championat 1998 in Marrakesch. Mit fünf Goldmedaillen, darunter allerdings eine bei den Junioren, ist Bekele mit Zwanzig schon jetzt zusammen mit John Ngugi und Paul Tergat erfolgreichster Crossläufer aller Zeiten, ein Ende allerdings ist schwerlich abzusehen.

Dabei liefen die Vorbereitungen für Kenenisa Bekele alles andere als gut. Nach seinem Coup von Dublin wurde es still um den “neue Haile“, weil Knie- und Achillessehnenbeschwerden keine Wettkämpfe zuließen. Die Rückkehr ins Crossterrain mit fünf Siegen im europäischen Cross-Circuit in Oeiras, Brüssel, Newcastle, Elgoibar und Sevilla fiel eindrucksvoll aus. Bei den äthiopischen Trails auf der Pferderennbahn Jan Meda in Addis Abeba musste er Anfang März wegen einer Lebensmittelvergiftung (manche sprechen sogar von einer leichten Form von Typhus) passen. Trotz seiner jungen Jahre ist Kenenisa Bekele, der übrigens aus Bekoji in der Region Arsi stammt, der unmittelbaren Nachbarschaft von Olympiasiegerin Derartu Tulu, verletzungsanfällig. Deshalb musste er bereits die WM 2001 in Edmonton und die Cross-WM 2000 streichen. Bei allem Ehrgeiz, seine Form auch auf der Bahn und natürlich in Paris (“Ich werde 5000 m und 10 000 m laufen“) unter Beweis zu stellen, interessiert gewiss ein mögliches Duell mit seinem Vorbild Haile Gebrselassie. “Ihn muss ich nicht schlagen, sondern, wenn ich nahe genug bei ihm laufen kann, dann werde ich auch eine gute Zeit erzielen!“

-wira


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