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Der Hunderter von Biel

“Warum ein Fuchs das tun muß ...“

03.07.2003

Im Herbst letzten Jahres hatten Roland (ein topfiter Läufer aus meiner Sonntags-Lauftruppe) und ich beschlossen, den Klassiker aller Ultra-Läufe, die "100 km von Biel" anzupacken.

Nun, acht Monate später war es soweit: Es ist Juni und in den Alpenländern herrschen Rekordtemperaturen mit bis zu 38 Grad:

Freitag, 12. Juni 21:00 Uhr: In einer Stunde beginnt der Lauf und die "Nacht der Nächte". Es sind immer noch 32 Grad vor der Eissporthalle im westschweizerischen Biel. Die übrigen 2.300 Teilnehmer sehen etwas anders aus als die Läufer bei den üblichen Stadtmarathons: Der typische 100-km-Läufer ist männlich, zwischen 40 und 55 Jahre alt, hat kein Gramm Fett am Körper; sonnengegerbte Haut, fast alles asketische, Dr.-Strunz-Typen. Die wenigen Frauen sind entweder hagere Terrier-Typen oder barocke Muttis, die man eher beim Volkswandern im Harz vermuten würde.

Jeder bereitet sich nun auf seine Weise vor: meditierend, stretchend, Horrorgeschichten verbreitend (" vor zwei Jahren hat`s dann in der Nacht ab zwölfe geschüttet und die Strecke in ein Schlammloch verwandelt") sich mit Vaseline einschmierend; einige Soldaten (der Lauf ist gleichzeitig die "Militärweltmeisterschaft" über 100 km) müssen mit den Kameraden für Fotos stramm stehen. Roland und ich legen uns bei Sonnenuntergang auf einen Fußballrasen, um etwas kühlere Luft zu bekommen. Ich bin bereits ziemlich müde: Der Versuch am Nachmittag zu schlafen war nämlich eindeutig gescheitert: In unserem Gasthof im Dorf Rütli war es unerträglich heiß und an der Badestelle am Bieler See tobten zuerst aufgeweckte kleine Eidgenossen. Anschließend begann ein Schützenverein unmittelbar neben der Badewiese, mit großkalibrigen Gewehren zu ballern.

21:55 Uhr: Nun gibt´s kein Zurück mehr: Wir stehen im Startblock mit den anderen Kandidaten. Der Bürgermeister schweizert salbungsvolle Worte ins Mikrophon und dann geht´s los. Zuerst 6 km durch Biel. Die feucht-heiße Luft steht in den Straßen. Es herrscht Volksfeststimmung: Livemusik und tausende Bieler, die sich "die Verrückten" anschauen, anfeuern sowie Bier & Wein trinken.

22:35 Uhr: Wir verlassen die lärmende, hell erleuchtete Stadt. Nun müssen wir einen giftig-steilen 200-Meter-Hügel erklimmen. Wir laufen nun auf unbeleuchteten Wegen durch Felder und Wiesen. Die Läuferschar zieht sich bereits weit auseinander. Der Vollmond gibt genügend Licht. Endlich spüre ich auch eine etwas kühlere Brise.

22:55 Uhr: Bei Kilometer 10 kommen wir ins erste Dorf: Die Bewohner auch der umliegenden Weiler sind gekommen, um den Höhepunkt des Jahres mitzuerleben. Vor den Häusern stehen Sofas, die Straßenränder und Vorgärten sind zu Biergärten geworden. Die Kinder dürfen aufbleiben. Die Gasthäuser machen den Umsatz des Jahres. Die Stimmung ist gigantisch! An eine Wand hat jemand "Ein Fuchs muss tun, was ein Fuchs tun muss!" gesprüht. Akkordeonspieler sitzen im Dunkeln am Wegesrand und quetschen Aufmunterndes aus ihrem Instrumenten. Ich bin euphorisch dabei.

23:45 Uhr: Bei km 18 kommt der erste Höhepunkt der "Langen Nacht": Das schöne Städtchen Aarberg. Hier überquert man eine alte überdachte Holzbrücke auf der einige Aarbergerinnen jodelartige Gesänge zur Erbauung der Läufer von sich geben. Auf dem Marktplatz kocht die Stimmung. Durch eine Phalanx von Begeisterten schwebe ich durch den Ort. Am Ausgang von Aarberg wartet Guido, ein Freund aus Berlin, der sich bereit erklärt hat, mein "Coach" auf dem Fahrrad zu sein. Fast die Hälfte aller Läufer hat ab Aarberg einen "lizenzierten Begleiter", der Verpflegung und Ersatzkleidung transportiert und den Weg ausleuchtet.

Nun geht es 32 km durch Wälder, Wiesen und munter feiernde Dörfer mit Namen wie "Grossatfoltern" oder "Mülchi". Kühe und Schafe schauen mich verdutzt an und scheinen zu fragen, was die vielen Menschen nachts auf ihrer Weide zu suchen haben. Das Ganze hat nun auch etwas Kontemplatives: Es erinnert an eine nächtliche Prozession oder an einen Bußgang: Man sieht vor sich die roten Rückleuchten der Begleit-Fahrräder, die sich wie eine Perlenschnur ruhig durch die Nacht ziehen.

03:55 Monduntergang: Nun wird es richtig dunkel. Erst gegen 5:00 Uhr dämmert es am Horizont. Nun starten die Mücken ihre finalen Attacken in die feucht-warmen Wäldern. Das Gelände ist viel hügeliger als das Streckenprofil im Anmeldeprospekt ("Nur 600 Meter Höhendifferenz") versprach.

04:11 Uhr die Verpflegungsstation bei Kilometer 59 ist erreicht. Mir ist es kotzübel. Die von Roland gebraute isotonische Getränkemischung verträgt sich offenbar mit meiner Magensäure nicht. Ich bin leichenblaß und will aufgeben. Roland ist bereits seit Kilometer 50 davongezogen. Ich gehe zur Massage, lasse meine Beine durchkneten und frage dann die Leiterin dieses Kontrollpostens, wo ich aussteigen könne und wie ich nach Biel zurück komme. Die junge Frau war mit diesen Fragen sichtlich überfordert. Stattdessen antwortete mir ein Fahrrad-Coach: "Der beste Punkt auszusteigen ist bei Kilometer 100". Dies leuchtete mir ein. "Ein Fuchs muss tun, was ein Fuchs tun muss!" Guido gab mir frische Laufsachen aus seinem Rucksack und ich lief weiter. Ich beschloss von nun an keine isotonischen Getränke mehr zu trinken und nur noch Cola (ein Gebräu welches ich sonst nie anrühre), Wasser und trockene Kekse zu mir zu nehmen. Dies hatte immerhin zur Folge, dass mein Magen nicht weiter übersäuerte. Der mir bewußte Nachteil dabei: Ich nehme nun kaum noch energiespendende Kohlehydrate zu mir. Nun zehre ich von meinen Fettreserven.

Nach dieser kurzen Pause folgt der fieseste Teil der Strecke: Der berüchtigte "Ho-Chi-Minh-Pfad". Dies ist ein zeitweise nur wenige Zentimeter breiter Weg, der größtenteils von Wurzeln oder Wackersteinen bedeckt ist. Hinzukommen Brennesseln in Waden- und Äste in Augenhöhe. Das Doofe daran: Es dämmert erst zu diesem Zeitpunkt und man sieht nicht viel. Nun geht es durch das Emmental (jaja, das mit dem löchrigen Käse). Alle 100 Meter gibt es nun eine Tafel mit Geschichten aus der Bibel, die für einen müden Läufer nicht gerade aufbauend sind ("Die Babylonier zerstören den Tempel" oder am Ende: "Christus stürzt zum zweiten Mal mit dem Kreuze").

Bei km 65 ist die Sonne aufgegangen. Die Vögel zwitschern und die Weidentiere wundern sich nicht mehr. Meine Konzentration beschränkt sich nun jedoch auf die schweizerische Fauna auf der Strecke: platt gefahrene Igel, Schnecken, Kröten und Lurche nehme ich noch wahr. Wichtig erscheinen mir auch die Verpflegungsstationen und Guidos Wasservorräte. Die Zurufe der Schweizer an der Strecke verstehe ich auch wegen des derben Berner-Unterland-Slangs nicht mehr. Ich denke mir nur: "Ist wohl nett gemeint" und trabe weiter.

8:45 Uhr: Es beginnt wieder heiß zu werden. Mit den Beinen habe ich keinerlei Probleme. Lediglich der Puls geht etwas zu hoch. Nun geht es steil bergab. Erholsam finde ich das jedoch auch nicht.

Bei Kilometer 87,5 komme ich endlich in das Aartetal zurück. Nun sind es noch 12,5 km. Ich versuche mir das klein zu reden "Andor, nur noch fünfmal um die Krumme Lanke!". Ich bin übermüdet und kann Lärm nicht mehr ertragen. Geräusche von Autos oder einem vorbeifahrenden Zug erscheinen mir unerträglich. 6 Kilometer vor dem Ziel wartet meine Freundin Hédi auf mich und begleitet mich auf der letzten Etappe. Ich bin recht nahe an den Grenzen meiner Leistungsfähigkeit. Ich sage halblaut: "Andor, denk an Deine Pumpe" und gehe die letzten Meter durch die sengende Hitze.

Samstag, 10:22 Uhr: Nach 12 Stunden und 22 Minuten Ich bin im Ziel. Als 577. der 2.300 Gestarteten. 1.200 von diesen werden aufgeben und nicht ins Ziel kommen. Einige der "Volkswander-Muttis" sind jedoch schon dort! Der Stadionsprecher brüllt in meine sensiblen Ohren: "Herzlich Willkommen in Biel! Wir begrüßen Andor Poll aus Berlin. Er ist zum ersten Mal dabei! Herzlichen Glückwunsch! Ich hoffe wir sehen Dich nächstes Jahr wieder!" Naja, das würde ich sofort nicht garantieren. Nun geht´s erstmal unter die Dusche. Und dann schlafen und nicht mehr Laufen! Es dauert mindestens eine halbe Stunde bis ich realisiert habe, dass ich es nun wirklich geschafft habe. Dann beginnt man, etwas infantil zu grinsen.

Fazit: Ich habe etwa 5,5 Kg Körpergewicht in 12 Stunden verloren, obwohl ich 12,5 l getrunken und Einiges gegessen habe. Nun, 48 Stunden danach mit einem langen Schlaf und einem Tag mit schweren Beinen fühle ich mich wieder prächtig: Kein Muskelkater, keine Blasen. Auch die Strapazen sind längst vergessen. Es bleiben nur angenehme Erinnerungen an die skurrile "Nacht der Nächte".

Warum tut man sich das an? Ein Spruch beschreibt es wohl am treffendsten: "Ein Fuchs muss tun, was ein Fuchs tun muss!"

Andor Poll
poll@entree-berlin.de


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