42. BMW BERLIN-MARATHON am 27. September 2015

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Mein erster BERLIN-MARATHON

Erlebnisse und Gefühle beim BERLIN-MARATHON von Teilnehmern

19.07.2003

Der Literatur-Marathon gehört seit über einem Jahrzehnt zum umfangreichen Rahmenprogramm des real,- BERLIN-MARATHON. Dr. Detlef Kuhlmann, Dozent am Institut für Sportwissenschaft der FU Berlin und Professor und Lehrstuhlvertreter für Sportpädagogik am Institut für Sportwissenschaft der Universität Regensburg, organisiert und leitet von Beginn an diesen Teil des Programms am Marathonwochenende in Berlin Er motivierte auch Teilnehmer des real,- BERLIN-MARATHON ihre Erlebnisse und Gefühle beim Lauf durch die City niederzuschreiben - und bat zusätzlich Prominente ihre Ansichte und Gedanken über den real,- BERLIN-MARATHON zu Papier zu bringen. Wir veröffentlichen diese Texte in loser Reihenfolge.

Marathon boomt. Jedes Jahr kommen Läuferinnen und Läufer neu hinzu, die zum ersten mal die 42,195 km auf sich nehmen. Beim real,- BERLIN-MARATHON starten allein jährlich mehrere Tausend zum ersten Mal bei einem Marathon. Dieser Premieren-Marathon stellt einen Einschnitt in der Laufkarriere eines jeden einzelnen dar. Wir haben 999 Debütantinnen und Debütanten gebeten, einen kleinen Aufsatz zu schreiben zum Thema "Mein erster Berlin-Marathon":

Maren Breuer (Jahrgang 1976), Studentin für Politikwissenschaft und Sportwissenschaft an der Freien Universität Berlin:

Zur Vorgeschichte: Schon immer strahlte der Marathon eine große Faszination auf mich aus. Seitdem hatte ich mir als vages Ziel formuliert, einmal dabei zu sein, ohne es je systematisch angegangen zu sein. Jedes Jahr schaute ich zu und hatte schon als Kind auswärtige Freunde meiner Eltern mit angefeuert. Seit Jahren lief ich selbst regelmäßig zwischen fünf und zwölf km. Dann kam der 10 km City-Nachtlauf auf dem Kudamm. Die Zuschauer, die Musik - die Stimmung war unglaublich! Euphorisiert erzählte ich davon einem Kommilitonen, mit dem ich am gleichen Tag per Handschlag unsere Teilnahme am BERLIN-MARATHON besiegelte. Noch 5 Wochen - was für ein verrücktes, aber reizvolles Unternehmen. Nie zuvor lag dieser Lauf so greifbar vor mir. Ich war hoch motiviert und nahm im Vorfeld u.a. an zwei Läufen über die Halbmarathondistanz und 25 km teil. Irgendwann mußte er kommen: Der BERLIN-MARATHON 2000.

Die Masse um mich herum im letzten Starterblock grölt, jubelt, klatscht. Schon der Hinweg in der U-Bahn war ein Erlebnis: viel Zuspruch, anerkennende Blicke, viele andere Starter mit ihren einheitlichen Kleiderbeuteln. Der Startschuß fällt, es passiert nichts. Langsam kommt man ins Trippeln; meine Uhr zeigt mir einen Puls von 270. Sie scheint überfordert von all den Signalen um uns herum. Die Startlinie zirpt unter den vorbeifliegenden Chips für die Zeitnahme. Wir sind wirklich dabei! Neben mir läuft mein Kommilitone Thomas. Wir bewegen uns genau in der geplanten Zeit von 6:30 min. pro km. Es läuft super! Puls 140. Straße des 17. Juni, Brandenburger Tor, Unter den Linden, am Alex vorbei ... eine exklusive Art von sight-seeing-tour. Gedanken kreisen: Doch eher vier Stunden anpeilen? Oder lieber Kräfte sparen für später?

Die ersten 15 Kilometer laufen phantastisch. Ich laufe entspannt und lächelnd. Am Anhalter Bahnhof stehen wie verabredet ein paar persönliche Unterstützer mit Fahnen und Trillerpfeife. Bildchen geschossen, Getränkepäckchen ausgetauscht und weitergelaufen. Durch Kreuzberg geht es nach Neukölln, wo viele Kinder am Rand stehen und ihre Hand ausstrecken. Ich laufe nah bei den Zuschauern und klatsche viele dieser Hände ab. Die Kinder freuen sich, ich freue mich auch. Überhaupt gucke ich mir recht genau die Menschen am Rand an, erkenne sogar das eine oder andere bekannte Gesicht. Es ist ein Erlebnis! Ich genieße es - auch wenn sich langsam die Beine bemerkbar machen. Die Versorgungspunkte sind anstrengend. Es wird gedrängelt, die Straße ist naß und durch Tausende von Plastikbechern zum Hindernisparcours mutiert. Ich tauche meinen Schwamm in einen der Wasserkübel, benetze mein Gesicht, drücke den Schwamm am Hals und Ausschnitt, auf den Armen und über dem Kopf aus, um der ansteigenden Körperwärme entgegenzuwirken. Wie froh bin ich über meinen Getränkegurt! So kann ich zu jeder Zeit und ohne Hast auch spritzerweise Flüssigkeit zu mir nehmen. Ein paar Kilometer laufe ich mit abgespreiztem rechtem Arm. Das Trikot scheuert, die wunde Stelle brennt stark.

Mehr als die Hälfte ist geschafft. Meine Oberschenkel sind deutlich spürbar. Noch immer genieße ich die neuen Eindrücke der Stadt und tausche mich darüber mit meinem Begleiter aus. Ich rede häufig, er etwas weniger. Die Strecke wird eintöniger, mir fehlt mehr Musik. So freue ich mich schon eine halbe Stunde im voraus auf einen weiteren Treffpunkt mit meinen Promotern am Botanischen Garten, doch kann ich sie dort und beim nächsten Treffen nicht mehr entdecken. Wir motivieren uns dennoch, mein Begleiter wähnt sich kurz vor einem Beinkrampf. Trotz zunehmender Anstrengung bleibt meine Moral konstant, nie ein Gedanke ans Aufhören. Der Wilde Eber mit seinen Sambaklängen ist passiert und auch Kilometermarke 36 - den Rest schaffen wir auch! Wir überholen viele schmerzverzerrte Gesichter, die eine Geh- oder Stehpause einlegen. Am Fehrbelliner Platz laufen Freundinnen von uns ein Stück mit, wir unterhalten uns und erzählen vom bisherigen Lauf.

Dann die Zielgerade: der Kudamm. Endlich gibt es wieder mehr Zuschauer und laute Musik. Für einen kurzen Moment verspüre ich keine Lust mehr, erst ein Sommerhit von Britney Spears, der durch die großen Lautsprecher tönt, beflügelt mich, läßt mich vor Freude Kreise drehen und tanzen und trägt mich schließlich freudestrahlend über die Zielgerade. Wahnsinn! Geschafft! Zwei Ziele gesetzt und beide erreicht: Angekommen und ohne Pausen durchgerannt! Ich war überglücklich! Ehrlicherweise muß ich noch hinzufügen, daß die nächsten zwei Tage recht schmerzlich für mich waren. Doch die 42,195 km überhaupt bestanden zu haben, das war eine große Herausforderung und eine erstaunliche Grenzerfahrung. Dies war bestimmt nicht mein letzter BERLIN-MARATHON! Ich habe den Lauf genossen und mir bei jedem einzelnen Kilometer im stillen gesagt: "Du läufst wirklich den Marathon!“
(BERLIN-MARATHON 2000; 4:50 Std.)

Andrew Clarkson (Jahrgang 1956), Engländer lebt seit1984 in Berlin, Mitinhaber eines Handelsunternehmens:

Seit Jahren stehe ich am Marathonmorgen am Kurfürstendamm, um die Teilnehmer mit Bewunderung anzufeuern. Jetzt war Schluß mit Zuschauen. Nach sechs Monaten sorgfältigen Training im Verein (SCC Berlin) ging ich mit großer Zuversicht selbst an den Start. Dieser übertraf alle Erwartungen. Die letzten Töne von Vangelis “Conquest of Paradise“ verklangen, die letzten 15 Sekunden wurden abgezählt, dann der Startschuß - und 27.000 noch fröhliche Läufer bewegten sich langsam nach vorne. Die Wettkampfstimmung stieg, und ich erlebte das erste (und einzige!) “Runners high“, ohne einen einzigen Meter gelaufen zu sein. Gut, daß man allein durch das Gedränge von einem zu schnellen Anfangstempo abgehalten wurde.

In der Menschenmenge findet man nur schwer das eigene Tempo. Dies hat den Vorteil, daß die ersten zehn km vorbei sind, bevor das Laufen richtig beginnt, aber auch den Nachteil, daß sämtliche Sehenswürdigkeiten des ersten Streckenteils unbeachtet bleiben. Bei km 20 hatte ich ein Schlüsselerlebnis, als ich ein Gespann von zwei Damen überholte, die ein behindertes Kind im Rollstuhl gezogen bzw. geschoben haben. Ansonsten nur mit meinem eigenen Lauf beschäftigt, wurde ich hier von der Leistung dieser Damen tief beeindruckt, die diese Distanz in etwa neunzig Minuten zurück gelegt hatten.

Die Marathon-Weisheit, daß der Lauf erst bei km 32 anfängt, hört man immer wieder. Wenn man es selbst erlebt, gewinnt der Mythos des Marathons an Bedeutung. Innerhalb von weniger als 1500 m verwandelte sich mein Gemütszustand von absoluter Zuversicht, gut über die Strecke zu kommen, in schiere Hilflosigkeit, als die Kräfte gänzlich verschwanden, mein Tempo sich gen Null reduzierte und ich nicht mehr sicher war, ob ich die letzten zehn km noch schaffen konnte. Eine Stunde habe ich mit mir selbst gekämpft, keine Gehpause einzulegen, bevor ich dann endlich das Ziel am Kurfürstendamm erreicht habe.

Die Einstellung “nie wieder Marathon“ wurde schnell verdrängt, als die Schmerzen nachließen, und beim nächsten Vereinstreffen erfuhr ich, daß selbst erfahrene Marathonläufer zu kämpfen hatten. Die Vorbereitung für den nächsten BERLIN-MARATHON, in der Hoffnung besser und schneller durchzukommen, hat schon begonnen!
(BERLIN-MARATHON 2000; 3:25 Std.)


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