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Paula Radcliffe: Nur Radfahrer können sie stoppen

"Die Zuschauer haben mich regelrecht zum Weltrekord getrieben"

13.04.2003

“Ich wusste, dass ich hier in London sehr schnell laufen kann, und dass mir die Zuschauer dabei helfen würden“, sagte Paula Radcliffe, die sich, begleitet von zwei Tempomachern, vom Start weg immer mehr von ihren Konkurrentinnen absetzte. Angefeuert von einem begeisterten Millionenpublikum am Streckenrand lief sie ein relativ gleichmäßiges Rennen, wobei die zweite Hälfte aber schneller war als die erste (68:02 und 67:23). “Die Zuschauer haben mich regelrecht zum Weltrekord getrieben – es war unglaublich“, sagte Paula Radcliffe, die sich mit Sieg- und Rekordprämien insgesamt 235.000 Dollar verdient. Das Startgeld für Englands Sportlerin des Jahres 2002 dürfte noch deutlich über dieser Summe gelegen haben. Auf dem Weg zum Sieg brach Paula Radcliffe auch noch den 30-km-Weltrekord. Nach 1:36:36 Stunden hatte sie diesen Punkt erreicht. Ob allerdings diese Zeit anerkannt werden kann, ist nicht sicher, da nicht klar war, ob an der Stelle ein offizielles Kampfgericht platziert worden war. Ebenso unklar blieb zunächst die 25-km-Zwischenzeit.

“Ich wollte vorher nicht über mögliche Zeiten spekulieren. Denn ich laufe eigentlich immer nach Gefühl. Ich renne nicht gegen die Uhr. Besonders bei einem Marathon geht es um einen Kampf gegen sich selbst – man muss dabei auf seinen Körper hören. So laufe ich auch im Training. Als ich mich jetzt nach der ersten Hälfte des Rennens gut fühlte, konnte ich noch etwas zulegen. Ich wusste, dass ich schneller war als in Chicago, weil meine Zeiten für die einzelnen Meilen schneller waren als im vergangenen Oktober“, erklärte Paula Radcliffe. “Vielleicht ist es für mich in Zukunft möglich, noch schneller zu laufen. Aber ich kann das jetzt nicht sagen, denn man weiß nie, was passiert. Ich werde versuchen, mein Training noch zu steigern.“

Eine Sensation war der Londoner Weltrekordlauf der Paula Radcliffe jedoch nicht. Erst vor gut einem Monat hatte sie bei einem Straßenlauf in Puerto Rico die 10-km-Weltbestzeit auf 30:21 Minuten gesteigert. Unvergessen ist ihr Rennen bei den Europameisterschaften von München, als sie im vergangenen August trotz eines Unwetters den 10.000-m-Rekord auf 30:01,09 Minuten schraubte. In diesem Sommer dürfte Paula Radcliffe als erste Europäerin unter 30 Minuten laufen. “Im vergangenen Jahr hätte ich schon schneller laufen können, aber die Bedingungen stimmten nicht. Ich hoffe, dass ich mich nun steigern kann.“ Zu den deutlichen Verbesserungen, die es im Frauen-Marathon in den letzten eineinhalb Jahren gegeben hat, sagte Paula Radcliffe: “Unsere Disziplin entwickelt sich weiter. Aber das liegt nicht nur an mir. Deena Drossin hat heute zum Beispiel einen viel größeren Sprung gemacht als ich.“

Stoppen können Paula Radcliffe offenbar nur Fahrradfahrer. Im vergangenen Jahr war sie im Training vor dem London-Marathon mit einer sie sogar begleitenden Radfahrerin kollidiert, dieses Mal passierte ihr das gleiche wieder. Beim Höhentraining in Albuquerque (USA) fuhr ihr eine Fahrradfahrerin in die Hacken. Beine, Hände und das Gesicht hatten blutige Schrammen, ihr Kiefer war sogar ausgerenkt. Doch nach ein paar Tagen Pause konnte Paula Radcliffe das Training wieder aufnehmen. Lediglich Äpfel konnte sie vier Wochen lang nicht essen. “Ich glaube die Radfahrerin hat nicht gewusst, dass sie die Weltrekordlerin umgefahren und fast aus dem London-Marathon geworfen hätte“, erzählte Paula Radcliffe, die auch für ungewöhnliche Marathon-Wettquoten der englischen Buchmacher sorgte. Wer auf die Vorjahressiegerin setzte, konnte so gut wie nichts verdienen. Kenias Läuferstar Catherine Ndereba war schon vorher so gut wie abgeschrieben. Wer 10 Pfund setzte, hätte bei einem Sieg von ihr 100 Pfund kassiert.

Es wäre auch keine Überraschung mehr, wenn Paula Radcliffe den Frauen-Marathon in eine weitere neue Dimension treiben würde. Denn London gilt nicht unbedingt als schnellster Marathonkurs. Berlin, Chicago oder Rotterdam bieten flachere Strecken, auf denen Paula Radcliffe mit ihrer gestrigen Leistung vielleicht schon unter 2:15 Stunden gelaufen wäre. “Berlin ist auf jeden Fall der schnellere Kurs im Vergleich zu London“, sagte Joseph Ngolepus, der in London Dritter war.

Wahrscheinlich ist jedoch, dass der London-Marathon für längere Zeit der letzte für Paula Radcliffe gewesen ist. Im Sommer will sie sich auf die Bahn-Langstrecken konzentrieren, und im nächsten Jahr wird sie sich voraussichtlich sehr langfristig auf den olympischen Marathon in Athen vorbereiten. Olympiagold wäre die Krönung ihrer Karriere. “Hundertprozentig habe ich mich aber noch nicht entschieden, welche Distanz ich in Athen laufen möchte“, sagte Paula Radcliffe, die auch gefragt wurde, ob der Marathon nun ihre Lieblingsdisziplin sei. “Das kann ich so nicht sagen. Offensichtlich bin ich im Marathon am erfolgreichsten, und die Strecke passt am besten zu mir. Aber ich laufe auch sehr gerne ein 1500-m-Rennen oder Crossläufe. Ich habe einfach Spaß am Laufen.“

Da die englischen Meisterschaften im Rahmen des London-Marathons stattfanden, sorgte Paula Radcliffe gestern für ein weiteres Novum. Denn sie war schneller als alle englischen Männer, weil die besten unter ihnen nicht dabei waren. Chris Cariss war der schnellste Engländer in 2:17:57 Stunden. Da auch kein Waliser, Schotte oder Nordire schneller lief, bekam Paula Radcliffe noch einen weiteren Pokal: Traditionell wird der schnellste britische Mann beim London-Marathon mit der Jim-Peters-Trophäe geehrt. Zum ersten Mal bekam ihn gestern eine Frau. Paula Radcliffe ist gut für neue Dimensionen.


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