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Katrin Dörre-Heinig: Mit 42 hat frau (wieder) Ambitionen....

Komplikationen nach einer Fersenoperation

18.05.2003

Komplikationen nach einer Fersenoperation im Jahr 2000 haben bei Katrin Dörre-Heinig den Traum von einer vierten Olympiateilnahme ebenso zerstört wie auch die Hoffnung auf eine nahtlose Fortsetzung ihrer einzigartigen Marathonkarriere. Als Olympiadritte 1988, zudem Vierte 1996 und Fünfte 1992, einer einzigartigen Bilanz mit 24 Siegen in 43 Marathonläufen, darunter so Hochkaräter wie London, Osaka, Tokio und Berlin, aber auch Hamburg und Frankfurt gilt sie als die “Grande Dame“ des Marathonlaufes. Inzwischen 42 Jahre – und kein bisschen müde, das ist Katrin Dörre-Heinig heute.

Von Wilfried Raatz

Marathonlaufen ist ein Geduldsspiel. Davon weiß Katrin Dörre-Heinig ein Lied zu singen. “Eigentlich hatte ich im Vorjahr schon das Gefühl, es geht wieder“, sagt Katrin Dörre-Heinig zurückblickend mit einem Anflug von Lächeln. “Aber das war wohl ein Trugschluss. Ich wollte einfach nicht laufen, wenn ich mir im Wochenrhythmus Spritzen und Medikamente abholen muss“. So entspannt wie sie heute uns auf einer bequemen Couch zwischen Vormittagstraining, der Hausarbeit und dem Nachmittagstraining gegenüber sitzt, dürfte das vor einem Jahr keineswegs abgelaufen sein. “Du kannst mir glauben, ich war richtig verzweifelt. Bis ich zu Charly Riedl, einem Osteopathen, nach Augsburg ging, der hat schon andere wie Boris Becker, Steffi Graf oder auch Michael Schumacher wieder repariert!“ Je größer die Abstände der Fahrtintervalle ins Oberschwäbische wurden, desto größer wurde aber auch die Zuversicht bei der “Grande Dame“ des Marathonlaufes, doch noch einmal in die erste Reihe der Marathonläuferinnen zurück zu kehren. “Seit September letzten Jahres konnte ich wieder laufen. Wenn ich ab und an einmal Beschwerden hatte, dann gingen diese aber nach zwei bis drei Tagen wieder weg!“ Der Weg zum Physiotherapeuten ist für die gebürtige Leipzigerin so selbstverständlich wie der Weg in den Kraftraum oder das nahe Trainingsgelände in ihrer Wahlheimat Erbach im hessischen Odenwald. “Außerdem hilft eine heiße Wanne. Dafür muss eben auch Zeit sein!“

Nach mehr als zwanzig Jahren Leistungssport hat sie längst erkannt, dass ihr Körper längere Regenerationszeiten braucht. Doch Katrin Dörre-Heinig ist nicht der Typ, der beim neuerlichen Comeback nur irgendwo mitlaufen will. Sie will vorne mitmischen. In einer schnellen Endzeit zudem. Der Wiedereinstieg in die Marathonszene sollte eigentlich schon im Frühjahr in Hamburg erfolgen. Doch eine hartnäckige Virusinfektion machte diesen Vorsatz zunichte. Jedoch gilt für sie eines: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Doch die Rückkehr in höhere Lauf-Geschwindigkeiten gestaltet sich schwerer als gedacht. “Ich glaube nicht, dass ich lange im 3:20er Bereich laufen kann“, beurteilt sie ihre durchschnittliche km-Geschwindigkeit und weiß, dass dies einfach ein Muss ist, wenn der Weg zurück in den Marathonbereich von 2:30 Stunden führen soll. “Natürlich bin ich auch etwas unsicher. Habe Angst, dass ich nicht wieder den Biss habe“ plagen sie Selbstzweifel nach den ersten Rennen in Paderborn, Neheim und Aschaffenburg. “Allerdings brauche ich diese Rennen, um vielleicht doch wieder die nötige Härte zu kriegen“. Ihrem Umfeld, so glaubt sie, nichts beweisen zu müssen. “Ich möchte nur nicht so abrupt aufhören wie dies 2000 geschehen ist“, fügt aber zugleich hinzu: “Aber, wenn ich ehrlich bin, mir fehlt etwas, wenn ich nicht laufen kann!“

Auch wenn sich die Maßstäbe verschoben haben, Katrin Dörre-Heinig versteht sich als 42jährige keineswegs als Altersklassenläuferin “Ich sehe mich nicht zum Beispiel als W 40-Siegerin in Paderborn, sondern ich weiß, ich bin Zwölfte geworden!“ Sie möchte gewiss keine langfristigen Ziele mehr ansteuern, sondern genießt die Augenblicke. “Es kann doch schon morgen wieder vorbei sein“, das weiß sie aus eigener Anschauung zur Genüge....

Schon am kommenden Sonntag wird sie übrigens beim AVON-RUNNING Frauenlauf in Berlin an der Startlinie stehen, Mitte Juni steht der erste Halbmarathon bevor. Zwischen Reeperbahn und dem Eppendorfer Baum möchte Katrin Dörre-Heinig auf erfolgsträchtigem Terrain in Hamburg wieder einmal die dünn gewordene Luft der ersten Startreihe genießen. “Ich kann vielleicht eine 75er Zeit laufen“, wagt sie eine frühe Prognose. Stellt dies aber zugleich selbstkritisch zur Diskussion: “Was ist dies aber für eine Zeit!? Ich denke, im kommenden Jahr werde ich auf einem höheren Level sein, vorausgesetzt, der Körper macht mit“. Die Selbstzweifel sind unüberhörbar. Aber keineswegs Grund genug für das letztlich (sport-)finale Wort “Das wars“.

Ihr Training hat sich zwar in den Grundzügen nicht geändert. Nach wie vor stehen 30 km-Läufe ebenso auf dem Programm wie auch 1000 m-Wiederholungsläufe oder 200 m-Sprints auf der Bahn. Doch im Gegensatz zu früher, als mit Birgit Jerschabek eine leistungsstarke Partnerin zur Seite stand, trainiert sie komplett alleine. “Ich könnte in der Leistungsentwicklung schon weiter sein, doch dazu fehlen mir die Trainingspartner!“ Naheliegend wäre vielleicht die eine oder andere Einheit mit ihrer talentierten 14jährigen Tochter Katharina, die längst durch spektakuläre Siege auf sich aufmerksam zu machen wusste. “Das funktioniert nicht. Katharina ist über 200 m zu schnell für mich, bei längeren Wiederholungsläufen ist sie natürlich überfordert. Klar, wir haben schon einmal einen lockeren 10 km-Lauf gemeinsam gemacht, aber diese langen Läufe soll sie noch nicht machen“. Dass sie irgendwann zur Langstrecke tendieren wird, das ist der Mutter längst klar. “Sie hat einen wunderbaren Schritt. Da sie für die Mittelstrecke zu langsam ist, kann ich es mir gut vorstellen!“

Wie groß ist die Bürde letztlich für die Tochter einer berühmten Marathonläuferin? “Ich denke, sie hat keine Probleme damit. Aber sie ist wie ich, sie will auch immer gewinnen. Wenn es einmal nicht so klappt, da ist sie schon tierisch enttäuscht!“

Wir plaudern in der Heinigschen Wohnstube mit einem herrlichen Ausblick über die Odenwald-Kreisstadt Erbach aber nicht nur über die Gegenwart und eventuelle Zukunftspläne, sondern blicken auch zurück in die Vergangenheit. Unvergesslich dabei für die einstige Weltklasseläuferin ihr erster Auslandsstart im japanischen Osaka, der zugleich mit dem Sieg in 2:31:41 ein Riesentriumph wurde (“Da ist so vieles unvorbereitet auf mich eingestürmt!“), aber auch nach dem Mauerfall der Start beim New York-Marathon, auf dem Boden also des einstigen “Klassenfeindes“. Kommen angesichts der heutzutage imposanten Antritts- und Platzierungsgelder nicht neidische Gefühle auf bei der einstigen Frontfrau der internationalen Marathonszene? “Nein, ich hatte doch noch genügend Zeit nach der Wende, gutes Geld zu verdienen. Zu DDR-Zeiten konntest du dich nur auf die Höhepunkte konzentrieren“.

Etwas wehmütig wird es Katrin Dörre-Heinig schon bei dem Gedanken an die nahe Zukunft, zumal Marathon ihr Beruf ist, obgleich sie ein Medizinstudium absolviert hat. “Man will es natürlich nicht wahr haben, dass es zu Ende geht. Ich brauche natürlich schon einige Jahre zum abtrainieren. Aber ich werde in der Szene bleiben. Bei meinem Ausrüster ASICS werde bei Marathonläufen präsent sein und auch in Seminaren meine Erfahrungen weitergeben“.

Schon steht Ehemann und Trainer Wolfgang Heinig in der Tür und mahnt zur zweiten Laufeinheit, die heute noch ansteht. “Es wird eine ruhige Fünfzehn!“ Doch der Zeitplan ist eng gesteckt, denn schon zwei Stunden später soll Katharina zu einer Ehrung. Da wollen die Eltern natürlich dabei sein......

Wilfried Raatz (Vorabdruck aus “Laufzeit“ 06/02, dem Monatsjournal für alle Freunde des Laufens, Berlin)

Katrin Dörre-Heing

Persönliches:
Geboren am 6.10.1961 in Leipzig, Vereine: SC DHfK Leipzig, LAC Quelle Fürth/ München, LAC Veltins Hochsauerland, verheiratet mit Wolfgang Heinig, 1 Tochter (Katharina, geb. im August 1989)

Bestzeiten:
800 m: 2:05,4 (1980) 1000 m: 2:44,8 (1980) 1500 m: 4:18,7 (1979) 3000 m: 9:04,01 (1984) 10 000 m: 33:00,0 (1984) 10 km: 32:14 (1992) 1 Stunde: 17.709 m (1988) Halbmarathon: 1:09:15 (1998) Marathon: 2:24:35 (1999) Marathonerfolge:
Olympiadritte 1988, zudem Vierte (1996), Fünfte (1992); Sieg beim Weltcup 1995 (Hiroshima), Europacup 1995 (Rom) und 1988 (Huy), 24 Siege bei 43 Starts, darunter in Osaka (1984, 1991, 1996, 1997), London (1992, 1993, 1994), Tokio (1984, 1985), Berlin (1994), Frankfurt (1995, 1997), Hamburg (1998, 1999), Nagoya (1986).


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