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Was wäre die deutsche Laufszene ohne Dieter Baumann?

Alleine der Tübinger setzt im Donaustadion eine Marke

05.07.2003

Ein Trauerspiel in mehreren Akten - Ernüchterung pur beim Blick auf die Laufszene bei den Deutschen Meisterschaften in Ulm

Als Rüdiger Nickel, der Leistungschef des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), nach Abschluss der beiden Meisterschaftstage im Ulmer Donaustadion eine Bilanz zog und dabei sein “Es sind Hoffnungsschimmer da“ formulierte, da mag er vielleicht an die Hanniske, Winter, Otto gedacht haben, die neben den Etablierten wie Baumann, Lobinger, Henry, Nerius und Schultz eine Marke auf der Sonnenterasse gesetzt haben. Wohlweislich deckte Nickel aber über den Bereich Lauf den Mantel des Schweigens, denn ansonsten hätte es Kritik pur geben müssen. Denn auf den Strecken zwischen 800 m und 5000 m herrschte mit kleinen Abstrichen die blanke Tristesse vor. Einem René Herms darf man gewiss keinen Vorwurf machen, wenn der junge Mann aus Pirna es bei einem souverän herausgelaufenen 800 m-Sieg in 1:47,62 beließ, denn die kommenden Wochen mit U 23-EM und WM werden hart genug. Zumal auch eine gewisse Erwartungshaltung auf der traditionell erfolgreichen 800 m-Strecke liegt, vor allem dann, wenn man in den Annalen so erfolgreiche Läufer wie Harbig, Matuschewski, Beyer, Kemper, Wülbeck oder Schumann findet....

Einem Dieter Baumann noch viel weniger, wenn die Ergebnisliste eine 13:41,22 ausweist. “Ich habe ein beinhartes Rennen erwartet“, sagte er im Siegerinterview. Nicht nur der inzwischen 38jährige Tübinger, sondern auch die Fachleute hatten einen Generalangriff der “jungen Wilden“ wie Jan Fitschen, Mario Kröckert und Michael May erwartet. Doch denkste. Als Dieter Baumann nach zwei Kilometern einen Tick schneller lief, hatten die vermeintlichen WM-Kandidaten schon einen hochroten Kopf und schnappten nach Luft. Ausgelaugt und müde kamen sie nach vierzehn Minuten Laufzeit ins Ziel. Gedemütigt, deprimiert. Wer noch im Vorfeld der Titelkämpfe mit einem Leistungsnachweis in Richtung WM-Norm geliebäugelt hatte, der wurde hart auf den Boden der Tatsachen zurückgeführt. Fitschen hatte zwar im Winter mit seinem Hallensieg über Baumann ein erstes Signal gesetzt, doch dabei ist es im Duell mit dem Vorzeigeläufer der Nation geblieben. In Kassel wußte der Wattenscheider mit einer 13:26 zwar zu überzeugen, doch von diesem Leistungsniveau war er in Ulm weit entfernt.

Wenn Mario Kröckert im Ziel über Rang zwei jubelte (“mit Silber bin ich vollauf zufrieden“), dann sollte sich der junge Leverkusener aber an seinen eigenen (hohen) Ansprüchen messen lassen. Wenn ein Dieter Baumann im Herbst seines (Bahn-)Leistungshorizonts den Blick auf seinen Marathonstart in New York gerichtet hat, sollte der Olympiasieger von 1992 nicht mehr als Maßstab gelten. Denn auf der Bahn zählt Baumann nicht mehr zur Weltspitze, vor allem nicht auf der (zu kurzen) 5000 m-Distanz. Zwar wollte Dieter Baumann seine vermeintlichen Nachfolger nicht zu harsch kritisieren, doch zwischen den Zeilen schrieb er ihnen samt der Trainerschaft einiges ins Stammbuch.

Weitaus schlechter sieht es bei den Frauen aus. Eine Sabrina Mockenhaupt spazierte in 15:51,73 über die zwölfeinhalb Runden, die Konkurrenz mit Birte Bultmann an der Spitze lag fünfzig Sekunden und mehr zurück. Zwar fehlte mit Irina Mikitenko zugegebenermaßen unsere beste Läuferin, doch die gebürtige Kasachin liebäugelt längst schon mit der Marathondistanz. Eine im Kampfgetümmel beim Europacup erlittenen Muskelprellung könnte für die Frankfurterin sogar das WM-Aus bedeuten, denn die Normhürde ist selbst für eine WM-Fünfte sehr hoch.... Ulrike Maisch gab aus Krankheitsgründen früh auf, Susanne Ritter nur ein Zerrbild der vergangenen Saison – es sieht fürwahr nicht gut aus. Durch den Ausfall der wegen Krankheit fehlenden Melanie Schulz ist die Hindernisstrecke derart ausgedünnt, dass Katrin Engelen noch mit einer 10:34,13 letztlich zum Sieg kam.

Die männliche Abteilung Hindernis lieferte ein gewiss spannendes Rennen ab, das mit Christian Knoblich einen echten Überraschungssieger brachte. Den Fürther hatte gewiß kaum einer auf der Rechnung, doch “Knobi“ hatte den härtesten Kick auf der Zielgeraden gegen Titelverteidiger Philmon Ghirmai, Ex-Europameister Damian Kallabis, während der Mitfavorit Ralf Aßmus nach einem Sturz schon aus dem Rennen war. Alleiniger Nutznießer um das WM-Ticket ist vermutlich hier Philmon Ghirmai, der drei Tage vor den Meisterschaften zuvor in Luzern mit 8:20,50 die WM-Norm abliefern konnte, aber im Donaustadion noch nicht wieder spritzig genug wirkte, um das Rennen wie in Wattenscheid im Vorjahr zu seinen Gunsten entscheiden zu können. Mit Raphael Schäfer und dessen Rehlinger Christian Klein kündet sich weitere leistungsstarke Konkurrenz für die kommenden Jahre an.

Zwei typische Meisterschaftsrennen lieferten die 1500 m-Läufer ab. Mit Franek Haschke und Kathleen Friedrich gewannen die erklärten Favoriten, doch über die Endzeiten von 3:49,97 bzw. 4:21,86 sollte schnellstens der Mantel des Schweigens gelegt werden. Hier hat nur der Sieger recht ... Wann ist man/ frau mit 3:50,40 bzw. 4:26,39 schon einmal Vizemeister geworden?

Bleibt noch ein Wort zur 800 m-Entscheidung der Frauen. Hier setzte sich mit Claudia Gesell die Jahresbeste gekonnt gegen die couragiert laufende Monika Gratzki durch, die WM-Norm haben aber beide noch nicht. Während es für die Europacup-Siegerin aus Leverkusen eher nur eine Formsache sein sollte, muss sich Monika Gratzki trotz ihrer feinen 2:01,27 noch einmal um mehr als eine Sekunde steigern. Im Gegensatz zu den Männern, wo Altmeister Nico Motchebon Vizemeister (!) wurde, drängt hier die Jugend doch nachhaltig nach vorne.

Wilfried Raatz


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