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107. Boston-Marathon

Kenianer bauen Erfolgsserie aus, Russinnen überraschen

23.04.2003

Swetlana Sacharowa musste erst überredet werden, bevor sie einwilligte, in Boston an den Start zu gehen. Die 32-jährige Russin hatte schlechte Erinnerungen an den Boston-Marathon. 1997 war sie in der amerikanischen Ostküstenmetropole bei dem Klassiker über 42,195 km fürchterlich eingegangen – mit einer Zeit von 2:39:59 Stunden und Platz 15 hatte sie sich über die Hügel gequält. “Es war eine Überwindung, wieder hierher zurück zu kommen, um Marathon zu laufen“, erklärte Swetlana Sacharowa. Die Überredungskünste ihres Managers und ihres Mannes haben sich jedoch gelohnt. In Boston feierte die Russin nun den größten Sieg ihrer Karriere. Mit 2:25:20 Stunden gewann sie das Rennen und verdiente sich dafür, ebenso wie der Sieger Robert Cheruiyot, eine Prämie von 80.000 Dollar. Auch für den Kenianer, der 2:10:11 Stunden lief, war es der größte Erfolg seiner Laufbahn. Einmal mehr war der Boston-Marathon nicht das ganz schnelle Rennen. Auf der zwar abfallenden, aber schwierigen Strecke ging es bei warmem Wetter wieder einmal um das Prestige: einen Sieg bei dem Klassiker.

Der Boston-Marathon war übrigens der zweitgrößte in der Geschichte der 107 Rennen. Trotz der anspruchsvollen Qualifikationszeiten, die es für alle Altersklassen gibt und die das Starterfeld automatisch stark limitieren, wurden 20.223 Läufer registriert. Nur einmal waren es mehr: 1996, beim 100. Boston-Marathon, starteten 38.706 Athleten, von denen 35.868 das Ziel erreichten. Mehr Läufer wurden bis heute nirgendwo bei einem Marathon im Ziel registriert.

Traditionell wird in Boston am dritten Montag im April gelaufen – und der Startschuss fällt um 12 Uhr mittags. Das kann, wie dieses Mal, sehr warm werden. Bereits vor dem Start wurden 21° Celsius gemessen. Die Temperatur blieb relativ stabil, ein leichter Wind sorgte ebenfalls für nicht allzu gute Bedingungen. Tempomacher gibt es in Boston, auch das ist eine Tradition, nicht. Dennoch sorgte einer für Tempo: Vincent Kipsos, Dritter beim Berlin-Marathon 2002 in 2:06:52 Stunden und damit der Läufer mit der schnellsten Zeit im Feld, übernahm die Führung und setzte sich ab. Teilweise betrug der Vorsprung des Kenianers rund 50 Meter. Und das, obwohl auch Kipsos nicht extrem schnell unterwegs war. Kilometer 10 erreichte er in 30:26 Minuten, was auf eine Endzeit von etwa 2:08:20 Stunden hinausgelaufen wäre. “Ich wollte eine gute Zeit laufen“, erklärte Kipsos später, nachdem er das Rennen vorzeitig beendet hatte.

Bis zur Hälfte der Strecke (65:06 Minuten) führte Vincent Kipsos, dann schluckte ihn die große kenianische Läufergruppe. Das Tempo war weiterhin mäßig. Nach 1:17:25 Stunden waren 25 km gelaufen. Im hügeligen Teil des Kurses kam dann Bewegung in die Spitzengruppe, zu der zunächst auch der Sieger und die Nummer zwei des Vorjahres, Rodgers Rop und Christopher Cheboiboch gehörten. Die Kenianer waren unter sich, doch als eine Vorentscheidung fiel, waren Rop und Cheboiboch geschlagen. Zwischen Kilometer 30 und 35 drückte Robert Cheruiyot auf das Tempo. “Ich habe mir schon bei Kilometer 25 gedacht, dass ich dieses Rennen gewinne, deswegen habe ich auch das Tempo erhöht“, erklärte Cheruiyot, der seinen zweiten Marathon lief und seine Bestzeit im vergangenen Jahr in Mailand aufgestellt hatte (2:08:59). Zunächst konnte Timothy Cherigat noch mithalten, doch bei Kilometer 35 (1:48:15) hatte Cheruiyot einen Vorsprung von neun Sekunden auf Cherigat und den späteren zweiten Benjamin Kimutai.

Immer wieder schaute sich Cheruiyot auf den letzten Kilometern um, doch er zeigte keine Schwäche, und so konnte der ihn nun alleine verfolgende Kimutai den Abstand nicht mehr verkürzen. Im Gegenteil, der Vorsprung vergrößerte sich noch etwas. “Das ist ein Marathon mit dem man sich einen Namen macht in der Welt, wenn man ihn gewinnt“, sagte Cheruiyot später. Drei Kilometer vor dem Ziel hatte sich Kimutai geschlagen gegeben. “Da wusste ich, dass ich ihn nicht mehr einholen kann. Ich erwartete einen harten Lauf in Boston und war gut darauf vorbereitet. Aber erst in der zweiten Hälfte startete das eigentliche Rennen“, sagte Kimutai, der schließlich in 2:10:34 das Ziel vor Martin Lel (Kenia/2:11:11) erreichte. Acht der besten zehn Läufer kamen an diesem Tag aus Kenia. Und zum zwölften Mal in den letzten 13 Jahren stellte Kenia den Sieger des Boston-Marathons.

Bei den Frauen riss dagegen die kleine kenianische Siegesserie. Zweimal Catherine Ndereba und Margaret Okayo hatten zuletzt den Boston-Marathon gewonnen. Doch dieses Mal gab es zum erstmals einen russischen Doppelsieg. Swetlana Sacharowa war in 2:25:20 Stunden vor Ljubow Denisowa im Ziel (2:26:51). Auf Rang drei folgte die New-York-Marathon-Siegerin 2002, Joyce Chepchumba (Kenia/2:27:20), und nur Vierte wurde die Vorjahressiegerin. “Ich bin anfangs etwas zu schnell gelaufen“, erklärte Margaret Okayo, die vom Start weg alleine davongezogen war und 10 km nach 34:02 Minuten erreicht hatte (Tempo für eine Endzeit zwischen 2:23 und 2:24 Stunden). Doch der Sololauf bekam der Streckenrekordhalterin (2:20:43 Stunden/2002) nicht. “Nach 25 km wurde ich langsamer“, erklärte die 26-Jährige. Schon bei Kilometer 13 hatte sie Ljubow Denisowa zusammen mit Marla Runyan eingeholt, Sacharowa erreichte die Spitze bald darauf und forcierte später das Tempo.

Nach einer Halbzeit in 1:12:39 Stunden, fiel die Entscheidung nach mehrfachen Führungswechseln zwischen Sacharowa, Denisowa und Okayo am Heartbreak Hill bei Kilometer 32. Nun konnte Swetlana Sacharowa keine mehr folgen, und der Vorsprung der russischen Rekordhalterin wuchs. Die 32-Jährige hatte sich in den letzten Jahren kontinuierlich verbessert. 2:24:04 war sie als Zweite in London 2001 gelaufen, ein Jahr später war sie in London wiederum Zweite in 2:22:31, und in Chicago verbesserte sie sich im vergangenen Oktober als Vierte auf 2:21:31. “Ich bin eine andere Taktik als sonst gelaufen und habe schon nach gut 10 km an der Spitze auf das Tempo gedrückt. Russische Läuferinnen trainieren sehr hart – das hat sich hier ausgezahlt“, sagte die Siegerin, die sich nun auf den WM-Marathon in Paris vorbereiten wird.

Ergebnisse:

Männer: 1. Cheruiyot (KEN) 2:10:11, 2. Kimutai (KEN) 2:10:34, 3. Lel (KEN) 2:11:11, 4. Cherigat (KEN) 2:11:28, 5. Cheboiboch (KEN) 2:12:45, 6. Ryzhow (RUS/Master) 2:15:29, 7. Rop (KEN) 2:16:14, 8. Kiptum (KEN) 2:16:16, 9. Rono (KEN) 2:17:00, 10. Hellebuyck (USA/Master) 2:17:18.

Frauen: 1. Sacharowa (RUS) 2:25:20, 2. Denisowa (RUS) 2:26:51, 3. Chepchumba (KEN) 2:27:20, 4. Okayo (KEN) 2:27:39, 5. Runyan (USA) 2:30:28, 6. Iwanowa (RUS) 2:30:57, 7. Sultanowa-Zhdanowa (RUS/Master) 2:31:30, 8. Glusac (USA) 2:37:32, 9. Gaitenby (USA) 2:38:19, 10. Kiplagat (KEN) 2:38:43.


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